Umstrittener Platzverweis

04. Februar 2020 14:27; Akt: 04.02.2020 16:22 Print

Deutschland diskutiert über Anstand im Fussball

von Etienne Sticher - Auch Tage nachdem Gladbachs Pléa wegen Reklamierens zweimal Gelb sah, debattiert Deutschland über die neue Regelauslegung.

Alassane Pléa sieht zweimal innert Sekunden Gelb und fliegt vom Platz. (Video: ZDF)
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Der Schiedsrichter fällt eine Entscheidung und sofort stehen mehrere Spieler um ihn herum und versuchen, seine Meinung zu ändern, beschweren sich bei ihm oder beleidigen ihn sogar. Solche Szenen gehören im Jugend-, Amateur- und auch im Profifussball zur Normalität. Bei Amateurspielen kam es bereits mehrfach sogar zu tätlichen Angriffen auf Unparteiische. Darauf reagierte der Deutsche Fussball-Bund (DFB) und instruierte seine Schiedsrichter, in der Rückrunde Unsportlichkeiten konsequenter zu ahnden.

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Diese strengere Regelauslegung bekam Bremens Verteidiger Niklas Moisander bereits am ersten Spieltag der Rückrunde zu spüren, als er nach lautstarkem Reklamieren die zweite Gelbe Karte sah und frühzeitig vom Platz musste. Diese Situation war bereits strittig, doch im Spitzenspiel zwischen Leipzig und Gladbach ereignete sich eine Szene, die für weitaus mehr Diskussionen sorgte.

Nach einem Zweikampf in der 60. Spielminute verlangte Gladbachs Alassane Pléa einen Freistoss, den er aber nicht bekam. Stattdessen zeigte ihm der Schiedsrichter Tobias Stieler die Gelbe Karte. Pléa machte daraufhin einige abschätzige Gesten in Richtung des Unparteiischen, woraufhin er gleich nochmals verwarnt wurde und das Feld verlassen musste. In Überzahl konnten die Leipziger noch den Ausgleich erzielen und sich damit einen Punkt sichern.

Kritik von Urs Meier

Für diese Aktion wird Stieler von Medien, Spielern, Funktionären und Experten nun heftig kritisiert. «Sie haben das Spiel Mönchengladbach gegen Leipzig ruiniert», wirft ihm die «Bild»-Zeitung vor. Gladbachs Jonas Hofmann bezeichnet die Aktion als spielentscheidend. Dadurch gingen dem Fussball die Emotionen verloren, beklagt sich der deutsche Ex-Fussballer Lothar Matthäus. «Komplett überzogen» sei die Gelb-Rote Karte gewesen. «Ein bisschen Fingerspitzengefühl» fordert Gladbach-Goalie Yann Sommer. Borussias Vizepräsident Rainer Bonhof wittert gar eine Spielabsprache: «Hatte der (Schiedsrichter Stieler) den Auftrag, das Spiel 2:2 ausgehen zu lassen?»

Der Leipziger Trainer Julian Nagelsmann, dessen Team vom Platzverweis profitieren konnte, hat nicht viel Verständnis für Stielers Entscheidung. Die Situation sei «nicht so dramatisch» gewesen. Auch der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier ist mit der neuen Regelauslegung nicht zufrieden und kritisiert Stieler: «Er ist ganz klar über das Ziel hinausgeschossen.» Er bezeichnet die Partie als «grossartiges, schnelles und faires Spiel», in das der Platzverweis nicht rein passe. Meier appelliert dabei an den gesunden Menschenverstand und das Verständnis für die Spieler.

Rückendeckung vom DFB

Stieler selbst gibt zu, dass es schon schlimmere Situationen gegeben hat. Er verteidigt seine Entscheidung aber mit der konsequenteren Bestrafung von Unsportlichkeiten, die der DFB möchte und über die alle Vereine informiert worden sind. Darauf bezieht sich auch der DFB, der Stielers Entscheidung in einer Mitteilung ausdrücklich unterstützt und seine Schiedsrichter bestärkt, «konsequent gegen Unsportlichkeiten vorzugehen».

Doch nicht nur der DFB gibt Stieler Rückendeckung. Der Mainz-Trainer Achim Beierlorzer beispielsweise findet «den Ansatz gut, das Verhalten der Spieler verändern zu wollen». Er betont die Wichtigkeit von sportlichem Verhalten und Fairness, auch gegenüber den Schiedsrichtern. Während er eine konsequentere Bestrafung von unsportlichem Verhalten gutheisst, bemängelt er, dass dies während der Saison angepasst wurde. Auch Florian Kohfeldt, Trainer von Bremen, findet die Regel «nachvollziehbar und richtig». Eine Stärkung der Rolle des Schiedsrichters, die die Regel beabsichtigt, begrüsst er.

Um Klarheit zu schaffen, veröffentlichte der DFB folgende Liste mit Verhaltensweisen, die als Unsportlichkeiten definiert werden und mit Gelb bestraft werden:

  • Fordern einer Gelben Karte für einen Gegenspieler sowie das Fordern des VAR (verbal oder mit Gesten)
  • Aussenwirksames Gestikulieren (zum Beispiel Abwinken) beziehungsweise Reklamieren
  • Höhnische beziehungsweise respektlose Gesten
  • Jede Form aggressiven Verhaltens gegenüber dem Schiedsrichter
  • Mobbing (zum Beispiel Umzingeln des Schiedsrichters)
  • Zeitspiel/Verhinderung einer schnellen Spielfortsetzung (zum Beispiel Ball wegtragen, wegschiessen oder wegwerfen)
  • Simulation (ohne klaren Kontakt des Gegenspielers)
  • Auslösen einer Massenkonfrontation (Rudelbildung)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mario am 04.02.2020 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Der Einzige der das Spiel ruiniert hat ist wohl der reklamierende und beleidigende Spieler!! Finde es geht absolut in die richtige Richtung! Wenn alle Schiris so pfeiffen gibt es bald kein Reklamieren mehr! Find ich ein TOP Verhalten! In jedem ander Sport geht es auch ohne dieses "Rumgeheule"

  • Philipp am 04.02.2020 17:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht so

    Dieses ständige Lamentieren der Fussballer nervt nur noch. Der Schiedsrichter hat das letzte Wort und die Spieler haben das zu akzeptieren. Würde mir eine solche Regelung auch in der Super League wünschen

  • Zürcher Ex-Pat am 04.02.2020 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Es wäre an der Zeit

    dass die hochbezahlten Fussballprofis wieder Vorbilder werden. Hier in Frankreich gab es kürzlich eine Studie die sagte, dass die Gewalt in Amateurfussball vor allem eine Kopie der Profifussballer ist. Es ist halt "cool" den Schiedsrichter anzupöblen, so wie es Neymar und Consorten machen. Heute ist es leider so, dass Rücksicht auf Andere als Schwäche angeschaut wird. Höflichkeit ist nicht mehr "In". Und dann beschweren sich Alle dass Alles "den Bach runterfliesst". Deshalb finde ich den Entscheid des DFB richtig, hört auf mit den Unfreundlichkeiten!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Michi am 04.02.2020 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Härter durchgreifen

    Sollte viel mehr Gelb geben wegen reklamieren und schauspielern. Ist ja nicht mehr zum schauen, die überbezahlten Diven die wegen jedem kleinen Rempler erst 5min.rumliegen, und dann noch recklamieren wegen jeder Endscheidung

  • Päuli am 04.02.2020 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich lach mich weg

    Fussball und Anstand sind per se ein Widerspruch. Sowohl auf dem Platz, als auch bei einer gewissen Sorte Zuschauer. Aber der gegenseitige Respekt geht mittlerweile in allen Lebenslagen verloren. Ob Politik, Wirtschaft, Religion, gesellschaftliches Zusammenleben....es geht nur noch um Egoismus, Geld und Macht.

  • Thomas Christener am 04.02.2020 19:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sport für die Dummen

    An die zurückgebliebenen Fussballer. Es gibt heute eine Technologie, die nennt sich Video. Man kann, so man denn willens ist, damit geschehenes Beweisen. Die Fifa will das partout nicht und stellt lieber einen schwarz-weiss gestreiften "Gott" aufs Grün. Bei den Eishockeyanern funktioniert das seit Jahren, da gibt es nichts zu diskutieren. Fussball ist ein Pussysport und wird es immer sein. Wer denkt, das es um ein Spiel, um einen Wettbewerb oder sportliche Leistung gienge hat es nicht verstanden. Es geht nur um Macht und Geld.

  • ali am 04.02.2020 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut so, aber bitte mehr!

    Die Auslegung des Schiris gefällt mir, das problem ist, dass sonst zu wenig durchgegriffen wird, deshalb sehen sich die spieler im Recht. Es braucht eine Einheitliche Reglung, die besagt das jede abfällige Geste und jedes abfällige wort in Richtung Schiedsrichter sofort gelb geben muss. Nur wenn das konsequent durchgesetzt wird änder sich was.

  • Bundesliga Fan am 04.02.2020 18:04 Report Diesen Beitrag melden

    Keine neue Regel

    Die Regel ist grundsätzlich nicht neu. Nur die verschärfte Umsetzung ist neu. Schön wäre es, wenn sich alle Schiris daran halten würden. Dann wäre dieses ewige Lamentieren bald zu Ende. Weiss aber selbst, dass dies Wunschdenken ist, im Fussball wird immer alles unter den Deckmantel "Emotionen" gekehrt... Schiri Stieler kritisiere ich einzig für die Art und Weise, wie er die 1. gelbe Karte ausspricht. Geht viel zu nahe ran, streckt die gelbe Karte viel zu lange dem Spieler ins Gesicht und provoziert dadurch die anschliessende gelb-rote Karte.