WM mal anders

02. Juni 2016 19:21; Akt: 05.06.2016 15:30 Print

Die tapferen Rätier in Abchasien

von Sandro Compagno - Für hochstehenden Fussball sind die Bündner nicht bekannt. An der WM für unabhängige Fussballverbände gab es bislang drei Klatschen.

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Die Delegation der FA Raetia am Spiel zwischen West-Armenien und Abchasien in Sukhumi, der Hauptstadt Abchasiens. Die Abchasier gewinnen 1:0. Rund 8000 Zuschauer sorgen für ein ausverkauftes Stadion. Das Spiel gegen West-Armenien gilt als Derby... Schon die Eröffnungsfeier in Sukhumi ist gut besucht. Auch Raetiens Farben sind vertreten. Wie richtig, nur etwas niederschwelliger: Die Bündner Kicker posieren für Selfies... ... schreiben Autogramme in der Stadt... ... oder auch am Strand. Der Spieler im Bild nennt sich Chett. Chett ist der Mittelfeldmotor und gilt als Granit Xhaka Raetiens. Ihre richtigen Namen möchten die Bündner Kicker nicht in der Zeitung lesen. Die Reise in die abtrünnige Region ist politisch heikel. Die Raetier tragen ihre Spiele in der Küstenstadt Gagra aus. Hier vor dem Anpfiff gegen die weiss gekleideten Padanier. Gespielt wird auf Kunstrasen. Die Partie gegen die Norditaliener, die grösstenteils in der LegaPro (3. Division) und Serie D spielen, geht 0:6 verloren. Ein Blick auf die raetische Ersatzbank. Auch für etwas Sightseeing bleibt den Kickern Zeit. Hier die Strandpromenade von Gagra, zu Sowjetzeiten ein beliebter Ferienort. Nach der gewaltsamen Abspaltung von Georgien brach der Tourismus ein. Heute machen vor allem preisbewusste Russen in Gagra Ferien. Die Schwarzmeerküste in Gagra. Am spielfreien Tag unternimmt das Team einen Ausflug in den Ritsinsky-Nationalpark. Begleitet werden sie dabei von den ebenfalls noch punktelosen Kickern aus Somaliland.

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Auf ein 0:6 gegen Padanien folgte ein 0:7 gegen Nordzypern und gestern in der Platzierungsrunde ein 0:6 gegen Szeklerland, die ungarische Minderheit in Rumänien. Damit ist gesagt, worum es beim Turnier in Abchasien geht: Es sind von der Fifa nicht anerkannte Fussballverbände, die einen Weltmeister küren. Organisiert sind sie in der Conifa (Confederation of Independent Football Associations). Der Verband besteht aus Staaten, Minderheiten, staatenlosen Völkern und Regionen, die nicht Mitglied des Fussball-Weltverbandes sind. Zwölf Mannschaften sind in Abchasien vertreten: Von den Kurden im Irak über die koreanische Minderheit in Japan bis hin zu den Raetiern.

Der Unmut der Georgier

Für die gab es einige Wochen vor der Abreise einen diplomatischen Nasenstüber: Völkerrechtlich gilt Abchasien nach wie vor als Teil Georgiens. Erst Russland, Nicaragua, Venezuela und Nauru (!) haben die Region am Schwarzen Meer mit ihren rund 250‘000 Einwohnern als eigenständigen Staat anerkannt. Als der georgische Botschafter in der Schweiz von den Plänen der Bündner Kicker erfuhr, intervenierte er beim EDA, die Einreise von Russland nach Abchasien sei nach georgischem Recht illegal.

«Alt Fry Rätien» als Grundlage

Die Bündner nahmen den diplomatischen Vorstoss zur Kenntnis und reisten vor einer Woche in die Küstenstadt Gagra, wo sie ihre Spiele bestreiten. Wobei «Bündner» nicht ganz korrekt ist. «Wir haben ‹Alt Fry Rätien› als Grundlage», erklärt Yacine Azzouz, Präsident der FA Raetia. «Rätien war autonom, bis es von Napoleon der damaligen Helvetischen Republik zugeschanzt wurde – ohne das Veltlin und Teile Vorarlbergs.» Graubünden sei der Eidgenossenschaft also nie freiwillig beigetreten.

Dass die Auswahl, die sich aus Amateuren von der 2. Liga regional bis zur 5. Liga zusammensetzt, in Abchasien zu den Aussenseitern gehört, war schon vor der Abreise klar. Für Padanien beispielsweise kicken Spieler der italienischen Serie C und D, die Nordzyprer sind grösstenteils in der zweiten türkischen Liga tätig. Die Klassenunterschiede waren in den Gruppenspielen auch mit viel Kampfgeist nicht zu kaschieren.

«Wir wollen uns in Abchasien nicht blamieren», fasst Yacine Azzouz das Ziel der Rätier zusammen. Natürlich sei das sportliche Abschneiden hierin eingeschlossen. «Es geht aber auch um unser Auftreten. Wir wollen uns anständig benehmen, gute Gäste sein, schliesslich sind wie hier ja auch Botschafter einer Region.»

Sightseeing mit Somaliland

Nach einem spielfreien Tag, den die Bündner nutzten, um sich gemeinsam mit den Publikumslieblingen von Somaliland ein paar Sehenswürdigkeiten in der kleinen Republik anzusehen, ging es am Donnerstag in der Platzierungsrunde mit einem 0:6 gegen Szeklerland weiter. Ein Spiel steht noch aus: gegen die Chagos Inseln. Das Archipel mitten im indischen Ozean ist bis auf eine US-Militärbasis unbewohnt. Viva la Grischa!

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robert am 02.06.2016 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genial

    Muss ich mir anschauen wie die nordzypern gegen die minderheit von südkorea spielen.

  • The Wizard Of Id am 02.06.2016 20:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der gute alte Chett...

    ...möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Dann wird es ihn bestimmt auch recht sein, dass man ihn auf den Fotos nicht erkennen kann...

  • John C. am 03.06.2016 03:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Landschaft

    Danke für die News, hatte noch nie weder von der ConIFA noch von den Stränden Abchasiens gehört. Auf dem Foto 8 sieht man wie die Berge bis an den Strand reichen. Ist ja herrlich, vormittags eine Wanderung und dann an der Strand ausspannen. Scheint eine Wunderschöne Gegend zu sein.

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  • John C. am 03.06.2016 03:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Landschaft

    Danke für die News, hatte noch nie weder von der ConIFA noch von den Stränden Abchasiens gehört. Auf dem Foto 8 sieht man wie die Berge bis an den Strand reichen. Ist ja herrlich, vormittags eine Wanderung und dann an der Strand ausspannen. Scheint eine Wunderschöne Gegend zu sein.

  • The Wizard Of Id am 02.06.2016 20:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der gute alte Chett...

    ...möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Dann wird es ihn bestimmt auch recht sein, dass man ihn auf den Fotos nicht erkennen kann...

  • Robert am 02.06.2016 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genial

    Muss ich mir anschauen wie die nordzypern gegen die minderheit von südkorea spielen.