Ronaldo Luis Nazario de Lima

14. Februar 2011 16:05; Akt: 15.02.2011 07:21 Print

Ein Phänomen in vielerlei Hinsicht

Er war «Il Fenomeno», der beste Stürmer der Welt. Nun hat Ronaldo vom ständigen Kampf gegen Pfunde und Verletzungen genug und tritt zurück. Ein Blick auf eine einmalige Karriere.

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Ronaldo Luis Nazario de Lima: Der Brasilianer war einst der beste Stürmer der Welt. Seine Karriere in Europa begann Ronaldo 1994 beim PSV Eindhoven, wechselte nach zwei Saisons zum FC Barcelona. Schnell, wendig und trickreich: Die Verteidiger mussten dem Brasilianer oft beim Jubeln zuschauen. Seine beste Zeit hatte Ronaldo wohl bei Inter Mailand (1997 - 2002). In 68 Spielen erzielte er 49 Tore: Aus Ronaldo wurde «Il Fenomeno». Damals war der Ausnahmestürmer auch noch rank und schlank. Bei der WM 1998 war Ronaldo der grosse Hoffnungsträger der «Seleçao». Vier Tore erzielte er, doch im Final zeigte er eine schwache Leistung, nachdem er am Tag des Endspiels unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen aufgrund eines Anfalls ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. 1996, 1997, 2002 wurde Ronaldo zum Weltfussballer des Jahres erkoren. 1999 der erste grosse Rückschlag: Ronaldo verletzte sich schwer am rechten Knie. Bei seinem Comeback vier Monate später stand er sechs Minuten auf dem Platz, bis die Bänder erneut rissen. Ronaldo, immer ein Liebling der Fans, kämpfte sich aber zurück. Nach 17 Monaten Rehabilitation gab er rechtzeitig zur WM 2002 auf den Platz zurück. In Japan und Südkorea schoss Ronaldo Brasilien mit acht Treffern in sieben Spielen zum WM-Titel. Im Final gegen Deutschland war er für beide Tore zuständig. Legende Pelé war begeistert. Nach der WM 2002 folgte der Wechsel zu Real Madrid. Mit dem weissen Ballett wollte er Europa erneut erobern, konnte aber nur zu Beginn überzeugen. Privat glich Ronaldos Leben einer Berg- und Talfahrt. Vier Kinder hat er mit drei Frauen gezeugt. Ronaldo trifft auf eine weitere lebende Legende: Handshake mit Roger Federer. Bei der WM 2006 in Deutschland enttäuschte Ronaldo mit Brasilien: Aus im Viertelfinal. Trotz Kritik an seinem Fitnesszustand schoss er drei Tore und wurde mit 15 Treffern der beste WM-Torschütze aller Zeiten. Die letzte Station in Europa war die AC Milan, wo er in zwei Saisons zwischen 2007 und 2008 allerdings nur auf 20 Einsätze kam. Der verletzungsanfällige Stürmer musste immer wieder pausieren. Für Schlagzeilen sorgte Ronaldo neben dem Platz: Im April 2008 soll er sich in Rio mit Transvestiten-Prostituierten eingelassen haben. Der Superstar gestand seine Verfehlungen und trat reumütig vor die TV-Kameras. Die AC Mailand verlängerte daraufhin Ronaldos laufenden Vertrag nicht mehr, so dass er am 1. Juli 2008 vereinslos wurde. Trotz seiner ständigen Gewichtsprobleme fand er 2009 Unterschlupf bei den Corinthians São Paulo. Immer wieder liess Ronaldo sein Können aufblitzen, doch im Februar 2011 musste der Brasilianer einsehen, dass es keinen Sinn mehr hat. Er beendete in der Folge seine aktive Fussball-Karriere. Einen letzten grossen Auftritt gab es dann aber doch noch: Im Testspiel gegen Rumänien kam er am 7. Juni 2011 zu einem Abschied auf der grossen Bühne. Ronaldos letzten 15 Minuten mit der «Seleçao» verkamen zu einer grossen Feier. Zu einem Tor reichte es dem zweitbesten brasilianischen Torschützen nach Pelé (67 Treffer in 104 Länderspielen) aber nicht mehr.

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Fehler gesehen?

Bobby Robson konnte es kaum fassen. So ein Tor hatte auch Englands Fussballlegende noch nie gesehen. Der damalige Barça-Trainer erlebte von der Seitenlinie, wie sich Ronaldo Luis Nazario de Lima gegen SD Compostela im Oktober 1996 in der eigenen Platzhälfte den Ball erkämpfte und dann durch die komplette gegnerische Abwehr marschierte. Was die Verteiger auch unternahmen, der junge Brasilianer war nicht zu stoppen. Sie wurden vom glatzköpfigen Stürmer mit der Zahnlücke gnadenlos vorgeführt.

Monate später kaufte ein Sportartikelhersteller, der Ronaldo sponserte, die TV-Bilder und drehte aus dem Wundersolo einen Werbeclip. «Stell dir vor, du bittest Gott, der beste Fussballer der Welt zu werden... und er erhört dich», hiess es im Intro und nichts hätte Ronaldos Klasse wohl besser beschreiben können. Wahnsinnig schnell, extrem wendig und technisch begnadet: «Ronaldo ist kein Mensch, sondern eine Herde», war sich der argentinische Fussball-Intellektuelle Jorge Valdano sicher.

Aufstieg zu «Il Fenomeno»

Begonnen hatte der steile Aufstieg Ronaldos beim PSV Eindhoven. Das Supertalent, das in Brasilien schon als Teenager als nächster Pelé gefeiert wurde, entschied sich damals auf Rat seines Nationalmannschaftskollegen Romario für den holländischen Verein und gegen die Topklubs Juventus Turin und AC Mailand. Der damals 18-Jährige wurde für seine Entscheidung belohnt und konnte sich in Ruhe entwickeln. Nach zwei Saisons und 54 Toren in 57 Pflichtspielen klopften dann Bobby Robson und der FC Barcelona an, wo er zum absoluten Superstar aufstieg.

Nach nur zwei Saisons zog Ronaldo 1997 zu Inter Mailand weiter. Auch dort verzückte er dank seiner spektakulären Spielweise die Fans. Wegen seiner Schnelligkeit und der unglaublichen Treffsicherheit erhielt er von der Presse den Übernamen «Il Fenomeno», zum Titel seit 1989 konnte er die Nerazzurri aber nicht führen. Trotzdem wurde er 1997 zum ersten Mal zum Weltfussballer des Jahres gewählt.

Mysteriöser Kollaps vor dem WM-Final

Bei der WM 1998 hätte Ronaldo endgültig in die Fussstapfen von Pelé treten und Brasilien zum zweiten Titel in Serie schiessen sollen. Bis zum Final lief alles nach Plan. Vier Tore erzielte er und nichts deutete auf das Drama hin, das noch folgen sollte. Obwohl Ronaldo am Finaltag unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen aufgrund eines Kollapses ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, lief er im Endspiel gegen Gastgeber Frankreich auf. Der Starstürmer kam nie richtig auf Touren und die «Seleçao» verlor den Final sang- und klanglos mit 0:3. Der Superstar schwieg zum Vorfall und provozierte so Gerüchte, dass er auf Druck seines Sponsors auflaufen musste.

In der Saison nach der WM musste Ronaldo immer wieder mit Verletzungen kämpfen. Im November 1999 verletzte er sich so schwer am Knie, dass laut über sein vorzeitiges Karriereende diskutiert wurde. Nach fast zwei Jahren Pause stand er 2001 wieder auf dem Rasen und konnte sich gerade noch in den Kader für die WM 2002 in Japan und Südkorea zurückspielen. In Asien «rächte» sich Brasilien für das verlorene Finale 1998 und holte gegen Deutschland den Titel. Ronaldo erzielte im Finale beide Treffer und wurde mit acht Treffern Torschützenkönig.

Übergewicht und Transvestiten-Skandal

Nach der WM folgte der Wechsel zu Real Madrid. Als die «Galaktischen» oder das «weisse Ballett» wurden Zidane, Beckham, Ronaldo & Co. bezeichnet. Nach einer ersten erfolgreichen Saison folgten immer wieder Rückschläge. 2006 stand für Ronaldo, der von allen Seiten für seine mangelnde Fitness kritisiert wurde, die vierte WM in Serie an. Durch sein Tor gegen Ghana überholte er Gerd Müller in der ewigen Rangliste der WM-Torschützen mit 15 Treffern. Doch es half alles nichts: Wieder war es Frankreich, das der «Seleçao» wie schon 1998 einen Strich durch die Rechnung machte.

Nach der Enttäuschung mit der Nationalmannschaft folgte die Enttäuschung im Verein. Unter Fabio Capello verlor der immer pfundigere Ronaldo seinen Stammplatz an Ruud van Nistelrooy und wechselte deshalb im Januar 2007 zum AC Mailand. Das Knie streikte bald von Neuem: Im Winter 2008 riss er sich die Patellasehne und reiste zur Rehabilitation nach Rio de Janeiro. Dort vergnügte sich Ronaldo mit drei Transvestiten, die ihn anschliessend öffentlich beschuldigten, nicht für ihre Dienste bezahlt zu haben. Wochenlang wurde über den Sexskandal berichtet, Ronaldo nahm in mehreren TV-Shows geläutert Stellung.

Späte Einsicht

Milan verlängerte im Sommer den Vertrag mit dem «Pummelchen» nicht mehr und so kehrte Ronaldo in seine Heimat zu den Corinthians São Paulo zurück. Vom einstigen Glanz des dreifachen Weltfussballers war allerdings nichts übrig geblieben: Schlagzeilen machte er weiterhin nur neben dem Platz. Beispielsweise in Badeshorts auf der Karibikinsel St. Barth, als sich Ronaldo im seichten Wasser über den stolzen Bauch streichelte. «Er sieht aus, als würde er sich vor allem von Speck, Schokoriegeln und Bier ernähren», schrieb die englische Zeitung «The Sun» in der Unterschrift des Paparazzi-Bildes.

Ronaldo konnte sich nicht mehr aufraffen. Zwar schoss er immer noch seine Tore, doch er kämpfte weiterhin mit überschüssigen Pfunden und seinem lädierten Knie. Nun hat er jedoch endgültig eingesehen, was seine Fans schon lange wussten. Es hat keinen Sinn mehr. «Ich möchte weitermachen, aber ich kann nicht. Ich kann es nicht mehr aushalten», sagte Ronaldo und kündigte seinen Rücktritt an. Mit Ronaldo verliert die Fussball-Welt einen einzigartigen Spieler. Ein Phänomen, das grossartige Höhen erlebte, aber auch tief gefallen ist.

(pre)