Plädoyer für Offenheit

09. Januar 2020 15:12; Akt: 10.01.2020 09:45 Print

Das denkt Tami zu Petkovic und zur Nationalhymne

Der Direktor des Nationalteams und seine Pläne für den Schweizer Fussball.

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Über eine halbe Stunde redet Pierluigi Tami schon an diesem Donnerstag. Es geht um Strukturen, Pläne, Visionen. Und plötzlich wird der Direktor des Schweizer Fussball-Nationalteams fast ein wenig emotional.

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Soll Vladimir Petkovic auch nach der EM 2020 Nationaltrainer bleiben?

Auf einem Video neben ihm sind Schweizer Nationalspieler von vor zwanzig Jahren zu sehen. Es wird der Schweizer Psalm gespielt. Und die Spieler? Sie bewegen kaum die Lippen – nicht einmal Alex Frei, der sich selber immer wieder als Patrioten bezeichnet hat. Tami sagt zu den Bildern aus der Vergangenheit und zu der in der Gegenwart immer wieder aufflammenden Diskussion um angeblich echte und weniger echte Nationalspieler: «Die Nationalhymne ist kein echtes Problem. Sie war es vor zwanzig Jahren nicht – und sie ist es auch heute nicht.»

Dann setzt der Tessiner zu einem Plädoyer an. «Wir leben in einer diversen Gesellschaft», sagt Tami, «in einer Gesellschaft mit verschiedenen Hautfarben, sexuellen Orientierungen, mit unterschiedlichen politischen Ansichten und Religionen. Und wir als Nationalmannschaft repräsentieren sie alle. Ohne jemanden auszugrenzen.»

«Identifikation funktioniert nicht über eine Hymne»

Es ist der kraftvollste Moment seines Auftritts. Einer, in dem sich Tami einerseits schützend vor jene Schweizer Nationalspieler stellt, die sich immer wieder dafür verteidigen müssen, dass ihre Eltern nicht in diesem Land geboren worden sind. Und einer, in dem er sich zugleich für eine weltoffene Schweiz stark macht. Für ein Land, in dem niemand diskriminiert wird. Und für ein Land, in dem kein Fussballer wegen seinen Eltern dem Generalverdacht ausgesetzt ist, er spiele nicht ganzem Herzen für das Nationalteam.

«Identifikation funktioniert nicht über eine Hymne», sagt Tami, «sie funktioniert darüber, wie ich mich verhalte. Und wenn ich unsere Spieler auf dem Feld sehe, dann zeigen sie dort klar, dass sie sich mit dieser Nationalmannschaft identifizieren.» Ansonsten geht es in Tamis Pressekonferenz vor allem um Pläne für die Zukunft. Tami sagt über

den kommenden Nationaltrainer: «Ich rede derzeit nur mit Vladimir Petkovic. Der Lohn ist in den Gesprächen sicher ein wichtiges Thema – aber nicht das einzige. Ende Februar will ich sagen können, mit welchem Trainerteam wir nach der Europameisterschaft 2020 arbeiten werden.»

die Testspiele Ende März in Katar, die wegen der Spannungen zwischen den USA und dem Iran gefährdet sein könnten: «Wir haben Kontakt mit dem Departement des Äusseren, mit der Uefa und der Fifa. Wenn wir von diesen Stellen grünes Licht bekommen, werden wir die Spiele in Katar bestreiten. Wichtig ist, dass wir die beiden Spiele gegen Kroatien und Belgien auf jeden Fall durchführen werden.»

das Verhältnis zu den Fans: «Wir wollen näher an die Fans und mehr öffentliche Trainings abhalten. Ausserdem bauen wir unsere Präsenz auf den sozialen Medien aus und produzieren eigene Videos, um einen Blick hinter die Kulissen des Nationalteams geben zu können. An Auswärtsspiele wird das Team künftig aber nicht mehr im selben Flugzeug wie Fans und Journalisten reisen. Nicht, um uns zu distanzieren. Sondern, um unsere Reisen besser organisieren zu können.»

langfristige Ziele: «Wir müssen an der Qualität unserer Rasenplätze arbeiten. In Genf haben wir auf einem sehr schlechten Platz die Qualifikation zur EM riskiert. Es wäre sehr schön, wenn wir ein eigenes Zentrum für alle Nationalteams hätten. Selbst kleine Nationen wie Luxemburg haben so etwas aufgebaut. Ausserdem sollten wir Spieler besser würdigen, die aus dem Nationalteam zurückgetreten sind. Wir müssen unsere Geschichte besser nutzen, um Identifikation zu schaffen. Und wir müssen schauen, dass unsere Nachwuchs-Nationalteams wieder an Endrunden kommen. Das sind wichtige Schaufenster, damit unsere Spieler den Sprung ins Ausland schaffen.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Fussball

(fra)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ehemaliger Nati-Fan am 09.01.2020 16:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Die Hymne hat nichts damit zu tun? Für mich schon oder warum kristallisieren sich IMMER klare Grüppchen heraus? Fabian Schär, sommer, Lichtsteiner und dann Xhaka, Shaqiri ? Die einen singen die anderen nicht.. Da tritt man schon nicht als Einheit auf.. Dann bejubeln einige Spieler Ihre Tore mit einem Adler und ihr wollt mir sagen das sie sich mit der Nati identifizieren? Ich weiss ja nicht.. Sportlich läuft es uns gut und trotzdem ist die Nati unbeliebter denn je wieso wohl? Hmm

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  • TELL.CH am 09.01.2020 18:18 Report Diesen Beitrag melden

    Hymne Nein! Nationalmannschaft Nein!

    Wer mit dem Herz nicht so viel mit dabei ist, dass er unsere Nationalhymne singen will hat in unserer Nationalmannschaft nichts verloren!

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  • RegnumBohemiae 1182 am 09.01.2020 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja,

    wie heisst es so schön: zu viele Staatsbürgerschaften verderben den Brei. Man sollte sich entscheiden, und zwar nur für eine. Alles andere ist nur Vorteilnahme, wie es halt gerade genehm ist. Wer hat diesen Schwachsinn eingeführt?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • CH62 am 10.01.2020 18:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Senf

    Hoffentlich können all die Nörgler und Miesmacher den ganzen Text. Empfehlung schaut einfach nicht mehr zu. Die der Nati schon länger nicht mehr sehe zusehen müssen ihren Senf nicht noch dazu geben.

  • Balz Sommer am 10.01.2020 13:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nobody talks

    Was möchte mir ein gescheiterer Trainer der nur im Junioren Gebiet was "erreicht " hat sagen!!!

  • FC Stüpf id Mutte am 10.01.2020 13:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klima-Hymne

    Im Zuge der Klimadebatte solle die Nationalhymne sowieso als Drohnenshow vorgetragen werden...nicht?

  • Tschüge Breny am 10.01.2020 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Auch P. Tami checkt es anscheinend nicht

    Die Nationalmannschaft spielt Fussball. Wenn sie das zukünftig lieber vor leeren Rängen für die Statistik machen wollen - bitte schön. Ich als Anhänger will schon bei der Nationalhymne sehen, dass sich diese Jungs 200% hinter die Schweiz stellen. Und noch was zum Spruch "Identifikation funktioniert über das Verhalten". Wenn P. Tami das ernst meinen würde, dürfte ein Torjubel-Vogelzeiger nie mehr für die Nati spielen, weil er sich eben genau nicht mit der Schweiz identifiziert.

  • Miku am 10.01.2020 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles lenkbar

    Wieso steht dieser verhältnismässig positive Bericht nicht weiter oben? Zuwenig skandalös?