EM 2020

15. Oktober 2019 13:12; Akt: 15.10.2019 16:47 Print

Nationalisten und Konflikte gefährden EM

von Marcel Rohner - Der europäische Fussball hat acht Monate vor dem Turnier einige Probleme zu lösen. Diese drei Fälle werden die Uefa beschäftigen.

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Der Urheber der Idee ist schon gar nicht mehr da. Michel Platini trat im Mai 2016 von seinem Amt als Uefa-Präsident zurück. Dies, nachdem er erst für acht, dann für sechs und schliesslich noch für vier Jahre gesperrt worden war. Grund dafür waren Korruptionsvorwürfe. Doch die Idee, die gibt es weiterhin, und die Umsetzung soll in acht Monaten erfolgen: Die Europameisterschaft 2020 wird in zwölf Ländern ausgetragen.

Schon jetzt aber zeichnet sich ab, dass dieses Projekt der Gemeinschaft, das auch eine Feier zum 60-jährigen Bestehen der Uefa sein soll, mehr Debatte als Fussballfest sein wird. So gross sind die Reibereien zwischen einigen Ländern, so fest spielt die Politik in den Sport. Erst fünf Teams sind qualifiziert: Belgien, Italien, Russland und Polen waren das schon vor dem Spieltag am Montag, nun kam die Ukraine dazu. Und damit Konflikt Nummer 1.

Fall 1: Russland - Ukraine


Es ist bemerkenswert, was Andrei Schewtschenko mit der Ukraine geschafft hat. Die Stürmerlegende des Landes hat die Nationalmannschaft im Juli 2016 als Trainer übernommen und nun ungeschlagen an die EM 2020 geführt. Sechs Siege und ein Unentschieden gab es in sieben Spielen, in einer Gruppe mit Europameister Portugal und WM-Teilnehmer Serbien ist das eine bemerkenswerte Bilanz. Und Russland musste in acht Spielen nur eine Niederlage einstecken, auch der WM-Gastgeber von 2018 ist mit dabei.

Für die Erstellung des Spielplans ist das ein erstes Pièce de résistance. Die beiden Länder befinden sich seit Februar 2014 im Krieg. Die Russen kämpfen für die Abspaltung der ukrainischen Städte Donezk und Luhansk. Champions-League-Teilnehmer Schachtar Donezk richtet seine Heimspiele im über 240 km entfernten Charkiw aus.

Auch 2012 waren die Ukraine und Russland beim selben Turnier vertreten. Zum Zeitpunkt der EM in Polen und der Ukraine aber war der Konflikt noch nicht entfacht. Diesmal muss die Uefa sicherstellen, dass die zwei Teams nicht aufeinandertreffen. Zudem fällt für die Ukrainer mit St. Petersburg ein Spielort bereits weg. Ähnlich ist das bei Clubwettbewerben. Es ist immer noch nicht möglich, dass ein ukrainischer und ein russischer Verein gegeneinander antreten.

Ein ähnlicher Fall könnte übrigens auch eintreten, wenn sich Armenien qualifiziert, denn bei einem EM-Spielort handelt es sich um Baku, die Hauptstadt von Aserbeidschan. Auch diese beiden Länder befinden sich in einem Konflikt, es geht um die Region Bergkarabach. Und eine Teilnahme Armeniens ist nicht unwahrscheinlich. Punktgleich mit Bosnien liegt das Team mit seinem Star Henrich Mchitarjan in der Gruppe J auf Platz 3, nur zwei Punkte hinter Finnland.

Fall 2: Kosovo

Mit Kosovo könnte sich auch ein Neuling für die Endrunde qualifizieren. Das Team des Schweizer Trainers Bernard Challandes liefert sich momentan einen Zweikampf mit Tschechien um den Platz hinter dem schon fast sicher qualifizierten England. Am nächsten Spieltag im November kommt es wohl zur Vorentscheidung, wenn die Kosovaren nach Tschechien reisen. Und sonst bleibt Kosovo immer noch der Weg über die Nations League.

Es ist also gut möglich, dass sich das junge Land erstmals für ein grosses Turnier qualifiziert. Doch auch diese Teilnahme birgt für die Uefa viel Konfliktpotenzial. Von den zwölf austragenden Ländern lehnen vier eine Anerkennung Kosovos ab. Spanien, wegen Autonomiebestrebungen im eigenen Land (Katalonien und das Baskenland), Russland als Serbiens Hauptverbündeter, Aserbeidschan, das die Unabhängigkeitserklärung Kosovos als illegal bezeichnet, und Rumänien.

Wer den kosovarischen Pass besitzt, darf nicht in diese Länder einreisen. Damit fallen für Kosovo vier von zwölf Spielorten weg, was bei der Auslosung zu weiteren Komplikationen führen würde. Noch schwieriger wird es, wenn sich Kosovo gar für die K.-o.-Phase qualifiziert. Bukarest, Bilbao und Sankt Petersburg tragen neben je drei Gruppenspielen auch ein Achtelfinalspiel aus, Baku einen Viertelfinal.

Fall 3: Türkei

Seit dem begeisternden Halbfinal-Einzug bei der EM 2008 in der Schweiz und Österreich haben die Türken bei grossen Turnieren nicht mehr für Furore gesorgt. Bei der EM 2016 scheiterte das Team in der Gruppenphase an Spanien, Kroatien und Tschechien. Nun könnte es zur nächsten Teilnahme kommen, ja, sie ist schon fast sicher. Die Türkei führt die Gruppe H punktgleich mit Weltmeister Frankreich an, Island liegt zwei Spieltage vor Schluss vier Punkte zurück.

Türken salutieren nach Spiel gegen Frankreich

Doch die Türken sorgen gerade für Unmut. Sie solidarisieren sich mit den Soldaten, die ihr Präsident Recep Erdogan nach Syrien geschickt hat, um die Kurden zu bekämpfen. Nach dem Last-Minute-Sieg gegen Albanien salutierte das gesamte Team vor der Fankurve, viele posteten danach ein Foto aus der Kabine mit derselben Pose. Die Uefa leitete Ermittlungen ein, welche die türkischen Spieler offenbar nicht beeindrucken. Denn bereits drei Tage später, beim 1:1 in Frankreich, wiederholten sie die Aktion. Nicht mehr die ganze Mannschaft, aber ein Grossteil davon.

Das Auftreten der Türken sorgt für viel Kritik. Der italienische Sportminister Vincenzo Spadafora will verhindern, dass der Champions-League-Final 2020 wie geplant in Istanbul stattfindet, und hat eine entsprechende Forderung an die Uefa gestellt. Die Folgen für die türkische Nationalmannschaft sind unklar, gab es doch bisher kaum einen wirklich vergleichbaren Fall. Fest steht, dass das Ausdrücken von politischen Statements im Stadion verboten ist. Das Uefa-Verfahren kann sich nun gegen den Verband selbst, aber auch gegen einzelne Spieler richten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leon am 15.10.2019 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Nationalismus

    Nationalisten gefährden nicht nur die EM, sondern die Menschheit. Nationalismus ist der beste Nährboden für Hass und Krieg.

  • Komisch Komischer am 15.10.2019 15:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Was würde passieren wenn der EM Final Ukraine:Russland wäre?

  • Ali Bimbali am 15.10.2019 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    doppelstandart

    Jaja ... als Frankreich bei der Pokalzeremonie von Macaroni gratulierte gab es auch yene Salute ... da siehts wieder anders in dem Fall

Die neusten Leser-Kommentare

  • Linus Zinatka am 16.10.2019 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    EM contra Klima

    Nationalisten verursachen Konflikte Konflikte verursachen Co2 Verzicht auf EM schützt Klima Jeder kann zu Hause 24h salutieren und niemand interessiert es.

  • Caro am 15.10.2019 20:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Behrami

    Kompliment Behrami auf RSI 2 neutraler Fußball Analyse/Experte. Gratulation an die CH-NATI U21 zum Sieg.

  • Swissman73 am 15.10.2019 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    NATIONALmannschaft

    Es heisst ja auch Nationalmannschaft. Verstehe immer noch nicht, warum Nationalstolz schlecht sein soll. Dank der EU ist auch der Nationalismus wieder im kommen. Vergessen wir den Doppeladler nicht, den unsere Söldner aus der Nati mehrfach gezeigt haben. Hatte nicht mal was mit der Schweiz zu tun, sie machten das für ihr Heimatland gegen ein anderes Land...! Füsse ruhig halten.

  • Caro am 15.10.2019 19:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo U21

    Super U21 Gratulation zum Sieg. Nach 3 Spiele 1. Schweiz 9 Punkte

  • Leanna am 15.10.2019 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politik hat im Sport nicht's zu suchen

    Spieler oder auch ganze Mannschaften welche keinen Respekt zeigen vor dem Sport gehören ohne wenn und aber Lebenslang gesperrt.