U21-Nati

21. Juni 2011 08:54; Akt: 21.06.2011 09:33 Print

Die goldene Seite des Doppelpasses

von Eva Tedesco, Aalborg - Der U21-Nati schreibt man ein riesiges Potenzial zu. Ihr Geheimnis: Beharrliche Nachwuchsarbeit – und ein Patchwork aus jungen Talenten verschiedener Länder und Mentalitäten.

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Nur zum Richtigstellen: Doppelbürger sind keine exklusive Erscheinung, die nur im Fussball anzutreffen ist. Ob Bürokaufmann, Banker oder Handwerker, viele Schweizer haben einen zweiten Pass. Man weiss es oft nur nicht, dass sie Doppelbürger sind. Bei den Fussballern werden eben beide Nationen angegeben, was bei anderen Berufen nicht die Regel ist.

Umfrage
Was erreicht die U21-Nati nun an der EM?
53 %
36 %
11 %
Insgesamt 3820 Teilnehmer

Xherdan Shaqiri, Innocent Emeghara, Admir Mehmedi (2), Frank Feltscher und Fabian Frei heissen die Torschützen an der U21-EM in Dänemark. Ausser Frei allesamt Spieler mit Schweizer Pass und fremden Wurzeln. Shaqiris Eltern emigrierten aus dem Kosovo, Emegharas aus Nigera, Mehmedis Eltern kamen aus Mazedonien in die Schweiz und Feltscher besitzt neben dem Schweizer auch den venezolanischen Pass. 14 der 23 Kadermitglieder der aktuellen U21-Nationalmannschaft haben ihre Wurzeln fern der Schweiz (Italien 3, Kroatien, Albanien, Kosovo, Mazedonien je 2, Tunesien, Venezuela, Nigeria und Deutschland).

Secondos bringen Leidenschaft mit

Trotz guter Integration ist für viele Secondos der Sport die beste Möglichkeit geblieben, Besonderes zu leisten. Dass es oftmals Talente mit Migrationshintergrund sind, die sich dem Fussball verschreiben, ist auch kein Zufall: In vielen Ländern, aus denen sie stammen, hat der Fussball einen grösseren Stellenwert. In ihrer Heimat haben Fussballprofis einen anderen Status als in der Schweiz und diese Anerkennung und dass Prestige will man auch. Dafür kämpfen die Fussball-Teenager mit aller Leidenschaft, was den Konkurrenzkampf und die Qualität erhöht und sich neben der guten Ausbildung durch den SFV und die Vereine in Erfolg niederschlägt.

Diese Secondos haben vorgemacht, was Winner-Mentalität ist. Sie haben es ermöglicht, dass man auch als Schweizer Selbstvertrauen zeigen und auch einmal untypisch schweizerisch sein Ziel in Worte fassen darf, ohne gleich für verrückt erklärt zu werden. «Wir wollen Europameister werden», sprach die U17-Nati erstmals 2002 in dieser Deutlichkeit öffentlich. «Das war für Schweizer Verhältnisse fast unverschämt», so der damalige Trainer Markus Frei. Ziegler, Senderos (spanisch-serbischer Herkunft), Barnetta (Italien) & Co. haben nicht nur davon geredet, sie haben den Titel des Europameisters gewonnen. 2009 legte eine U17-Auswahl nach und wurde in Nigeria gar Weltmeister. Auch dieses WM-Kader bestand zu mehr als der Hälfte aus Spielern mit Migrationshintergrund (13 von 20).

Aus den Fällen Petric/Rakitic gelernt

16 Jahre nachdem der Schweizerische Fussballverband (SFV) mit dem neuen Ausbildungskonzept losgelegt hat, beginnt es richtig zu greifen. Der Verband hat aus Fällen wie Mladen Petric und Ivan Rakitic (entschieden sich für Kroatien) gelernt. Heute bemüht sich der SFV früh um die Spieler. Ein Beispiel? Als es darum ging, Granit Xhaka für die A-Nati und die U21 aufzubieten, haben sich Peter Knäbel, technischer Direktor beim SFV und Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld erst mit Vater Xhaka und dem Spieler zum Gespräch getroffen, um die Eltern in die Karriereplanung mit einzubeziehen. Ausserdem kümmert man sich um die Persönlichkeitsentwicklung der Talente, sportliche Belange, aber auch um Dinge neben dem Platz.

Dazu kommt, dass unsere heutigen Teenager ihre Heimatländer meist nur aus den Ferien und Schilderungen – meist schon der Grosseltern – kennen. Viele Eltern sind schon in zweiter Generation in der Schweiz und ihrer neuen Heimat näher als den Herkunftsländern. So sind die jungen Spieler auch nicht mehr so hin- und hergerissen in ihrer Entscheidung, wie vielleicht noch vor Jahren. Der entscheidende Faktor aber bleibt: Je erfolgreicher die Auswahlen sind und je regelmässiger man sich für EM- und WM-Endrunden qualifiziert, desto eher entscheiden sich die Secondos für die Schweiz.

Die U21-Jungs in Dänemark gehen mit dem Thema Multi-Kulti locker um. Fabian Frei lacht: «Egal, ob aus Zürich, Basel, St. Gallen oder Bern: Wir sind ein Team, eine Einheit, eine Nationalmannschaft.» Und das setzt die goldene Generation auch um – Migrationshintergrund hin oder her.