Jeder vierte Ex-Profi pleite

04. Februar 2011 07:51; Akt: 04.02.2011 10:31 Print

Fussball kann ins Verderben führen

von Monika Brand - Fussball ist Geld und Ruhm - so die gängige Meinung. Doch viele Profis sind bereits beim Karrierenende pleite oder haben spätestens nach der Aktiv-Laufbahn mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

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Der «Kugelblitz» verprasste nach eigenen Angaben über eine Million Euro für Kleidung, Autos und Immobilien von Freunden. Der Weltenbummler, der in Brasilien, Mexiko, Deutschland, der Türkei, Serbien, der Schweiz, der Ukraine, Österreich und China spielte, steht derzeit beim deutschen Regionalligisten FC Oberneuland unter Vertrag. Debütierte 1984 als 17-Jähriger beim FC Luzern in der NLA, wechselte später zu GC. Doch bereits mit 25 Jahren musste er wegen zahlreichen Verletzungen die Fussballschuhe wieder an den Nagel hängen. Er versuchte sich nach dem Karrierenende in der Gastronomie, ging aber mit einem Nachtclub und einer Sushi-Bar Kokurs. Es folgte der Absturz mit Alkohol, Drogen und zwei Gefängnisaufenthalten. Halter raffte sich schliesslich aber wieder auf und arbeitet heute als Personal-Trainer. Der Wechsel 1983 von Eintracht Frankfurt zu Bayer Leverkusen rettete den Südkoreaner vor der Privatinsolvenz. Sein neuer Verein erklärte sich bereit, zwei von Chas wertlosen Immobilien zu übernehmen. Offensichtlich hatte sich der Südkoreaner verspekuliert. Der ehemalige Bundesliga- und Deutschland-Keeper fiel nach dem Karrierenende tief: Privatinsolvenz und Verurteilung wegen Betrugs. 2008 zog er gar ins Dschungelcamp ein, um sein Konto etwas aufzubessern. Für die Krone reichte es allerdings nicht. Zwischen 1965 und 1983 ein fester Wert in der Bundesliga, ausserdem bestritt er einzelne Spiele für die deutsche Nationalmannschaft. Ein dubioser Anlageberater brachte den Kicker nach dem Karrierenende um sein ganzes Vermögen. Der Brasilianer gilt als einer der grössten Fussballer aller Zeiten. Privat lief es allerdings nicht so rund. Der Kicker kam mit Fehlbildungen zur Welt, wurde bereits früh zum Alkoholiker, um Schmerzen zu unterdrücken. Er zeugte 14 Kinder, seine beiden Ehen scheiterten. Der Staat zahlte Garrincha nach dem Karrierenende eine kleine Rente, damit er sich über Wasser halten konnte. Der Brasilianer starb 1983 im Alter von erst 49 Jahren. «Gazza» erreichte während seiner Aktivzeit in England Kultstatus. Seit seinem Rücktritt macht der einst brillante Fussballer aber nur noch Negativ-Schlagzeilen. Alkohol, Drogen und Spielsucht zerstörten sein Leben. Aufenthalte in der Psychiatrie folgten. Gascoigne gilt auf der Insel als bankrott. Der nordirische ManU-Star verfiel bereits während seiner Karriere dem Alkohol. Er sagte einst über sich selber: «Ich habe viel für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.» Nach dem Karrierenende arbeitete Best zwar für verschiedene Zeitungen und als TV-Kommentator, doch das half ihm offenbar nicht auf einen grünen Zweig. 2003 sorgte er für Schlagzeilen, als er verkündete, seine Trophäe für die Auszeichnung zu Europas Fussballer des Jahres 1968 verkaufen zu wollen - aus finanziellen Gründen. Ein Jahr später zog der Nordire in die britische Version des Dschungelcamps ein. Ein Jahr später verstarb er im Alter von 59 Jahren an den Folgen einer Niereninfektion. 1989 holte er mit Borussia Dortmund den DFB-Pokal. Heute lebt Breitzke von Hartz IV. Der. St. Galler war während seiner Aktivzeit ein wilder Kerl. Einer, der das Leben in vollen Zügen genoss - auf und neben dem Platz. Nach dem Karrierenende tat sich ein grosses dunkles Loch auf, er versuchte sich in verschiedenen Jobs (als Kellner, auf dem Bau, im Aussendienst, als Sportreporter, als Wirt, als Spielerberater). Er versuchte sich im Trainerkurs, fiel aber durch. Heute steht Zwicker mitten im Leben und arbeitet in einem Kinderdorf als Pädagoge. Der Armenier wurde im April 2008 zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach seiner Vertragsauflösung beim FC Aarau war er wegen finanziellen Problemen auf die schiefe Bahn geraten und hatte mit drei Landsleuten mehrere Einbruchdiebstähle begangen. Der Fussballer sagte allerdings vor Gericht aus, er sei erpresst worden und habe deshalb bei den Einbrüchen mithelfen müssen. Spielte für verschiedene Bundesligisten, darunter auch Bayern München (58 Spiele, 26 Tore). Nach dem Karrierenende arbeitete er zehn Jahre lang im Fanshop von Borussia Dortmund. Es folgte das plötzliche Aus und der Abrutsch in die Arbeits- und Mittellosigkeit. Bayern-Boss Uli Hoeness wurde zu Wegmanns Retter: Als er die Geschichte hörte, verschaffte er dem einstigen Bayern-Kicker einen Job als Sicherheitsmann in einem Fanshop des deutschen Rekordmeisters. Der ehemalige Nati-Trainer gehörte während seiner Aktiv-Laufbahn beim FC Zürich zum Inventar. Nur für zwei Monate wechselte er kurz zum Stadtrivalen GC. Ansonsten gewann er von 1962 bis 1977 sechsmal mit dem FCZ die Schweizer Meisterschaft und fünfmal den Schweizer Cup. Zudem absolvierte Kuhn 63 Länderspiele. Nach seinem Rücktritt eröffnete der Zürcher 1977 ein Versicherungsunternehmen, daneben engagierte er sich beim FCZ. Seine Firma musste im Februar 1990 Konkurs anmelden. Sechs Jahre später wurde Kuhn Nachwuchstrainer beim Schweizerischen Fussballverband, 2001 übernahm er das Amt als Nati-Trainer, das er bis zum Ende der Euro 2008 im eigenen Land ausführte. Der Servette-Spieler musste nach seinem dritten Kreuzbandriss im Alter von 26 Jahren seine Karriere beenden. Den darauffolgenden Absturz Ende der 80er-Jahre beschrieb er einst so: «Ich suchte alte Freunde im Jura auf. Plötzlich konsumierte ich Kokain. Und ich hatte Geld. Viel Geld.» Das verprasste er dann aber innerhalb eines Jahres. «450 000 Franken - einfach weg.» Doch Jaccard konsumierte inzwischen Heroin und benötigte täglich 3000 Franken für seine Drogen. Zu helfen wusste er sich nur noch mit Einbrüchen und Diebstählen - und landete schliesslich im Gefängnis. Der gebürtige Österreicher war Publikumsliebling beim FC St. Gallen und bestritt für die Schweizer Nati 21 Länderspiele. Doch er lebte stets auf der Überholspur. Teamkollege Hanspeter Zwicker - selber kein unbeschriebenes Blatt - sagte einst: «Wir jassten viel zusammen. Und Braschler verlor fast immer. Wenn es eine Prämie gab, hatte er diese schon vorher ausgegeben.» Nach dem Ende seiner Laufbahn versuchte sich Braschler mit einem Putzinstitut und erlebte Höhen und Tiefen. Am 2. August 2002 nahm sich der damals 43-Jährige das Leben - einen Abschiedsbrief gab es nicht. Die «Hand Gottes» gilt heute als einer der weltbesten Fussballer. Doch neben dem Platz hatte der Argentinier sein Leben nicht im Griff. Bereits während der Karriere schädigte er seinen Ruf durch Dopingkonsum. Drogen waren nach dem Ende der Laufbahn lange Zeit seine treuen Begleiter. In Italien häufte Maradona eine Steuerschuld von 37 Millionen Euro an. Heute hat sich der 50-Jährige wieder gefasst, war an der WM 2010 in Südafrika gar Argentiniens Nationaltrainer. Die Steuerschuld in Italien besteht allerdings immer noch. Der ehemalige Hertha- und Wolfsburg-Kicker spielt heute wieder in seiner Heimat Brasilien - und hat angeblich oftmals Probleme, seine Rechnungen zu begleichen. Der ehemalige englische Nati-Torhüter verspekulierte sich im grossen Stil und lebte 1995 von Sozialhilfe - obwohl er damals (und bis 1997) noch als Fussballer tätig war. Heute bietet sich der mittlerweile 61-Jährige als Festredner an, um über die Runden zu kommen. Der einstige Bundesliga-Kicker brach vor seiner Profi-Karriere eine Schlosserlehre ab, da er bereits mit 17 Jahren von Schalke 04 verpflichtet wurde. Nach der Fussballer-Laufbahn ging er erst mit einem Tabakladen pleite, arbeitete dann in einer Druckerei. 1996 starb Libuda im Alter von 52 Jahren an einem Schlaganfall. Der Glarner war in den 70er-Jahren einer der beliebtesten Spieler beim FCZ, spielte aber auch im Ausland bei Köln, Nürnberg und Standard Lüttich. Nach dem Karrierenende schnupperte der ehemalige Internationale kurz ins Trainermetier, fand aber keinen Gefallen daran. Danach musste er, der seine KV-Lehre im zweiten Lehrjahr zugunsten der Fussball-Karriere abgebrochen hatte, erst einmal unten durch. Erst nach sechs Jahren erhielt er 1993 durch einen Bekannten aus seinen FCB-Zeiten eine Chance im Innendienst bei einer Bank. Dort arbeitet Botteron noch heute. Spielte einst bei Nürnberg und Wattenscheid in der Bundesliga und ist auch in der Schweiz kein Unbekannter: 1995-1997 stand der senegalesische Internationale beim FC Lausanne unter Vertrag, 2000-2001 beim FC Schaffhausen. Heute ist er zwar Nationaltrainer von Sansibar und Spielertrainer beim deutschen Regionalligisten DJK Wattenscheid, muss aber angeblich monatlich mit 1500 Euro auskommen. Der ehemalige Trainer von 1860 München und Fenerbahce Istanbul verlor bei riskanten Anlagegeschäften Millionen. Bis Juni 1990 spielte der Belgier beim RFC Lüttich. Nach einem Streit mit dem Verein, gekürztem Gehalt und einer verweigerten Freigabe zog er vor Gericht und erwirkte nach fünf Jahren und unzähligen Instanzen vor dem europäischen Gerichtshof, dass Fussball-Profis künftig am Ende eines Vertrags ohne Ablösesumme zu einem Klub freier Wahl wechseln dürfen. Bosman war unterdessen arbeitslos und pleite, doch das Urteil veränderte die Fussball-Welt nachhaltig.

Fehler gesehen?

Er ist erst 17 Jahre alt. Seine Altersgenossen drücken Tag für Tag die Schulbank. Doch Julian Draxler tut dies nicht. Nicht mehr. Auf Anraten von Schalke-Coach Felix Magath hat das Talent, das unlängst die Königsblauen mit einem Tor in der Verlängerung ins Halbfinale des DFB-Pokals geschossen hat, die Schule geschmissen. «Julian ist ein richtig guter Junge, ich traue ihm eine grosse Karriere zu», so der Trainer nach dem Cup-Erfolg. «Er hat das Zeug dazu, auf Sicht die Spielmacherposition auszufüllen und das Spiel zu lenken», so Magath zur «Welt». Und weil der Jungstar bereits dermassen eingeschlagen hat, glaubt der Coach auch, dass Draxler auf die schulische Ausbildung pfeifen kann. Magath: «Er war ein toller Schüler und hätte sicher ein tolles Abitur gemacht. Aber in 15 oder 20 Jahren, wenn seine Karriere vorbei ist, braucht er kein Abitur mehr.»

So weit, so gut. Doch was, wenn es mit der grossen Karriere doch nicht klappt? Oder wenn sie doch nicht ganz so gross ausfällt, wie angenommen? Die deutsche Spielergewerkschaft VdV schlägt Alarm. «20 bis 25 Prozent der Spieler sind nach der Karriere pleite oder überschuldet», sagt Geschäftsführer Ulf Baranowsky gegenüber dem Sportinformationsdienst «SID». Das ist also rund jeder vierte Kicker. «Deshalb raten wir: Keine teuren Autos, sondern lieber Bildung», so Baranowsky. Viele Klubs würden sich dem anschliessen und ihre Jungprofis in Partner- und Eliteschulen des Fussballs fördern.

Auch bekannte Namen trifft es

Notwendig ist dies allemal. Denn Negativ-Beispiele gibt es mehr als genug. Und es sind lange nicht nur die unbekannten Spieler, die nach dem Karriere-Ende mit finanziellen Nöten zu kämpfen haben. Der nordirische ManU-Star George Best brachte es einst auf den Punkt: «Ich habe viel für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.» So erging es noch manch einem anderen Kicker (siehe Bildstrecke oben). Doch natürlich sind nicht immer Alkohol und teure Autos an der Misere schuld. Manchmal reicht es, wenn «bloss» die Bildung fehlt und somit nach dem Karriere-Ende der Einstieg in die Arbeitswelt fast unmöglich wird. So musste beispielsweise FCZ-Legende René Botteron, der einst seine KV-Lehre zugunsten der Fussballkarriere abbrach, zuerst jahrelang untendurch, ehe er mit etwas Glück und Beziehungen 1993 einen Job im Innendienst einer Bank ergatterte, welchem er heute noch nachgeht.