Heisse Stimmung

12. November 2010 13:09; Akt: 12.11.2010 14:32 Print

In der Hooligan-Hochburg

von Reto Fehr, London - Die Fans des Millwall FC gehören zu den gewaltbereitesten und gefährlichsten der Welt. Ein Besuch im Stadion bestätigt eine hohe Aggressivität, angsteinflössend wars aber nie.

Szenen vom Spiel gegen West Ham vom August 2009 mit den letzten grösseren Ausschreitungen mit Millwall-Fans. (Quelle: YouTube)
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Dienstagabend in East London. Wir fahren mit der U-Bahn in die Nähe des Stadions The Den. Millwall spielt hier gegen Norwich City in der zweiten englischen Liga. Der Weg zur Arena in der kalten und nassen Londoner Nacht ist nicht einladend. Vorbei an heruntergekommenen Arbeiterwohnblocks wird die Strasse allmählich zum Fussweg. Man läuft unter der Eisenbahnlinie und neben einem rauchenden Fabrikkamin vorbei, am Wegrand beschnüffelt ein Hund den Abfall. Dann erscheint es: The Den, die Heimat des «Hooligan-Klubs» Millwall. «No one likes us, no one likes us, no one likes us, we don’t care. We are Millwall, super Millwall. We are Millwall from The Den» (Niemand mag uns, niemand mag uns, niemand mag uns, das ist uns egal. Wir sind Millwall, super Millwall. Wir sind Millwall vom The Den). Es ist jener Schlachtruf, welchen die Anhänger hier am liebsten johlen. Vermutlich zu Recht.

1885 wurde der Verein von schottischen Arbeitern gegründet, daher sind die Klubfarben bis heute Blau und Weiss. Nach Jahren in unteren Ligen gelang 1988 der einzige Aufstieg in Englands höchste Liga. Zwei Jahre später war das Abenteuer wieder beendet. In der letzten Saison gelang dem Team die Promotion in die zweithöchste Klasse. Sportlicher Höhepunkt war 2004 der FA-Cup-Final gegen Manchester United (0:3). Trotzdem kennt Millwall fast jedes Kind. Das hat aber nicht sportliche Gründe.

Letzte grosse Ausschreitungen 2002

Die Anhänger des Klubs zählen zu den gewaltbereitesten und gefährlichsten des Landes. In Filmen wie «Hooligans», «Hooligans 2», «Rise of the Footsoldier» und «The Football Factory» wird dies unterstrichen. Berüchtigt ist dabei die Gruppierung «Millwall Bushwackers», welche ihre Blütezeit in den 1980er-Jahren erlebte. Wüste Szenen wie 1978 gegen Ipswich oder 1985 gegen Luton Town haben sich in Englands Fussballhistorie gebrannt. Letztmals wüteten die Hools 2002 nach dem Duell mit Birmingham City. 45 Polizisten wurden dabei verletzt. Erfahrene Ordnungshüter sprachen von noch nie zuvor erlebten Gewaltausbrüchen.

Das Spiel gegen Norwich verläuft ohne solche Zwischenfälle. Das 20 146 Fans fassende Stadion wurde 1993 in Bermondsey eröffnet. Als «The new Den» löste es das wenige Meter südlich stehende «The Den» ab. Dabei wurde auf «ausschreitungsgerechte» Bauweise geachtet. Um hineinzukommen, muss man sich durch ein sehr enges Drehkreuz zwängen, die Fluchtwege im Stadion drin sind dafür grosszügig angelegt. Der Lack ist mittlerweile jedoch ab. Daher heisst die Arena seit 2007 nur noch «The Den». Man sucht hier vergebens nach dem Glamour der neuen Hightech-Arenen wie dem Emirates oder dem Wembley. Immerhin ist es dafür einfach an Tickets zu kommen. Normalerweise kommen rund 10 000 Zuschauer zu den Partien Millwalls. Immer volles Haus oder ewiglange Wartelisten für Saisonkarten sind hier ein Fremdwort.

Aggressive Stimmung auf den Rängen

Die Stimmung auf den Rängen ist trotzdem aggressiv. Fast keine Frauen sind da, dafür viele ältere Männer. Jede Szene wird kommentiert. Egal ob vom Schiedsrichter, Gegenspieler oder Linienrichter. «Steh mal auf», «Halt die Fahne hoch!» oder «Pfeif endlich mal!» schreien dutzende Kehlen. Immer umrahmt von einer Auswahl aller möglichen Fluchwörter. Auch der zehnjährige Knirps vor uns hat schon alle abschätzigen Gesten intus. Sein Vater untermalt diese verbal. Und selbst die eigenen Spieler werden nicht geschont. Nach einem Fehlpass von Liam Trotter krächzt es hinter uns: «So etwas kannst du bei Ipswich machen, aber nicht hier!» Trotter wechselte Anfang 2010 von dort zu den «Lions», wie Millwall auch genannt wird. «Heute ist es ruhig», erklärt ein eingefleischter Fan neben uns. Er ist fast immer hier. Bestimmt geht er heiser nach Hause.

Schiedsrichter Mark Haywood hat einiges zu tun. Wie erwartet gehts hart zur Sache. Resolutes Ballwegschlagen oder eine herzhafte Grätsche werden hier heftiger beklatscht als ein Kabinettstückchen. Immerhin sehen wir kurz vor der Pause einen Fallrückzieher – allerdings als ungelenke Rettungsaktion. Und meistens wenn die Fans mit der Entscheidung des Unparteiischen nicht zufrieden sind, hallt es zur Melodie von «Sailing» wieder durchs Stadion: «No one likes us, no one likes us, no one likes us, we don’t care.» Es scheint fast, als könnten sie es kaum erwarten, ihren Lieblingssong wieder anzustimmen.

West Ham als Hassgegner

Ruhig wird es nur einmal, dann, als Norwich in der zweiten Halbzeit das 1:0 erzielt. Aber Ausschreitungen wird es nicht geben, meint der Fan hinter uns. «80 Prozent sind normal, 20 Prozent gefährlich. Aber die kommen nur raus, wenn die grossen Gegner kommen.» Zu diesen zählt vor allem West Ham United, das ebenfalls in Ost-London zuhause ist. Seit Jahren pflegen die Klubs eine Hassbeziehung. Letztmals kams im August 2009 im Rahmen des Carling Cups im verhassten Upton Park zum Direktduell. Schon vor der Partie lieferten sich die Fanlager Strassenschlachten, das Spiel selbst musste dreimal unterbrochen werden, weil es auf den Rängen zu Schlägereien kam und Zuschauer den Rasen stürmten, Anwohner mussten sich in ihren Häusern verbarrikadieren. Glücklicherweise spielt West Ham in der Premier League. Aktuell allerdings als Schlusslicht. Die englische Polizei wird beten, dass sich die «Hammers» in der obersten Liga halten.

Als die 90. Minute anbricht, machen wir uns auf den langen Heimweg. Wir irren durch East London auf der Suche nach einer anderen U-Bahnstation. Es sei eine gefährliche Gegend, welche wirklich nicht zu einem romantischen Spaziergang einlade, hat man uns erzählt. Nach gut 20 Minuten und einigem Nachfragen finden wir die «New Cross Station». Das Spiel habe übrigens 1:1 geendet, erzählt uns ein Anwohner. Der 18-jährige John Marquis traf in der 94. Minute zum Ausgleich. Norwich wird damit im Aufstiegskampf zurückgebunden, Millwall bleibt nur knapp über den Abstiegsplätzen.