Vogts-PK

06. Juni 2011 14:50; Akt: 06.06.2011 15:15 Print

Der «Skandal» mit dem WC-Papier

Berti Vogts wurde «von Schlägern tätlich angegriffen», hiess es. Doch in Tat und Wahrheit spielte sich alles viel entspannter - und fast ein bisschen lustig ab.

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Die Spieler von RB Leipzig werden im letzten Saisonspiel 2016/17 in Frankfurt (2:2) beim Torjubel mit einem beworfen. Der Pfeil landete unmittelbar neben Eintracht-Keeper Hradecky im Gras. Unappetitlich: Aus der Brondby-Fanecke kamen im Derby gegen Kopenhagen auf den Rasen geflogen. FCB-Fans haben Spieler von Salzburg mit . Der Schiedsrichter musste das Europa-League-Spiel unterbrechen. Beim Nascar-Rennen in Montreal wirft im August 2012 ein Zuschauer einen auf die Strecke. Dieser kostet Star-Rennfahrerin Danica Patrick die Führung und den möglichen Sieg. Im argentinischen Cup-Achtelfinal zwischen Racing Club und Sarmiento (2:0) warfen im April 2012 die Anhänger von Racing Dutzende . Sie waren vor allem mit der 1:4-Schlappe im Derby gegen Independiente wenige Tage zuvor unzufrieden und äusserten ihren Unmut mit den Gehhilfen. Lukas Podolski wird beim Auswärtsspiel in Mainz von einer getroffen und muss sich danach kurz sammeln. Beim Spiel zwischen St. Pauli und Eintracht Frankfurt (19. Dezember 2011) wird der Schweizer Pirmin Schwegler von einer am Kopf getroffen. Kansas-Goalie Jimmy Nielsen wird am 17. August 2011 während einem MLS-Spiel von einem am Kopf getroffen und muss verarztet werden. Der Däne konnte die Partie danach zu Ende spielen. Kölner Hooligans warfen im August 2011 beim Spiel gegen Schalke mit , um sich. Die Polizei nahm in der Folge Ermittlungen auf. Spielabbruch beim Bundesliga-Spiel St. Pauli–Schalke am 1. April 2011 nachdem ein Schiedsrichter-Assistent mit einem beworfen wurde. Becherwurf auch in der Axpo Super League: Bei der Partie zwischen dem FC Luzern und GC schleuderte am 26. Juli 2009 ein Zuschauer in der 91. Minute dem Zürcher Enzo Ruiz einen an den Kopf. Der Fussballer musste daraufhin gepflegt werden und konnte die Partie nicht beenden. Fans von AIK Stockholm warfen im Oktober 2008 im Spiel gegen Leksand aufs Eis. Der Grund: Jan Huokko - ein Ex-AIK-Spieler - leistete sich Anfang Jahr einen Sexskandal. Craig Bellamy wurde im Carling-Cup-Halbfinal gegen ManU im Januar 2010 von einer am Kopf getroffen. Die anfliegende Bierflasche verfehlte ihr Ziel zum Glück. Beim Uefa-Cup-Spiel zwischen Nijmegen und dem HSV wurde der Schiedsrichter im Februar 2008 durch ein am Kopf verletzt. In der Partie zwischen Zepce Limorad–Zeljeznicar Sarajevo gehen die Gastgeber in der 95. Minute 1:0 in Führung - obwohl nur drei Minuten Nachspielzeit angezeigt waren. Kurz darauf stürzte sich ein Gäste-Fan auf den Zepce Goalie. Noch weniger konnte ein anderer den Vorfall verkraften: Er warf auf dem Heimweg eine auf ein Fussballfeld mit Amateuren. Verletzt wurde niemand, Zeljeznicar verlor aber forfait 0:3. Ein Gymnasiast warf 1971 in Richtung Goalie-Legende Sepp Maier ein . 1993 im Dress des KSC war es eine , die Oliver Kahn niederstreckte. Nebst Leuchtraketen und einer Rumflasche warfen Zuschauer 2006 beim Derby zwischen Real Betis und dem FC Sevilla auch eine aufs Spielfeld. Eine flog 1982 aufs Spielfeld - zumindest ihr Vorderteil. Das war beim Spiel Charlton Athletic–Luton City. Warum, das weiss niemand. flogen im Derby zwischen San Martin und Godoy Cruz 2005 aufs Spielfeld. San Martin-Spieler Carlos Ezcurra wollte schlichten, geriet zwischen die Fangruppen und wurde im Tumult von einem Polizisten erschossen. In der Partie zwischen Inter Mailand und Atalanta Bergamo 2001 befördert ein Inter-Fan eine über die Tribüne Richtung Spielfeld. Milans Torhüter Dida wurde 2005 beim Champions-League-Viertelfinal gegen Inter Mailand von getroffen ... ... bei Frank Baumann von Werder Bremen (Nr. 6) war es im November 2008 ein . Ob eine den schwedischen Schiedsrichter Anders Frisk so zurichtete, ist nicht klar. Der Vorfall ereignete sich 2004 bei der CL-Partie AS Roma gegen Dynamo Kiew. Ein streckte im Oktober 2006 beim Spiel Stuttgart - Hertha BSC den Linienrichter Kai Voss nieder. Erzürnte Atlético-Fans warfen im Jahr 2000 beim Spiel gegen Sevilla einen aufs Spielfeld. Oliver Kahn wurde bei einem Spiel in Freiburg im April 2000 ein an den Kopf geworfen. Unmittelbar nach Abpfiff der Partie YB–Xamax am 23. April 2009 traf ein Schiedsrichter Jérôme Laperrière am Kopf. Er ging zu Boden und erlitt eine Platzwunde an der Unterlippe. Inter-Spieler Roberto Boninsegna geht im Rückspiel gegen Gladbach zu Boden. Er sei von einer getroffen worden. Das Spiel wurde wiederholt und endete 0:0 womit Gladbach nach dem 2:4 im Hinspiel ausschied. Beim Spiel Liverpool–Sunderland flog im Oktober 2009 ein roter aufs Feld. Dieser lenkte den Fussball so ab, dass er zum entscheidenden 1:0 für Sunderland ins Tor ging. schmissen die Reading-Fans 1999 aufs Spielfeld. Sie waren mit der Leistung ihrer Mannschaft unzufrieden. Der Tag ist passend als PANTS-Day bekannt (Players Are Not Trying Suficiently) Der zeugt nicht von Liebe. Barcelona-Fans hatten diesen 2002 Luis Figo «gewidmet», der zwei Jahre zuvor von Barça zu Real Madrid gewechselt hatte. Scott Mellanby entdeckte für die Florida Pathers 1992 unfreiwillig eine Tradition. Er tötete damals in der Kabine eine mit dem Stock und schoss danach zwei Tore. Daraufhin warfen die Fans vor jedem Spiel Plastik-Ratten aufs Spielfeld. Diese Sitte wurde 1996 verboten, da sich der Spielbeginn zu lange verzögerte. Den gegnerischen Spielern (hier Goalie-Legende Patrick Roy) war dies wohl nur recht. Beim FC Chelsea sangen die Fans bei jedem Spiel einen nicht jugendfreien Song. Danach flog auf den Platz. Das Gemüse stand für dieses Lied. Solche Wurfaktionen, wie jene bei der NLA-Partie zwischen Servette und Biel am <nobr>14. Januar 2011</nobr>, sind ganz legal. Die kamen dem Kinderspital Genf zugute. In der NHL sind Tiere beliebt: Bei Siegen der Detroit Red Wings fliegen schon mal aufs Eis. Seit 1952 gibt es die Tradition. Damals hatte ein Besitzer eines Fischlokals einen Oktopus aufs Feld geworfen. Jedes Tier sollte einen Sieg in den Playoffs bedeuten. Das schwerste Exemplar wog 1996 25 Kilo. Bei den Vancouver Canucks ist der nicht nur das Wappentier des Clubs und der Stadt, sondern ... ... der Fisch soll dem Eishockey-Team auch Glück bringen, wenn man ihn aufs Eis wirft. Keine Tradition, aber dafür bizarr: Ein auf dem Spielfeld bei einem Playoff-Spiel der San Jose Sharks im Mai 2007.

Berti Vogts wurde doch nicht mit WC-Papier beworfen. Aber im Fussball fliegen sonst die unglaublichsten Gegenstände durch die Luft.

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Die Sportinformation meldete am Sonntagmittag: «Vogts an Pressekonferenz attackiert.» Der Nationaltrainer Aserbaidschans soll nach der 1:2-Niederlage gegen Kasachstan von «Schlägern tätlich angegriffen worden» sein. Sicherheitsleute hätten Schlimmeres verhindert, Vogts erstattete Anzeige.

In deutschen Medien wurde der 64-Jährige zitiert: «Ich habe schon viel erlebt, aber mit so etwas hätte ich nicht gerechnet. Das ist auch nicht zu verstehen, das geht gar nicht. Mir fehlen die Worte.» Er vermutete gar «bezahlte Schläger» hinter der Attacke.

Giesskanne und Toilettenpapier

Hört sich alles schlimm an. Doch dann wird die Sache kurios: Die ARD meldet: «Ein Mann mit einer Giesskanne und ein weiterer mit Toilettenpapier» hätten Vogts erwartet. Er sagt: «Ich kann nur sagen, dass ich angegriffen worden bin. Das ist abgehakt.» Die russische Agentur Interfax schreibt, Vogts sei von einem Journalisten mit einer Rolle WC-Papier beworfen worden.

Aufgeklärt wird der Fall von der «Süddeutschen Zeitung». Diese hatte einen Mann vor Ort. Daniel Theweleit meldet: Rund 20 Journalisten seien an der PK gewesen. Auf die Frage, wie lange er noch im Amt bleiben möchte, habe er geantwortet: «Um vier Uhr geht eine Maschine über Istanbul nach Deutschland, wenn der Verbandspräsident das möchte, dann werde ich die nehmen.» Die Hälfte der Anwesenden habe dies mit Applaus goutiert. Kurz darauf war der Pressetermin zu Ende.

«Sicherheitskräfte waren definitiv zu keinem Zeitpunkt nötig»

Als Vogts den Raum verlassen wollte, musste er an sechs, sieben Berichterstattern vorbei, welche «mit WC-Papierrollen wedelten, die sich mehr und mehr abwickelten». Einer der Protestierenden hätte eine rote Giesskanne geschwenkt - wohl weil nichts anderes verfügbar war. «Wahrscheinlich wurde Vogts von ein bisschen Klopapier berührt, und aus dieser Situation muss wohl die Geschichte vom tätlichen Angriff entstanden sein, die der Sport-Informations-Dienst am Sonntag nach einem Telefonat mit Vogts verbreitete», mutmasst Theweleit. «Vielleicht hat er den bizarren Protest tatsächlich als bedrohlich empfunden. Aber Sicherheitskräfte waren definitiv zu keinem Zeitpunkt nötig», berichtet der Reporter weiter und erzählt, wie ein lächelnder Vogts danach den deutschen Journalisten die Hintergründe der Abneigung erklärte.

Die Frage bleibt aber trotzdem im Raum: Wie lange macht Berti Vogts den Job noch in Aserbaidschan. Am Dienstag gastiert der verlustpunktlose Leader Deutschland beim Europameister-Trainer von 1996. Kaum anzunehmen, dass dieses Spiel die Wende einleitet. Aber womöglich klären die deutschen Journalisten den «WC-Papier-Skandal» dann definitiv auf.

(fox)

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