Willkommenskultur und Respekt

18. November 2019 11:10; Akt: 18.11.2019 11:46 Print

Kosovo feiert England – trotz Niederlage

Im EM-Qualifikationsspiel zwischen Kosovo und England ist das Geschehen auf dem Platz nur nebensächlich.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Qualifikation für die EM 2020 hatte die Mannschaft von Bernard Challandes bereits vor dem letzten Spieltag verpasst. So verkam das Duell gegen den Tabellenführer der Gruppe A aus England zur Nebensache. Am Ende resultierte für die «Three Lions» ein deutlicher 4:0-Sieg, der eigentlich nicht gross der Rede wert wäre. Wäre da nicht der überaus freundliche Empfang der Gäste von den heimischen Fans, der die besondere Beziehung der beiden Länder zelebrierte.

Tagelange hatten sich die Fans in Pristina auf die Gäste von der Insel gefreut. Schon eine Woche vor Anpfiff waren in der Hauptstadt des Kosovo zahlreiche Banner gesichtet worden, «Welcome & Respect»-Schriftzüge, verziert mit den Fahnen beider Länder sowie dem einer roten Mohnblüte, mit der die Briten ihre Unterstützung für die Armee und die Erinnerung an gefallene Soldaten ausdrücken, säumten die Strassen. In einem Geschäft im Zentrum prangte ein Poster des englischen Stürmer Raheem Sterling, «Welcome bro» war darauf zu lesen.

Auswärtsspiel in Pristina, Begrüssung durch die Fans. (Bild: Keystone)

20 Jahre nach dem Kosvo-Krieg

«Wir tun dies aus Anerkennung für unsere Freunde, die uns bei der Gründung unseres eigenen Staates sehr geholfen haben», erklärte Agim Ademi, der Präsident des kosovarischen Fussballverbands KFF, die Aktion am Tag vor dem England-Spiel gegenüber der «Deutschen Welle». «England und sein damaliger Premierminister Tony Blair haben dabei eine Schlüsselrolle gespielt.»

Vor zwanzig Jahren war Grossbritannien ein Teil der Nato-Streitkräfte, die im Kosovo-Krieg gegen Serbien eingriffen und sich für eine Unabhängigkeit der 2-Millionen-Einwohner-Republik einsetzten. Berühmt ist jenes Bild, das einen britischen Soldaten zeigt, der seine Patrouille unterbricht, um mit kosovarischen Kindern Fussball zu spielen.

Ein Zeichen gegen Rassismus

Doch die Banner hätten noch einen weiteren, viel aktuelleren Grund gehabt. Bei früheren Spielen in Osteuropa war den Engländern ein offen zur Schau gestellter Rassismus entgegen geschlagen, als dunkelstes Kapitel blieb jüngst das Auswärtsspiel in Bulgarien in Erinnerung, als Zuschauer auf der Tribüne Affenlaute und Beleidigungen von sich gaben sowie den Hitlergruss zeigten. «Wir wissen, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden. Wir haben es schliesslich selbst lange genug am eigenen Leib erlebt. Aber viele unserer Landsleute waren im Ausland und haben andere Kulturen und Religionen kennengelernt», so Ademi. «Daher: Albaner sind keine Rassisten!»

Beim Anpfiff im Stadion, als der Speaker die Startelf der Gäste verkündet, hallt bei jedem Engländer sein Nachname durch den Nachthimmel von Pristina, jeder Heimfan hält eine englische Flagge hochgestreckt und versucht, die Hymne mitzusingen.

Es ist nicht alles rosig

Die Gastfreundschaft gegenüber den englischen Spielern, Fans und dem Land, aus dem sie kommen, sie ist echt. Und wird nicht nur von oberster Verbandsebene, sondern auch von der Bevölkerung gelebt. Dennoch gilt es festzuhalten, dass das Verhältnis der Kosovo-Albaner gegenüber anderen Nationen oder Bevölkerungsgruppen im eigenen Land auch von Diskriminierung und Benachteiligung geprägt ist. Im Netz und in den sozialen Medien kursieren Videos wie das folgende, das kosovarische und englische Fans verbündet zeigt, wie sie gemeinsam «Serbians are bastards» singen.

Die serbische Minderheit im Kosovo, rund 13'000 Menschen, sieht sich auch 20 Jahre nach dem Friedensschluss im Kosovo-Krieg, einer ablehnenden Haltung der kosovarischen Bevölkerung gegenüber. Und so ist nicht immer alles so rosig, so anti-rassistisch und gastfreundlich wie an jenem Samstagabend, an dem sich England den ersten Platz in der Gruppe A sichert.

Fussball

(erh)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Swisshoopz am 18.11.2019 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    True

    Niemand behauptet, dass wir Schweizer die Kosovo Albanern "hassen" oder nicht "respektieren"! Im Gegenteil, viele von uns Arbeiten mit denen Tag für Tag schon Jahrelang! Wir wissen diese Menschen zu schätzen und wir sehen sie auch als Freunde. Aber diese 1% wo eine ganze Nation schlecht dastehen lässt, diese Personen die mögen wir halt einfach nicht und wir sagen es auch. Das soll nicht heissen das wir alle nicht mögen oder gar rassistisch sind. Leider wird oft eine Meinung so dargestellt als würden wir alle verallgemeinern.

    einklappen einklappen
  • Pedro am 18.11.2019 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Bilder

    Solche Bilder kann man sich mehr wünschen. Welcome & Respect hat jede Gastmannschaft verdient und nicht andersrum.

  • LK am 18.11.2019 13:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dankbar

    Ich wünsche mir ein Freundschaftsspiel zwischen Kosovo und der Schweiz. Ich würde jedenen einzelnen CH-Freund einladen um zu sehen, was für ein Respekt & Dankbarkeit mein Volk gegenüber der CH und deren Bevölkerung hat. Ohne die Schweiz würde es Kosovo in dieser Form nicht geben.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Amko-Brate am 19.11.2019 18:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kosovo

    Respekt an Kosovo, so ein junges Land und so gut gespielt in der Quali.

  • Inis Ismaili am 19.11.2019 16:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tolle Geste! sollte immer so sein

    Das ist mal eine Art jemanden Willkommen zu heissen und zu begrüssen. Rein aus Respekt und aus dem Prinzip was vor 20 Jahren in dieser Region los war. Ein friedliches Miteinander und Respekt wie in diesem Fall sollte immer gegeben sein, das macht den Sport nur schöner! Da sieht man auch allgemein wie die Leute dieser Region ticken. Man sollte es allerdings niemals damit vermischen, dass vor 20 Jahren der Kosovokrieg gegen die Serben in vollem Gange war. Das hat alles nur verkompliziert und ein komisches Bild über den Balkan gegeben. Wir sind friedlich, respektvoll und völlig antirassistisch lasst und friedlich sein

  • Scarfield am 19.11.2019 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Kotz

    Kotz

  • Max M. am 19.11.2019 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    Politik und Sport?

    Je nach dem wer sich für was und wen politisch äussert wird es von den Medien gefeiert. Zweierlei Maß wie immer, hauptsache N.A.T.O. konform.

  • KosovoAlbaner am 19.11.2019 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Sehr schön geschrieben. Diese 1% mögen wir übrigens auch nicht.