«Situation katastrophal»

16. Juni 2019 05:27; Akt: 16.06.2019 05:31 Print

Gewalt an jedem vierten Fussballspiel

Die Polizei hat erstmals die Zwischenfälle bei Matches erfasst: Vor allem die Züge scheinen als «rechtsfreie Zone» zu gelten.

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An 76 Prozent aller beurteilten Fussballspielen wurden Fackeln, sogenannte Pyros, gezündet: Fans des FC Sion beim Super-League-Spiel gegen den FC Basel. (18. März 2018) Petarden, Schlägereien, Spielabbrüche - eine Übersicht über Krawalle in Schweizer Fussballstadien: Der FC St. Gallen verliert nach dem Wiederaufstieg gegen Neuchâtel Xamax 1:2. Die Zuschauer sind mit den Entscheidungen des Schiedsrichters Walter Nussbaumer nicht einverstanden und lassen ihn nach Spielende nicht aus dem Stadion. Er muss mit einem Helikopter ausgeflogen werden. (Archivbild) Schiedsrichter Bruno Klötzli wird von Wettinger Spielern bedrängt, die sich um ein Tor betrogen fühlen. Der Referee pfeift die Partie gegen Sion (0:1) ab, als ein Schuss von Martin Rueda zum vermeintlichen 1:1 ins Tor fliegt. (7. Oktober 1989) Eine Petarde aus dem Sittener Fanblock detoniert bei Servettes Goalie Eric Pédat. In der Pause muss sich der Goalie ersetzen lassen. Die Liga lässt die Partie wiederholen. (18. März 2001) Schiedsrichter Markus von Känel verweist in der Partie Sion gegen Kriens den Walliser Trainer Gilbert Gress auf die Tribüne. Nach der Partie attackiert Sion-Präsident Christian Constantin von Känel und den Assistenten José Antonio Gonzalez. Zweieinhalb Jahre später verurteilt ihn das Amtsgericht Luzern-Land wegen einfacher Körperverletzung gegen den Schiedsrichter zu einer bedingten Geldstrafe von 24'500 Franken. (5. Dezember 2004) Die berühmteste Fussball-Schande der Schweiz: Der FCZ spielt in Basel und macht sich mit dem 2:1 in der 93. Minute zum Meister. Unmittelbar nach dem Match kommt es auf dem Rasen zu Randalen mit FCB-Chaoten, danach geht es ausserhalb des Stadions weiter. Der FCB muss Geisterspiele austragen und wird mit einer Busse belegt. (13. Mai 2006) Zuschauer aus dem FCZ-Block werfen im St. Jakob-Park Petarden in den Familiensektor. Die Partie muss unterbrochen werden. Der FCZ wird mit Geisterspielen und einer Busse bestraft. (2. Mai 2008) St. Gallen verliert in der Barrage gegen Bellinzona und steigt aus der höchsten Liga ab. Ostschweizer Chaoten lassen ihrem Frust freien Lauf. Bei den Krawallen werden mehrere Personen verletzt, es gibt rund 60 Festnahmen. (20. Mai 2008) Das Barrage-Rückspiel zwischen Luzern und Lugano muss nach einer Viertelstunde für rund vier Minuten unterbrochen werden, weil der Schiedsrichter-Assistent nach dem Wurf einer Knallpetarde wegen eines Hörtraumas behandelt werden muss. Er kann danach die Partie beenden, muss aber später einen Arzt aufsuchen. FCL-Präsident Walter Stierli stellt sich während der Partie vor die Fankurve, um das Publikum zu beruhigen. Die Swiss Football League spricht eine Busse und eine Stadionsperre gegen Luzern aus, der Club rekurriert später erfolgreich gegen die Stadionsperre. (13. Juni 2009) Fifa-Schiedsrichter Massimo Busacca platzt im Cupspiel Baden gegen Young Boys der Kragen. Er zeigt den Berner-Fans den Stinkefinger, weil er mit Sprechchören beleidigt wird. Die Schiedsrichterkommission des Schweizerischen Fussballverbands SFV sperrt Busacca für dieses Vergehen für drei Spiele. (19. September 2009) Mehrere Petarden fliegen in den GC-Block, nachdem FCZ-Chaoten während der Partie in Richtung gegnerische Fankurve aufgebrochen sind. Danach prügeln sich Schläger beider Seiten - teilweise auch auf der Gegentribüne. Insgesamt werden sechs Personen verletzt. Schiedsrichter Sascha Kever bricht die Partie in der 76. Minute beim Stand von 2:1 für GC ab. Später gewinnt GC den Match Forfait, beide Clubs erhalten eine Busse von 50'000 Franken, im nächsten Derby sind die Fankurven zu. (2. Oktober 2011) Der FC Basel wird an diesem Mai-Abend in Aarau zum fünften Mal in Serie Meister. Nach dem Schlusspfiff stürmen FCB-Anhänger den Rasen, es kommt zu Provokationen und dann zu Schlägereien mit Aarau-Fans. (15. Mai 2014) Der FCZ steigt aus der Super League ab. Nach dem Match stürmen FCZ-Chaoten den Innenraum des Letzigrund-Stadions und wollen sich Zutritt zum Kabinengang verschaffen. (25. Mai 2016) Sion-Präsident Christian Constantin flippt trotz des 2:1-Sieges in Lugano völlig aus. Nach der Partie geht er auf Teleclub-Experte Rolf Fringer los und tritt ihm in den Hintern. CC sah sich zu dieser Attacke veranlasst, weil ihn Fringer in Analysen verunglimpft haben soll. Wieder steigt eine Mannschaft ab - und wieder muss das Spiel abgebrochen werden. Bei Lausanne gegen Thun stürmen Chaoten des Heimteams den Innenraum, nachdem ihre Mannschaft die Relegation nicht mehr verhindern kann. Für Lausanne gibt es eine Forfait-Niederlage, eine Geldbusse und eine Sektorsperre auf Bewährung. (13. Mai 2018) Die Grasshoppers sind in akuter Abstiegsgefahr und liegen bei Sion 0:2 zurück, als in der GC-Kurve zum wiederholten Mal Feuerwerk gezündet wird. Der Schiedsrichter bricht die Partie im Verlauf der zweiten Halbzeit ab. (16. März 2019) Der Abstieg der Grasshoppers steht kurz bevor. Nach einem 0:4-Rückstand in Luzern stehen rund 25 GC-Chaoten davor, den Platz zu betreten. Sie zwingen die Mannschaft dazu, ihre Trikots abzugeben und sorgen mit ihrer Aktion für einen vorzeitigen Spielabbruch. Der Abstieg von GC in die Challenge League nach 70 Jahren wird mit einer Forfait-Niederlage endgültig. (12. Mai 2019)

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In der abgelaufenen Fussballsaison ist es in der höchsten Schweizer Liga bei jedem vierten Match zu Gewalt gekommen. Dies geht laut einem Bericht der «NZZ am Sonntag» aus einem Reporting hervor, für das die Polizei erstmals alle Zwischenfälle während den 404 Spielen der beiden höchsten Ligen und des Cups erfasst hat.

Am Rand von 68 Spielen kam es demnach in irgendeiner Form zu Gewalt. Vor allem in den Zügen zur An- und Abreise der Fans ereigneten sich Zwischenfälle. «Viele Züge sind rechtsfreie Zonen», wird Markus Jungo, Leiter der Polizeilichen Koordinationsstelle Sport, im Bericht zitiert. «Da ist die Situation katastrophal.» So würden Fans während der Durchfahrt durch die Bahnhöfe brennende Fackeln und Knallpetarden auf die Perrons und in die Fussgängerunterführungen werfen.

Dem Reporting zufolge zündeten Fans an 76 Prozent aller beurteilten Fussballspielen Fackeln, sogenannte Pyros, was gemäss dem Sprengstoffgesetz verboten ist. Die Details der Analyse sollen in zwei Wochen veröffentlicht werden. Sportministerin Viola Amherd (CVP) will die Fussballklubs stärker in die Pflicht nehmen. «Man muss mit den Klubs das Gespräch suchen und ihnen Deutsch und deutlich sagen: Ihr habt auch eine Verantwortung», sagte die Bundesrätin der Zeitung. Man könne das Hooligan-Problem nicht auf den Staat abschieben.

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(roy/sda)