«Black Friday»

06. Dezember 2019 08:31; Akt: 06.12.2019 12:39 Print

Jetzt ist der Rassismus auf der Titelseite angekommen

Der «Corriere dello Sport» sorgt in Italien für einen Skandal. Zwei Clubs sperren Journalisten der Zeitung nun aus.

Bildstrecke im Grossformat »
Der «Corriere dello Sport» druckt Romelu Lukaku und Chris Smalling auf seine Titelseite, dazu die Schlagzeile «Black Friday». Die AC Milan und die AS Roma verkünden in einem gemeinsamen Statement, dass Mitarbeiter der Zeitung keinen Zutritt mehr auf das jeweilige Trainingsgelände bekommen würden. Auch sind den Spielern Interviews mit dem Corriere untersagt. Eniola Aluko, Engländerin nigerianischer Abstammung, schreibt in einem offenen Brief im «Guardian», sie erlebe in Italien Alltagsrassismus, werde wie eine Ladendiebin angesehen, wenn sie mal einkaufen gehe. Sie verlässt ihren Verein Juventus per sofort. Brescia-Präsident Massimo Cellino antwortet auf die Frage, was denn mit Balotelli derzeit los sei, mit einem eigenartigen Witz. Balotelli sei halt einfach zu dunkel und er arbeite daran, heller zu werden. Später sagt er, der Spieler dürfe Brescia im Januar verlassen, wenn er dies so wolle. Mario Balotelli wird beim Gastspiel in Verona mit Affenlauten eingedeckt. Balotelli knallt den Ball mitten im Spiel in Richtung der Hellas-Fans. Mitspieler überreden ihn, weiterzuspielen. Wenige Wochen vor ihm erlebte bereits Milans Mittelfeldspieler Franck Kessié dasselbe. Inters Romelu Lukaku bekommt in Cagliari dieselben Rufe zu hören. Danach schreibt er auf Facebook, Rassismus habe keinen Platz in der Gesellschaft. Inter-Fans antworten ihm in einem offenen Brief und finden, er solle sich nicht so anstellen. Das sei kein Rassismus. Wenige Wochen später kommentiert ein italienischer TV-Experte live: «Du kannst Lukaku nur stoppen, wenn du ihm zehn Bananen hinwirfst, die er essen kann» selbst schuld. Fans der SSC Napoli halten Bilder ihres Verteidigers Kalidou Koulibaly hoch. Der Senegalese wurde nach einem Platzverweis gegen Inter Mailand aus der Inter-Kurve beleidigt. Nach diesem Spiel kam es zu hässlichen Ausschreitungen rund um das San Siro mit einem Todesopfer. Mehdi Benatia, damals noch Spieler von Juventus Turin, gibt nach einem Spiel ein Liveinterview, als ihn jemand aus dem Hintergrund als «Scheiss Marokkaner» beleidigt. Benatia bricht das Interview sofort ab. Der serbische Trainer des Gegners, Sinisa Mihajlovic, zeigt sich solidarisch. Er selbst sei in Italien schon oft als Zigeuner bezeichnet worden. Nur eine Woche vor dem Vorfall mit Benatia wurde der Ghanaer Sulley Muntari Opfer von rassistischen Beleidigungen. Der Pescara-Spieler verliess das Spielfeld noch vor dem Schlusspfiff und wurde dafür gesperrt. Diese Sperre wurde nach grosser Empörung aufgehoben. Die Szene ereignete sich in Cagliari. Kévin Constant mit einer Banane, die ihm von Atalanta-Bergamo-Anhängern zugeworfen wurde. Der Guineer verliess nach der Aktion das Spielfeld und im folgenden Transferfenster die AC Milan und Italien. Zwischenzeitlich kam Constant bei Sion unter, heute spielt er im Iran. In Italien steht keiner mehr für den immer noch währenden Rassismus als er: Mario Balotelli. Ob beim Nationalteam, bei Inter oder bei Milan, immer wieder musste der Stürmer Beleidigungen über sich ergehen lassen. Beim Spiel zwischen Milan und der SSC Napoli waren solche aus dem Gästesektor zu hören. Balotelli brach in Tränen aus und wurde ausgewechselt. Die AC Milan spielt ein Testspiel gegen den Viertligisten Pro Patria. Eine Handvoll Fans beleidigt Kevin-Prince Boateng während des ganzen Spiels. Der Deutsch-Ghanaer reagiert, drischt den Ball ins Publikum und verlässt den Platz. Seine Teamkollegen tun es im gleich, Captain Massimo Ambrosini sagt, sein Team habe ein Zeichen setzen wollen. Boateng wird später UNO-Botschafter im Kampf gegen Rassismus. Die Lazio-Fans sind von ihrem Zuzug Miroslav Klose begeistert. Und zeigen das auf ihre Weise. Im Derby gegen die AS Roma halten sie ein Plakat hoch mit der Aufschrift «Klose mit uns», in Anlehnung an den Nazi-Schlachtruf «Gott mit uns». Die zwei «S» sind zudem in Runen dargestellt, wie sie die deutsche Schutzstaffel (SS) im Zweiten Weltkrieg benutzte. Der Deutsch-Pole Klose war nach der Aktion wütend und sagte, Politik und Sport sollten nicht vermischt werden.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Diesmal kommt er nicht aus einer Fankurve. Er wird nicht von einer brüllenden Meute auf den Platz gerufen. Diesmal ist der Rassismus auf die Titelseite gedruckt, in einer der grössten Sportzeitungen Italiens. Ein Bild von Romelu Lukaku. Neben ihm Chris Smalling. Zwischen den beiden dunkelhäutigen Spielern diese Schlagzeile: «Black Friday». Weil die Clubs der beiden, Inter Mailand und die AS Roma, ihr Spitzenspiel aussergewöhnlicherweise am Freitagabend austragen.

Umfrage
Hat der italienische Fussball ein Rassismus-Problem?

Der «Corriere dello Sport» kam auf diese Idee, in Anlehnung auf den Kaufrausch-Tag aus den USA, an dem vor einer Woche die Läden gestürmt wurden. Der Corriere ist eine Sportzeitung aus Rom, neben der «Gazzetta dello Sport» aus Mailand die renommierteste Italiens. Nun hat er Probleme, der Skandal macht seine Runde. Zwei Clubs greifen sogar zum Hausverbot. Die AC Milan und die AS Roma lassen am gleichen Tag verlauten, Journalisten des «Corriere dello Sport» nicht mehr auf ihr Trainingsgelände zu lassen. Spieler dieser Teams geben der Zeitung keine Interviews. Zumindest bis Januar.

Der Chefredaktor Ivan Zazzaroni antwortet darauf mit einem kurzen Statement, in dem er sich zuerst einmal über die Gesellschaft aufregt. Armeen rechtschaffender Menschen seien ins Netz gestürmt, sagt er. Die Schlagzeile «Black Friday», eine unschuldige, sei missverstanden und in Gift verwandelt worden. Lukaku selbst versteht sie als dümmste Überschrift, die er in seiner Karriere gelesen habe. Gerade er, seit Sommer in Italien, ist in dieser Saison schon oft Ziel rassistischer Bemerkungen gewesen, ist damit aber nicht alleine. In der Bildstrecke oben finden Sie einen Rückblick.

Die Serie A befand sich in den letzten Jahren im Aufschwung. Namen wie Cristiano Ronaldo, Matthijs de Ligt, oder auch Lukaku polierten die lange etwas verstaubte Liga wieder auf, sogar das Meisterrennen ist in dieser Saison völlig offen. In anderen Bereichen aber hinkt sie hinterher.

Fussball

(mro)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Geilesbrot am 06.12.2019 09:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Mal schauen wie lange es noch in der serie a dauert bis das erste spiel abgebrochen wird.. bisher haben sie leider immer weiter spielen lassen, warum auch immer...

  • Piotta am 06.12.2019 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Inter

    Und was hat die AC Milan damit zu tun? Lukaku spielt beim FC Internazionale. Also Inter!

  • Peter am 06.12.2019 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    nichts neues

    Den Black Friday finde ich jetzt noch ok, aber Italien hat definitiv ein Rassismus Problem und dies nicht nur im Fussball

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mr. Bull am 06.12.2019 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dumm

    Black friday ist sowieso ein unglücklicher begriff. Aber leider sind viele italiener geistig immer noch gleich weit wie zu zeiten von mussolini. Das wird dort noch lange gehen bis die hautfarbe keine rolle mehr spielt. Wohl nicht nur dort. Leider

  • KSAlb am 06.12.2019 17:14 Report Diesen Beitrag melden

    Medien

    Kommt drauf an wie man es aufnimmt. Unter Kollegen ist würde man drüber lachen. Muss nicht sein aber ich denke die Spieler werden es auch lustig finden. Solange sie nicht alltags diskriminiert werden ist es nicht so schlimm.

  • Stella Müller am 06.12.2019 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Lana

    weil sie wahrscheinlich weiss sind! ich finde es sehr schlimm! es wird auf die hautfarbe reduziert mit einem bescheuertem wortspiel! und ich bin auch dunkelhäutug und rege mich dermassen auf, vorallem ab leuten wie ihnen die dann noch verharmlosen! die menschen sollten endlich lernen rücksicht aufeinenader zu haben und sie zu respektieren! unmögliches verhalten!

  • Peter am 06.12.2019 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    nichts neues

    Den Black Friday finde ich jetzt noch ok, aber Italien hat definitiv ein Rassismus Problem und dies nicht nur im Fussball

    • Liam am 06.12.2019 17:15 Report Diesen Beitrag melden

      CHer

      Die Schweiz auch, Sehe es jeden Tag in Geschäften, Verkehr, Arbeit.. und nicht persönlich. Ecklig!

    einklappen einklappen
  • Piotta am 06.12.2019 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Inter

    Und was hat die AC Milan damit zu tun? Lukaku spielt beim FC Internazionale. Also Inter!