Goaliefrage

25. März 2011 13:09; Akt: 25.03.2011 16:20 Print

Marco Wölfli, die heimliche Nummer 1

von Sandro Compagno, Sofia - Seit der WM 2010 hat Marco Wölfli mehr Zeit im Tor der Nati verbracht als Diego Benaglio. Als Nummer 1 sieht sich der YB-Keeper aber nicht.

Marco Wölfli vor dem schwierigen Spiel in Bulgarien. (Video: 20 Minuten Online)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Wenn man vom «Hilton Hotel», wo die Schweizer Nati in Sofia untergebracht ist, ins Stadtzentrum fährt, kommt man am Wassil-Lewski-Nationalstadion vorbei. An der klassizistisch gehaltenen Hauptfassade prangt in deutscher Sprache ein Zitat von Friedrich Schiller: «Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.»

Umfrage
SInd Sie vom Schweizer Abschneiden in Bulgarien enttäuscht?
88 %
12 %
Insgesamt 223 Teilnehmer

Glaubt man Friedrich Schiller (und Ottmar Hitzfeld), dann darf Marco Wölfli am Samstag im wegweisenden EM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien wieder einmal ganz Mensch sein. Der Berner wird den verletzten Stammgoalie Diego Benaglio vertreten – nicht zum ersten Mal in den vergangenen Monaten.

Ein Blick in die Einsatzstatistik bringt erstaunliches zutage: Seit Abschluss der WM stand Benaglio 277 Minuten im Nati-Tor, sein Ersatzmann Wölfli jedoch 353 Minuten. «Für euch Journalisten mag die Frage nach der Nummer 1 und der Nummer 2 interessant sein», winkt Wölfli ab, «für mich jedoch ist sie unwichtig.» Wichtig sei, morgen ein gutes Spiel zu machen. Basta.

Seit zehn Jahren Weggefährten und Konkurrenten

Benaglio und Wölfli sind seit zehn Jahren sowohl Weggefährten als auch Konkurrenten. In der U21, bei den «Titanen» von Bernard Challandes, genoss Wölfli stets den Vorzug, in der A-Nati unter Ottmar Hitzfeld ist es umgekehrt. Natürlich wolle er auch in der Nati so oft wie möglich spielen, gibt Marco Wölfli zu: «Aber ich will meine Ansprüche auf dem Platz anmelden, nicht via Medien. Ich versuche, dem Trainer die Entscheidung so schwer wie möglich zu machen.»

Zu Benaglio pflegt Wölfli ein kollegiales Verhältnis. Er und der Wolfsburg-Keeper würden ähnlich denken, so Wölfli. «Da gibt es keine Sticheleien oder Ressentiments. Schliesslich müssen wir dem Trainer und nicht dem anderen Goalie zeigen, was wir können.»

Anders als Benaglio, der die Schweiz schon mit 18 Jahren in Richtung Stuttgart verliess, danach in Funchal auf Madeira spielte und 2009 mit Wolfsburg deutscher Meister wurde, führte die Karriere von Marco Wölfli nur über rund 50 km: von Grenchen via Solothurn nach Bern. Dort hat er seinen Vertrag unlängst bis 2015 verlängert. Ambitionen, in eine andere, bessere Liga zu wechseln, geniessen beim schweizerisch-italienischen Doppelbürger keine Priorität: «Solange ich mich bei YB wohlfühle und solange ich mich weiterentwickle, sehe ich keinen Grund zu gehen.» Dass aus ihm ein zweiter Walter Eich werden könnte, daran verschwendet Wölfli keinen Gedanken. Dazu fehlen neben einigen Jahren auch ein paar Titel: Goalie-Legende Eich spielte von 1947 bis 1960 für die Young Boys, stieg in die NLA auf und holte zwei Cup-Siege sowie vier Meistertitel in Serie (1957, 1958, 1959, 1960).

Auf Wölfli ist im Nationalteam Verlass

Dass im Nationalteam auf ihn Verlass ist, hat Marco Wölfli in seinen bis dato neun Einsätzen mehrfach bewiesen. Unter anderem hielt der 28-Jährige im Oktober 2009 das 0:0 gegen Israel fest, mit dem sich die Nati für die Weltmeisterschaft 2010 qualifizierte. Auch mit Bulgarien hat er bereits seine Erfahrungen gemacht: Sein zweites Länderspiel am 11. Februar 2009 war ein 1:1 in Genf gegen die Osteuropäer. «Die Mannschaft war spielstark und technisch gut», erinnert er sich. Morgen im Wassil-Lewski-Nationalstadion gehe es in erster Linie darum, «kühlen Kopf zu bewahren, defensiv gut zu stehen und die Chancen, die sich uns bestimmt bieten werden, auch auszunützen». Die Stimmung in der Schweizer Nationalmannschaft 24 Stunden vor dem Spiel der Wahrheit sei gut. «Die Spieler sind gut drauf. Die meisten haben am Wochenende mit ihren Vereinen gut gespielt, das ist der Stimmung immer zuträglich.» Er jedenfalls habe ein positives Gefühl. Ob als Nummer 1 oder Nummer 2, ist dabei unerheblich.

Wenige Zuschauer erwartet

Die Nationalmannschaft Bulgariens ist hier in Sofia kein Strassenfeger. In der EM-Qualifikation gegen Montenegro kamen 9500 Zuschauer, im November im Test gegen Serbien verloren sich gar nur 1500 Fans im Wassil-Lewski-Nationalstadion mit seinen 43 000 Plätzen. Auch für das Spiel gegen die Schweiz werden keine 20 000 Zuschauer erwartet. Das hat auch mit den Ticketpreisen zu tun. 20 Lew (13 Franken) sind für viele Menschen hier in Bulgarien zu viel Geld.