EM-Qualifikation

12. Oktober 2019 11:50; Akt: 12.10.2019 13:05 Print

Diese zehn Fragen beschäftigen die Nati

von Fabian Ruch und Thomas Schifferle, Kopenhagen - Wer ist besser als Lichtsteiner? Wie sehr braucht es Shaqiri? Und was passiert mit Petkovic?

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Xherdan Shaqiri wird der Nationalmannschaft wohl weiterhin fehlen. Das zumindest sagt Pepijn Lijnders, der Assistenztrainer von Liverpool an einer Pressekonferenz. Damit ist Vladimir Petkovic umso mehr auf folgende Spieler angewiesen. Diesen drei Männern läuft es hervorragend: Breel Embolo, Denis Zakaria und Nico Elvedi gehören beim Bundesliga-Leader Gladbach zum Stammpersonal. Das Quartett komplettiert Yann Sommer, der Goalie, der sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Club kaum mehr wegzudenken ist. Embolo allerdings wird gegen Georgien und Gibraltar verletzt fehlen. Ein sicherer Wert in der Premier League: Fabian Schär hat sich bei Newcastle United etabliert. Und Mittelfeldspieler Remo Freuler spielt bei Atalanta Bergamo weiterhin einen souveränen Part. Der wechselhafte Granit Xhaka: Von Coach Unai Emery zum alleinigen Captain von Arsenal ernannt, musste der Zehner der Nationalmannschaft in den letzten Wochen auch einiges an Kritik einstecken. Etwas treffsicherer war der Nationalspieler des Jahres in der vergangenen Saison. Doch Haris Seferovic gehört bei Benfica Lissabon weiterhin zum Stammpersonal. In neun Spielen erzielte er drei Tore. Nicht mehr ganz so unwiderstehlich wie noch in der vergangenen Saison: Manuel Akanji leistete sich in der Innenverteidigung von Dortmund zuletzt einige Fehler. Hat noch etwas Mühe in der Bundesliga. Einmal flog Stephan Lichtsteiner noch vor dem Pausenpfiff vom Platz, einmal wurde er zur Halbzeit ausgewechselt. Und doch ist er nach wie vor der beste Rechtsverteidiger, den die Schweiz zu bieten hat. Denn sein vermeintlich grösster Konkurrent ist im Ausland noch gar nicht angekommen: Kevin Mbabu, auf diese Saison hin von YB nach Wolfsburg gewechselt, sitzt meist auf der Ersatzbank. So geht es auch ihm hier auf der anderen Abwehrseite. Bei Milan wird Ricardo Rodriguez derzeit nicht gebraucht, Zuzug Theo Hernandez überzeugt. Die Chance für Rodriguez: Milan wechselte bereits nach sieben Serie-A-Spielen den Trainer. Drängt er sich bald auf? Djibril Sow brilliert in Frankfurt und könnte so Druck auf Freuler ausüben.

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1. Wie gut sind die Nati-Spieler in Form?

Yann Sommer, Nico Elvedi, Denis Zakaria und Breel Embolo sind mit Mönchengladbach Leader in der Bundesliga und haben als Leistungsträger überzeugt – praktischerweise verteilen sie sich auf Tor, Abwehr, Mittelfeld und Sturm. Auch Fabian Schär ist bei Newcastle ein sicherer Wert, Remo Freuler agiert bei Serie-A-Überraschungsteam Atalanta ordentlich. Granit Xhaka zeigte sich bei Arsenal zuletzt wechselhaft, Haris Seferovic ist bei Benfica Lissabon noch nicht so treffsicher wie gewohnt.

Manuel Akanji wiederum leistete sich bei Dortmund einige Fehler, Stephan Lichtsteiner ist bei Augsburg nicht stilsicher, sah einmal noch vor der Pause zwei gelbe Karten, wurde zuletzt nach der ersten Halbzeit ausgewechselt. Kevin Mbabu, sein Konkurrent im Nationalteam, sitzt derweil bei Wolfsburg noch auf der Ersatzbank. Und Ricardo Rodriguez schliesslich blickt auf einen missratenen Saisonstart zurück, er verlor bei Milan seinen Stammplatz an Theo Hernandez.

Von jenen Akteuren, die wenig Chancen auf einen Startplatz besitzen, hat zuletzt Djibril Sow bei Frankfurt brilliert.


2. Wie sehr fehlt Shaqiri dem Team?

Shaqiris mächtige Wade zwickt mal wieder. Er ist ein herber Verlust für die Schweizer, weil er mit seiner individuellen Klasse eine Partie mit einer gelungenen Einzelaktion entscheiden kann und in der Offensive der mit Abstand beste Fussballer ist. Am stärksten ist er dabei im Zentrum hinter zwei Angreifern. Auf dieser Position überzeugte zuletzt Embolo in Gladbach, aber der kräftige Offensivspieler ist ein anderer Typ.

Ein gesunder Shaqiri ist nötig für die Nationalmannschaft. (Bild: Keystone)

Shaqiri kam in den letzten Monaten bei Liverpool jedoch kaum zum Einsatz. So gesehen ist sein Fehlen heute in Dänemark vielleicht für einmal verschmerzbar. Langfristig gesehen benötigt das Nationalteam jedoch einen gesunden, motivierten, spielfreudigen Shaqiri – um an einem grossen Turnier endlich den Achtelfinal zu überstehen.


3. Ist die Schweiz mit der Dreierkette stabiler?


Vermutlich. Nationaltrainer Vladimir Petkovic jedenfalls setzt häufig auf diese Ausrichtung, insgesamt wirkt die Mannschaft so sattelfester. Zumal aktuell mit Fabian Schär, Manuel Akanji und Nico Elvedi sogar drei ordentliche Innenverteidiger zur Verfügung stehen. Und die defensiven Aussenspieler Stephan Lichtsteiner und Kevin Mbabu rechts sowie Ricardo Rodriguez und Loris Benito links können sich stärker in die Offensive einschalten, wenn sie ein wenig höher stehen und von den zentralen Abwehrspielern besser abgesichert sind.


4. Wer ist der beste Rechtsverteidiger im Team?


Diese Antwort ist einfach: Stephan Lichtsteiner. Natürlich kann er nicht von seinem Palmares leben, und natürlich befindet er sich derzeit beim FC Augsburg nicht auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Aber wenn es um Erfahrung geht, um Hartnäckigkeit, um Durchsetzungsvermögen, um Vorbildwirkung – dann ist er noch immer sehr wertvoll. Kevin Mbabu muss sich auf internationalem Niveau erst einmal defensiv beweisen, das hat gerade das Spiel zuletzt in Irland gezeigt. Und Michael Lang, der dritte Rechtsverteidiger im aktuellen Aufgebot, hat nicht annähernd die Präsenz eines Lichtsteiners. Das gilt auch für Basels Silvan Widmer.

Im Kampf um die Position als Rechtsverteidiger hat Stephan Lichtsteiner die Nase vorn. (Bild: Keystone)

5. Wer drängt noch ins Team?


Von jenen Akteuren, die zuletzt nicht zum Stamm gehörten, ist es Djibril Sow am ehesten zuzutrauen, bei entsprechender Entwicklung demnächst regelmässig von Anfang an auf dem Platz zu stehen. Er ist mit seiner Ballsicherheit, Übersicht und Passgenauigkeit auch bei Eintracht Frankfurt nach zweimonatiger Verletzungspause auf dem besten Weg, den Aufbau stilprägend zu lenken. Sow passt gut zu Xhaka und Zakaria, weil er in einem zentralen Mittelfeld auf einer Halbposition mit langen Läufen in die Offensive Unruhe beim Gegner stiften kann.

Ansonsten dürfte sich bis zur Euro 2020 personell wenig verändern. Von den U-21-Spielern ist Albian Ajeti, der schon mehrmals dabei war, ein sehr interessanter Spieler. Er ist torgefährlich, zielstrebig und stark im Abschluss, das sind Qualitäten, die Schweizer Stürmer selten auszeichnen. Allerdings muss sich der frühere Basler beim neuen Arbeitgeber West Ham zuerst einmal durchsetzen.

Überzeugte zuletzt in der Bundesliga und in der U-21-Nationalmannschaft: Ruben Vargas. (Bild: Keystone)

Und auf den Flügeln gibt es zwei Anwärter, die ebenfalls bereits von Vladimir Petkovic aufgeboten wurden: den 19-jährigen Noah Okafor vom FCB sowie den Augsburger Ruben Vargas, 21, der in der Bundesliga schon ein paar starke Auftritte hingelegt hat. Auch sonst stossen einige vielversprechende Fussballer nach, die aber derzeit noch weiter entfernt vom Nationalteam sind. Erwähnt seien Jordan Lotomba, Bastien Toma, Kevin Rüegg, Andi Zeqiri, Jeremy Guillemenot oder der ausgezeichnete Standardschütze Petar Pusic.


6. Was passiert, wenn Sommer lange ausfällt?


Anfang 2019 erklärte Roman Bürki, er ziehe sich bis auf weiteres aus dem Nationalteam zurück. Die klare Nummer 1 von Borussia Dortmund mag nicht mehr die klare Nummer 2 hinter Gladbachs Yann Sommer sein. Es ist eine undankbare Rolle, die Bürki jahrelang hatte. Allerdings sagte Bürki, er würde zur Verfügung stehen, sollte es zu einem personellen Engpass kommen (also einer Verletzung Sommers).

Im September besuchte Nationaltrainer Vladimir Petkovic auch Bürki, und nach diesem Gespräch kommunizierte der Fussballverband, dass der 28-jährige Torhüter bis nach der kommenden EM selbst dann nicht nominiert werden würde, sollte sich Yann Sommer verletzen. Es wäre für die aktuellen Ersatztorhüter Yvon Mvogo und Jonas Omlin in der Tat hart, müssten sie in diesem Fall weiter hinten anstehen, weil Bürki eben plötzlich wieder dabei ist.

Schon lange nicht mehr gesehen: Roman Bürki im Training mit der Nationalmannschaft. (Bild: Keystone)

Unproblematisch ist diese Angelegenheit nicht. Einmal angenommen, Yann Sommer verletzt sich im Frühling so, dass er für die EM ausfällt. Dann würde die Schweiz mit einem jungen Torhütertrio an die Endrunde reisen, dem es an grösserer internationaler Erfahrung mangelt. Omlin sowie David von Ballmoos von YB sind sehr talentiert, spielen aber noch in der Super League und haben noch gar kein Länderspiel bestritten. Yvon Mvogo, dem vor ein paar Jahren eine grosse Zukunft prophezeit worden war, sitzt bei Leipzig auch in der dritten Saison auf der Bank. Es würde deshalb nicht überraschen, sollte Roman Bürki bei einem Ausfall Sommers für die EM doch wieder zum Thema werden.

7. Wie ist der Weg an die EM 2020?

Mit Platz 1 oder 2 in der Gruppe D ist die Schweiz direkt für die Endrunde im nächsten Sommer qualifiziert, die zum 60-jährigen Jubiläum des Wettbewerbs über ganz Europa ausgetragen wird. Verpasst sie das, bleibt ihr das Playoff der Nations League im März als Hintertür, bei dem pro Liga vier Mannschaften einen Startplatz ausmachen. Dafür ist die Schweiz als Gruppensieger in ihrer Liga (mit Belgien und Island) schon einmal qualifiziert.


8. Warum ist ein Unentschieden gegen Dänemark ein gutes Resultat?


Als die Schweiz am 8. September gegen Gibraltar 4:0 gewann, war das eine Vollzugsmeldung. Weit überraschender war die Nachricht vom 0:0 Dänemarks in Georgien. Der doppelte Punktverlust der Europameister von 1992 hat die Ausgangslage für die Schweiz deutlich verbessert. Ihr genügen in Kopenhagen und am kommenden Dienstag in Genf gegen Irland zwei Unentschieden, um die letzten beiden Spiele im November entspannt angehen zu können. Die Gegner heissen dann Georgien und Gibraltar.

Die beiden Siege vorausgesetzt, die Pflicht sein müssen, kommt sie auf 16 Punkte. Irland und Dänemark stellt sich in dem Fall das Problem, dass sie am letzten Spieltag aufeinander treffen und darum nur einer von ihnen auf die gleiche Punktzahl wie die Schweiz kommen kann.

9. Wie geht es weiter mit Trainer Petkovic?

Der Vertrag mit Vladimir Petkovic gilt vorerst bis zum Ende der Qualifikation, ob das nun im November ist oder eben im kommenden März, falls die Schweiz das Playoff der Nations League bestreiten muss. Schafft sie die Teilnahme an der EM, ist Petkovics Vertrag automatisch bis nach der Endrunde gültig. In dem Fall wäre der Coach bereits sechs Jahre im Amt, so lange wie sein Vorgänger Ottmar Hitzfeld.

Schon fünf Jahre im Amt: Vladimir Petkovic (Bild: Keystone)

Schon jetzt muss der Verband damit beginnen, die Zukunft zu planen. Will er mit Petkovic um weitere zwei Jahre verlängern oder doch eine Veränderung anstreben? Als Direktor des Nationalteams erarbeitet Pierluigi Tami dafür die Entscheidungsgrundlage. Der Verband steht nicht unter Druck, er ist als Arbeitgeber sehr attraktiv, um eine gute Lösung zu finden - wie die schliesslich auch immer aussieht. Ein Wechsel auf der Trainerposition könnte nicht schaden.

10. Warum fühlt sich das Nationalteam von den Medien zu wenig unterstützt?


Die Nationalmannschaft zeigt eine erstaunliche Konstanz: Seit 2004 hat sie von acht WM- und EM-Endrunden nur eine verpasst, die Euro 2012. Damit hat sie die Ansprüche gesteigert: die eigenen und die öffentlichen. Die Qualifikation für eine Teilnahme an einem Turnier ist inzwischen schon fast Pflicht, und da ist das Erreichen des Achtelfinals die minimale Erwartung. «Zu Recht», sagt Yann Sommer, «wir wollen erfolgreich sein, sonst macht es keinen Sinn.»

Das Schweizer Publikum ist kritisch. Als die Mannschaft gegen Israel 0:0 spielte, wurde sie in Basel mit Pfiffen bedacht; dabei sicherte dieser eine Punkt die Teilnahme an der WM in Südafrika. Oder Haris Seferovic wurde beim 0:0 gegen Nordirland von einem Teil des Publikum ausgepfiffen; dabei reichte dieses Resultat, um zur WM in Russland zu reisen.

Die Medien sind durchaus auch kritisch. Das Negative werde in den Fokus gerückt, hat Fabian Schär diese Woche in der NZZ gesagt, und Fehler würden ihnen »zu lange nachgetragen. Das mag so sehen, wer Spieler ist. Den Tatsachen muss das nicht entsprechen. Diverse Spieler störten sich im September daran, wie intensiv öffentlich die Diskussion um das Fehlen von Xherdan Shaqiri geführt wurde. Aber sie waren es selbst, die das Thema während jener Tage immer wieder befeuerten. Sei es durch Yann Sommer oder Granit Xhaka.

Um es allgemein zu halten: Die Medien versuchen, die Realität abzubilden. Und sie erinnern die Spieler an das, was sie sagen, was sie versprechen, sie werten sie an dem, was sie als Ziele ausgeben. Wer den Viertelfinal als Ziel ausgibt, wie das Petkovic letztes Jahr in Russland tat, und dann nach einem blutleeren Auftritt im Achtelfinal gegen Schweden ausscheidet, der kann keine Jubelstürme erwarten.


Fussball

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • René S. am 12.10.2019 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bankgeheimnis

    Die Frage aller Fragen ist doch, wie die Schweiz unter Top15 sein kann, die vollgespickt ist mit Bänkliwärmer. Und warum werden Spieler ohni Spielpraxis aufgeboten?

  • Caro am 12.10.2019 13:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation

    Shaqiri fehlt/braucht es nicht, verletzt oder auf der Bank. Mister Petkovic geben Sie endlich den Rücktritt. Dokumentation vom Trainer Les Bleus France war super. Da hätte die SFV Delegation was lernen können.

  • Kenner am 12.10.2019 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sackschwach

    Dieser Trainer ist zu 100% der falsche! Kommunikation ist unterirdisch ( inkl SFV). Der Gipfel ist aber die Geschichte mit Lichtsteiner und Shaqiri. Das hat doch nichts mit Aufbau einer Mannschaft zu tun! Wie wird das die Jungen motivieren und " prägen"? Was soll da? Sollte die Nati die Quali schaffen, hat das nichts mit dem Trainer und dessen Qualität zu tun! Sondern nur an der schwachen Gruppe wo sie spielen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Samira Casanova am 12.10.2019 22:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trainerwechsel

    Zur Frage 9: wie wär's mit Ciriaco Sforza als neuer Nati-Trainer?

  • Rudd Wilston am 12.10.2019 20:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weg damit

    Es gibt nur 1 Problem. Es heisst Herr Petkovic ist der mal weg wirds besser und wenn ein Arbeitsloser 3 Liga Trainer Übernimmt .

  • Mark Libner am 12.10.2019 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egal

    Spielt doch alles keine Rolle. Entscheidend wäre, dass sich die Nati von den fremden, nationalistischen Zeichen distanziert.

  • Feedback am 12.10.2019 17:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mich beschäftigt...

    Tragen alle Kurzarm-Shirts?

  • FC Eintopf am 12.10.2019 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hopp Schwitz

    Voll passende Bildwahl für die Schweizer Nati. Bravo!