Gladbachs Höhenflug

22. Dezember 2011 13:44; Akt: 22.12.2011 15:49 Print

Das Wunder, das einfach nicht enden will

von Philipp Reich - Im Frühling hatte Lucien Favre Borussia Mönchengladbach vor dem scheinbar sicheren Abstieg bewahrt. Ein halbes Jahr später schweben die «Fohlen» noch immer auf Wolke Sieben.

Trailer zum grossen Fan-Jahresrückblick von Borussia Mönchengladbach, der am 24. Dezember auf YouTube aufgeschaltet wird. (Quelle: YouTube)
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«Letztes Jahr noch am Boden, heute auf dem Weg nach oben. Danke Jungs! Danke Lucien!», stand auf dem Spruchband, das vor der Gladbacher Fankurve hing. Schon vor dem abschliessenden DFB-Pokal-Achtelfinal gegen Schalke bedankten sich die die Anhänger der Borussia für das fantastische Fussballjahr 2011.

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Dank dem 3:1-Sieg gegen die Köngisblauen durften die Gladbach-Fans auch nach der Partie jubeln. Erstmals seit 2004 stehen die «Fohlen» im Pokal unter den letzten Acht. In der Bundesliga liegt man nach dem Fastabstieg im Frühling auf Rang 4, einem Champions-League-Platz. «Einen schöneren Jahresabschluss kann man nicht haben», sagte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl.

Favre, der akribische Arbeiter

Dabei hatte das Jahr für Borussia Mönchengladbach äusserst unangenehm begonnen. Mit nur 10 Punkten aus 17 Spielen und 56 kassierten Toren lag der fünffache deutsche Meister abgeschlagen am Tabellenende. Schnell wurde klar, dass es mit Michael Frontzeck nicht weitergehen kann und so übernahm Lucien Favre am Valentinstag (14. Februar) die Borussia. Und es sollte wahrlich eine Liebesbeziehung werden zwischen dem akribischen Schweizer und dem etwas eingerosteten Traditionsklub.

In kürzester Zeit brachte Favre seine neue Mannschaft auf die Erfolgsspur zurück. Organisiert, kompakt, präzis trat sein Team nun auf. Das Kader blieb dasselbe, der Romand nahm einige personelle Rochaden vor. Die Kunst von Favre war es, alle Charaktere in ein Konzept zu integrieren, das funktioniert. Der als schwierig geltende Regisseur Arango kehrte in die Stammelf zurück, ins Tor stellte Favre das junge Talent Marc-André ter Stegen. Die jungen Marco Reus und Patrick Herrmann waren die grossen Profiteure.

Der grösste Verdienst von Favre war aber die Stabilisation der Defensive. Die Schiessbude wurde fast augenblicklich geschlossen. Nur noch neun Gegentreffer kassierte Gladbach und schaffte schliesslich in der Relegation gegen den VfL Bochum den für unmöglich gehaltenen Ligaerhalt, das «Wunder von Gladbach». Es war der Grundstein für den angestrebten systematischen Aufbau unter Chefarchitekt Favre.

Defensive ist das Geheimnis des Erfolgs

Ohne grösseren Neuverpflichtungen ging der Höhenflug der Borussia auch in der neuen Saison weiter. Zum Auftakt der Hinrunde besiegten die «Fohlen» in der Allianz-Arena Rekordmeister Bayern München. Nach dem 4:1 gegen Wolfsburg grüsste Gladbach gar von der Tabellenspitze, erstmals seit beinahe fünf Jahren. Das Konzept blieb dasselbe: Hinten kompakt stehen und vorne mit schnellem Kombinationsspiel wirbeln. Nur einmal kassierte Gladbach in der Vorrunde mehr als einen Gegentreffer. Beim 2:2 gegen Leverkusen. Die Tore schiesst vor allem Shooting-Star Marco Reus, der dank 10 Treffern von den Bayern und Arsenal umworben wird.

Dank 33 Punkten aus 17 Spielen (Punkteschnitt 1,94) liegt die Borussia nach der Vorrunde auf Rang 4 und Lucien Favre, der vom deutschen Sportinformationsdienst zum «Trainer der Hinrunde» gewählt wurde, ist der erfolgreichste Trainer der Klubgeschichte. Nicht einmal Hennes Weisweiler, der in den 70er Jahren in der «Ära Netzer» die «Fohlen» zu drei Meistertiteln geführt hatte, kommt an den Punkteschnitt von 1,82 des Schweizer «Superhirnli» heran.

Man will auf dem Boden bleiben

Die Euphorie der Fans ist längst grenzenlos, doch weder Favre noch die Führungsetage der Gladbacher heben wegen des fantastischen Laufs aber ab. «Es gibt keinen Grund, das Saisonziel zu verändern. Das lautet noch immer: 40 Punkte holen und den Klassenverbleib sichern», sagte Vize-Präsident Rainer Bonhoff zuletzt und sorgte damit für Verwirrung bei den Journalisten. Mit dem Verweis zur Frankfurter Eintracht, die 2011 mit Platz 7 und 26 Punkten nach der Hinrunde noch abstieg, nahm er ihnen aber schnell den aufkommenden Wind aus den Segeln.

Auch für Favre ist erst die halbe Arbeit getan. «Es kann alles so schnell gehen», sagt der FCZ-Meistermacher von 2006 und 2007. «Wir machen weiter wie bisher und kämpfen um jeden Punkt. Abgerechnet wird am Schluss.» Wo Favres Borussia dann klassiert sein wird, steht noch in den Sternen. Uli Hoeness ahnt aber schon Böses: «Dieses Team könnte die Überraschungsmannschaft der Saison werden. Wie Wolfsburg vor zwei Jahren oder Kaiserslautern 1998», sagt der Bayern-Präsident im Wissen, dass sowohl Wolfsburg wie auch Lautern nach einer tollen Saison Meister wurden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Volker Danner am 22.12.2011 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Favre Superstar

    guter und prägnanter artikel! danke auch für den obigen trailer! grüße aus Berlin

  • Willem van Penalty am 22.12.2011 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    Nur halb korrekt!

    es sollte heissen: auf Rang4, einem Champions League Qualifikations Platz. Der 4. der Bundesliga ist nicht automatisch für die Champions League qualifiziert. Er muss gegen einen der fünf Sieger der 3. Qualifikationsrunde antreten.

  • Chris Müller am 22.12.2011 16:03 Report Diesen Beitrag melden

    Mhhh

    Guter Mann der Herr Favre. Ich hoffe aber nicht dass die halbe Schweiz jetzt denkt sie sind Gladbach Experten und ihr halbwissen jetzt überall verbreiten müssen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Steff am 23.12.2011 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gänsehatu

    Vielen Dank für den Text un dem Hinweis zum Trailer. Gladbach ist diese Saison wirklich Gänsehaut put. Der englische *Guardian" schreibt schon von "Borussia Barcelona", der Vergleich hinkt natürlich, ist aber eine tolle Anerkennung für die Arbeit und Philosophie von Lucien Favre.

  • Rahel am 22.12.2011 20:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spannendste Liga

    Darum finde ich die Bundesliga die spannendste Liga. Es gibt jede Saison einige Überraschungsmannschaften,mit denen man nicht rechnen würde.

  • Sandro am 22.12.2011 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Danke LF

    Gänsehautfeeling bei diesem Trailer! Was Favre aus dieser Mannschaft gemacht hat, stellt ihn für mich auf eine Stufe mit den besten Trainern der Welt!

  • FAVRE am 22.12.2011 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    FAVRE

    favre for the win :D!!!!!!

  • Gambon Mario am 22.12.2011 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    Früher gab es für einen Sieg nur 2 Punkt

    Nicht einmal Hennes Weisweiler, der in den 70er Jahren in der «Ära Netzer» die «Fohlen» zu drei Meistertiteln geführt hatte, kommt an den Punkteschnitt von 1,82 des Schweizer «Superhirnli» heran...... Damals galt aber auch noch die 2 Punkte Regel bei einem Sieg und nicht wie heute 3

    • Alfred Ritschard am 22.12.2011 19:40 Report Diesen Beitrag melden

      2 oder 3 Punkte

      Es ist wohl klar das man für statistische Vergleiche für alle Spiele die 3-Punkte-Regel anwendet. Hennes Weisweiler hat bei 340 Spielen 169 Siege und 85 Unentschieden was 1.7411 Punkte pro Spiel macht und Lucien Favre bei 29 Spielen 16 Siege und 5 Unentschieden was 1.8275 pro Spiel ergibt

    • marc f am 22.12.2011 20:29 Report Diesen Beitrag melden

      umrechnen

      die 2 Punkteregel wurde auf die 3 Punkteregel umrechnet B-)

    einklappen einklappen