Skandal um Jahrhundertspiel

25. November 2018 18:29; Akt: 26.11.2018 07:13 Print

Boca Juniors will den Forfait-Sieg

von Fabian Sangines - Chaos um den Final des wichtigsten Clubtitel Südamerikas. Eine Durchführung ist nach dem Angriff auf einen Mannschaftscar nicht mehr sicher.

Wüste Szenen: Boca-Spieler werden von River-Fans angegriffen. Video: Tamedia/Twitter
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Er stand da, fassungslos. Vor laufender Kamera versuchte Rodolfo D'Onofrio nach dem Skandal die wichtigsten Fragen zu beantworten: Was war passiert? Wie weiter? Und der Präsident von River Plate versuchte irgendwie einzuordnen, was gerade vorgefallen ist. Er hatte Tränen in den Augen. Der 71-jährige Unternehmer und Chef von Argentiniens Rekordmeister, der sonst stolz und souverän auftritt, strahlte vor allem eines aus: Verzweiflung.

An diesem denkwürdigen Abend, der zumindest in Südamerika als eines der dunkelsten Kapitel in die Fussballgeschichte eingehen wird, stand er schon zum zweiten Mal vor der Kamera. Rund eine halbe Stunde vorher musste er abbrechen und vor einer Horde aufgebrachter Fans flüchten – just in dem Moment, als er die Anhänger von River Plate dazu aufrief, der Welt zu zeigen, dass sich die überwältigende Mehrheit von ihnen zivilisiert aufführen könne.


Es hätte ein grosses Fest werden sollen, das Final-Rückspiel um die Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League. Mindestens in Argentinien warteten Generationen darauf, dass die Erzrivalen Boca Juniors und River Plate sich endlich mal im wichtigsten Spiel des Kontinents gegenüber stehen. Die britische Zeitung «Observer» erhob schon ein Ligaspiel zwischen den beiden Teams aus Buenos Aires zum wichtigsten Sportereignis, das ein Mensch erlebt haben sollte. Schon vor dem 2:2 im Hinspiel war die Sorge vor schweren Ausschreitungen nach dem Entscheidungsspiel in Rivers Stadion Monumental gross. Staatspräsident Mauricio Macri sagte, der Verlierer würde 20 Jahre brauchen, um sich davon zu erholen. Macri sagte aber auch: «Dieses Spiel ist eine gigantische Gelegenheit, der Welt unsere Reife zu zeigen.»

Ein fataler Sicherheitsfehler?

Nun, die Chance ist endgültig verpasst. Es begann möglicherweise mit einem fatalen Fehler in der Routenplanung der Sicherheitsverantwortlichen von Bocas Teambus, gipfelte in verletzten Boca-Spielern (Captain Pablo Perez musste ins Spital) und endete im Chaos.

Für Daniel Angelici, Präsident von Boca Juniors, war es «fahrlässig» gewesen, den Mannschaftsbus an einer Ecke zum Stadion abbiegen zu lassen, wo Hunderte River-Fans warteten: «Die Fussballer wurden ungenügend geschützt. Wir sind uns Eier- und Steinwürfe ja gewohnt. Aber dass sie Sicherheitsglas zerstören können, das ist neu.» Einen Tag später nahm sein Sicherheitschef die Polizei in Schutz: «Das war die einzige Route zum Stadion. An ein paar Ecken haben aber Fangruppen von River Plate gewartet.» Neben Steinen und Flaschen flogen auch Holzgegenstände, und die Spieler wurden mit Tränengas attackiert. Zahlreiche Boca-Spieler klagten anschliessend in der Kabine über Schwindel und mussten sich übergeben. Neben Perez erwischte auch Gonzalo Lamardo ein Glassplitter am Auge – beide tragen noch eine Augenbinde.

«Gebt River doch einfach den Pokal»

Dennoch entschied der südamerikanische Fussballverband Conmebol anfangs, dass die Partie noch am Samstagabend angepiffen werden soll. Statt 17 Uhr Ortszeit (21 Uhr MEZ) halt erst um 18 Uhr. Dann um 19:15 Uhr. «Sie wollen uns zwingen zu spielen», sagte Boca-Star Carlos Tevez aufgebracht: «Was die Conmebol macht, ist eine Schande.» Ein offizieller Arzt des Verbandes gab nach kurzem Besuch in der Kabine der Boca Juniors an, die Spieler wären physisch in der Lage, Fussball zu spielen. «Und es war derselbe Arzt wie 2015», schimpfte der frühere Juve-, ManCity- und ManUnited-Profi weiter. Damals trafen Boca und River im Achtelfinal der Copa Libertadores aufeinander. Im Rückspiel griffen Boca-Fans Gästespieler mit Tränengas an. Die Partie wurde nach einer ärztlichen Untersuchung abgebrochen und Boca aus dem Wettbewerb ausgeschlossen.


Video: So unterstützten Boca-Fans ihr Team im Abschlusstraining

50'000 feierten ihre Lieblinge vor dem Final-Rückspiel gegen River Plate. Video: Tamedia


Nun also die Rache. Und während im ausverkauften Monumental 66'000 Zuschauer in Ungewissheit warteten, ob die Partie endlich angepfiffen wird, verbreitete sich das Gerücht, wonach Boca 0:3 verliere, sollten sie sich weigern anzutreten. Tevez antwortete: «Sollen sie River doch einfach den Pokal überreichen. Die machen sowieso, was sie wollen!» Und sein Sturmpartner Dario Benedetto ergänzte: «Die haben offensichtlich viel Gewicht in der Conmebol.»


Bilder: Der Skandal von Buenos Aires
Skandal vor dem «Jahrhundertspiel»


Soweit kam es allerdings nicht. Der neue Termin ist am Sonntag, um 21 Uhr MEZ. Dank den Verhandlungen der beiden Vereinspräsidenten. Weil kommende Woche der G-20-Gipfel in Buenos Aires stattfindet und deshalb die Polizei mit einem Grossaufgebot ab Montag im Einsatz steht, ist dies der letztmögliche Termin. Der sichtlich aufgefühlte D'Onofrio sagte: «Wir wollen, dass beide Teams mit den gleichen Voraussetzungen aufs Feld gehen. Offensichtlich waren die Boca-Spieler psychisch nicht in der Lage zu spielen, und das ist verständlich. Die Leute müssen verstehen, dass das Menschen sind. Menschen, mit Familien. Fussball ist doch nur ein Spiel. Das ist doch kein Krieg!» Angelici bedankte sich für die Kooperation seines Gegenübers: «Wir können doch nicht antreten, wenn wir verletzte Spieler haben und sich die anderen nicht im Stande fühlen, 90 oder 120 Minuten eine solche Partie zu bestreiten.» Beiden Präsidenten war es wichtig zu betonen, dass es sich bei den Chaoten nur um «15 Idioten» handle. «Die übrigen 66'000 Menschen im Stadion veranstalteten ein vorbildliches Fussballfest», sagte D'Onofrio.

Gibts einen Forfait-Sieg für Boca?

Das war es dann aber auch schon wieder mit den Nettigkeiten zwischen den beiden Clubs. Insbesondere Tevez wollte sich gar nicht mehr beruhigen und erhob Vorwürfe gegen die River-Spieler: «Kein einziger von ihnen kam zu uns und fragte, wie es uns geht.» Nach Meinung des 34-Jährigen ist klar: «Diese Partie sollte nicht mehr ausgetragen werden. Wo ist der Unterschied zu 2015?» Damit leitete Tevez zur nächsten grossen Frage über: Wird am Sonntag wirklich um 17 Uhr Ortszeit angepfiffen? Das ist längst nicht mehr sicher, wie die argentinische Sportzeitung Olé titelt: «Boca überlegt sich, einen Forfaitsieg zu fordern.» Gemäss Reglement sei das Heimteam für die Sicherheit beider Teams «vor, während und nach dem Spiel verantwortlich. Sei es im Stadion oder in der unmittelbaren Umgebung.»

Dabei gibt es viel grössere Probleme als das sportliche Desaster, den wichtigsten Pokal des Kontinents am grünen Tisch zu vergeben. Es scheint zwar ausgeschlossen, dass die Boca-Profis 24 Stunden nach dieser Attacke psychologisch und physisch in der Lage sind, dem enormen Druck dieser Ausnahmepartie stand zu halten – abgesehen davon, dass Captain Perez wegen seiner erlittenen Verletzung auszufallen scheint.

Die grosse Angst

Im fussballverrückten Argentinien bezeichnen sich rund 70 Prozent der Bevölkerung als Anhänger eines der beiden Vereine. Gemäss offizieller Statistik bekennen sich 40 Prozent zu Boca, gemäss eigener Angabe sind es aber «la mitad mas uno» (die Hälfte plus eins). Landesweit gab es bei Krawallen zwischen den beiden Fanlagern schon Dutzende Tote. Was passiert also, wenn Boca nach diesen Vorfällen gezwungen wird anzutreten und dann verliert? Wie würden aber die River-Plate-Ultras aber auf eine Forfait-Niederlage reagieren?


Dennoch flehte der argentinische Basketballstar Andrés Nocioni via Twitter: «Bitte, sagt dieses Fussballspiel endgültig ab. Unsere Gesellschaft ist auf einen solchen Event nicht vorbereitet.» Gemäss einer «Olé»-Umfrage sprechen sich 57 Prozent der über 80'000 Teilnehmer ebenfalls dafür aus. Aber: Wie reagiert diese Gesellschaft wohl auf eine Absage? Schon am Samstagabend nutzten einige Leute die Krawalle, um nahe des Stadions parkierte Autos auszurauben. Schliesslich war die Polizei ja anderweitig beschäftigt. Nicht auszuschliessen also, dass landesweite Ausschreitungen Argentinien ins totale Chaos stürzen.



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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chupachup am 25.11.2018 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm was abgeht

    Die Staaten auf der Welt verlieren langsam aber sicher das Gewaltmonopol an Chaoten, Extremisten und sonstige kriminelle.Europa hat diesbezüglich schon lange kapituliert.Hamburg 2017, aktuell Paris oder Basel gestern sind gute Beispiele.Die Zustände werden nicht besser.

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  • Orozbe am 25.11.2018 12:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spielt doch einfach Fussball!

    Sind sehr wahrscheinlich noch im Jahr 1910 stecken geblieben...

  • errare humanum est am 25.11.2018 11:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkommen

    Fussball ist zu einer Geldmaschinerie mutiert und hat mit Sport nichts mehr zu tun. Er verursacht mehr Probleme wie alles andere. Auf dem Platz gehts um Kohle und in den Zuschauerreihen um Gang Schlägereien. Wenn das in einer anderen Sportart so wäre, würde man sie verbieten

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Karl Heinz am 25.11.2018 21:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Machen

    Solange nicht mit einer 0 Toleranz gegen diese Zustände reagiert wird, ändert sich nichts. Es passiert weder den Chaoten noch den Vereinen richtig etwas. Warum also sollte sich was ändern? - Die Chaoten mit Wasserwerfer und Tränengas einnebeln, verhaften, 5-10 Tage Haft und die entstandenen Kosten (Sachschaden) geteilt durch Anzahl verhaftete. Die Vereine der Anhänger die Stress gemacht haben mit einem Punkteabzug bestrafen...

  • Te Rasse am 25.11.2018 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Kräftemessen

    Findet leider immer weniger auf dem Platz statt

  • Drippler am 25.11.2018 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Konsequent Aufräumen

    Beide Teams disqualifizieren und sperren. Der Dritte spielt den Final gegen den Vierten.

  • marko 33 am 25.11.2018 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Super

  • Theorie &Praxis am 25.11.2018 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nöd putzt

    Jmd der ein stein wirft mit dem risiko einen spieler zu töten der ist einfach nur krank. Fussball ist nicht nur ein spiel, aber es hat definitiv seine grenze