Ex-Nati-Trainer

16. April 2019 05:32; Akt: 16.04.2019 07:58 Print

Köbi Kuhn wurde als Kind missbraucht

Einer der erfolgreichsten Schweizer Fussballspieler und Trainer macht ein Geständnis: Köbi Kuhn sei als Kind von einem älteren Kollegen sexuell missbraucht worden.

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Köbi Kuhn wird pensioniert. Der (bisher) erfolgreichste Trainer der SFV-Geschichte kann auf eine beispiellose Karriere zurückblicken. In den 60er-Jahren galt Köbi Kuhn als bester Schweizer Mittelfeldspieler. Mit dem FCZ wurde er sechsfacher Schweizer Meister und gewann fünfmal den Cup. 1973 konnte Captain Kuhn im Wankdorf-Stadion nach einem 2:0-Sieg über den grossen Rivalen FCB feiern. Mit der Nationalmannschaft qualifizierte sich Regisseur Kuhn für die Weltmeisterschaften 1962 in Chile und 1966 in England. Die Nati verlor aber sämtliche Spiele der Gruppenphasen. Kuhn und Verteidiger Werner Leimgruber schlugen in der legendären «Nacht von Sheffield» über die Stränge und wurden von Trainer Foni deshalb für das Auftaktspiel nicht aufgeboten – mit fatalen Folgen für die Schweiz. 1978 hängte Kuhn, der – von einem zweimonatigen Abstecher zum Stadtrivalen GC abgesehen – während seiner ganzen Karriere beim FC Zürich spielte, seine Fussballschuhe an den Nagel. Ein goldener Schuh und ein Abschiedsspiel waren der Lohn für eine grosse Fussballkarriere und langjährige Treue zum Verein. Dank einem 2:0-Sieg über Irland im St.Jakob-Park konnte sich die Schweiz für die EM-Endrunde 2004 in Portugal qualifizieren. Kuhn, der gleichentags sechzig Jahre alt wurde, wurde von den Spielern auf Händen getragen und vom Publikum gefeiert. Den Höhepunkt in der Trainerkarriere stellte die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland dar. Mit einem 2:0 über Südkorea qualifizierten sich die Schweizer für den Achtelfinal, wo man aber im Penaltyschiessen an der Ukraine scheiterte. Der populäre Kuhn entwickelte sich auch zu einem gefragten Werbepartner: Die Engagements für den Stromriesen Axpo oder die von Subventionen lebenden Bauern brachten ihm aber auch Kritik ein. Kuhn schaffte es, eine zerstrittene Truppe von Fussball-Legionären zu einer funktionierenden Mannschaft zu formen. Immer wieder bezeichnete er die Nati als «Familie». Das zaudernde Auftreten und die behäbige Art des Trainers täuschten darüber hinweg, dass Kuhn auch harte Entscheidungen treffen konnte. Eitelkeiten mussten der Harmonie im Mannschaftsgefüge untergeordnet werden. Leitwölfe wie Ciriaco Sforza (Bild), Johann Vogel, Stéphane Chapuisat oder Stéphane Henchoz musterte Kuhn aus, was ihm teilweise heftige Kritik eintrug. Das TV-Publikum wählte den Nationaltrainer im Jahr 2007 zum «Schweizer des Jahres». Der Todesstoss für die Schweizer EM-Hoffnungen kam jäh. Der späte Treffer zum 2:1 für die Türkei besiegelte das frühe Ausscheiden der Nati an der Europa-Meisterschaft im eigenen Land. Kuhn, der jahrelang auf das Ziel Viertelfinalqualifikation hingearbeitet hatte, verliess den Platz als geschlagener Mann. Die Nati-Spieler bereiteten Köbi Kuhn mit dem Sieg im letzten EM-Spiel gegen Portugal (3:0) einen ehrenvollen Abgang und verabschiedeten den Trainer mit einem Transparent.

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Der frühere Fussballspieler und ehemalige Nationaltrainer Köbi Kuhn ist laut eigenen Angaben als Kind von einem älteren Vereinskollegen sexuell missbraucht worden. Dies schreibt der 75-Jährige in seiner Autobiografie, von der der «Blick» am Dienstag einen Auszug publiziert hat.

Als Frischling bei seinem ersten Verein habe sich ein älterer Kollege mit ihm angefreundet, schreibt Kuhn. Dieser sei nett zu ihm gewesen und habe ihn eines Nachmittags zu nach Hause eingeladen. Törichterweise sei er mitgegangen. «Denn als wir allein waren, hat er mich benutzt, um sich selbst zu befriedigen, und mich gezwungen mitzumachen.»

Wann, wo genau und durch wen es zum Missbrauch kam, dazu machte Kuhn keine Angaben. Er wagte es den Angaben zufolge jahrzehntelang nicht, über den Vorfall zu sprechen. «Ich stand unter Schock, war eingesperrt in der fremden Umgebung und konnte mich nicht wehren. Danach habe ich mich geschämt und gefürchtet, was wohl passieren würde, wenn meine Eltern oder der Trainer etwas erfahren.»

2016 konfrontierte Kuhn die Clubverantwortlichen. «Man hat mich abgekanzelt, hinterfragt, warum ich erst jetzt, nach all den Jahren, komme.»

Als 2016 derartige Fälle von Missbrauch im Fussball mehrfach in den Schweizer Medien geschildert worden seien, habe er nicht mehr länger schweigen können. «Das Schicksal dieser Kinder berührte mich zutiefst. Ich habe meiner Frau von meinem traumatischen Erlebnis erzählt.»

Kuhn will Betroffenen Mut machen

Danach konfrontierte Kuhn laut eigenen Angaben die Clubverantwortlichen mit seiner Geschichte. Dabei sei er auf taube Ohren gestossen. «Man hat mich abgekanzelt, hinterfragt, warum ich erst jetzt, nach all den Jahren, komme.» Er wolle mit seiner Geschichte allen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass niemand vor so einer Tat gefeit sei.

Der in Zürich-Wiedikon geborene Jakob «Köbi» Kuhn zählt zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Fussballspielern der Schweiz in den 1960er und 1970er Jahren. Der Mittelfeldspieler stand 17 Jahre lang für den FC Zürich auf dem Platz und spielte von 1962 bis 1976 auch für die Nationalmannschaft. In den 1990er Jahren wechselte er ins Trainergeschäft. Als Höhepunkt trainierte er von 2001 bis 2008 das Nationalteam.

Fussball

(chk/sda)