Ferienüberraschung

24. Juli 2018 04:04; Akt: 24.07.2018 07:15 Print

Nicht einmal Löw wusste von Özils Rücktritt

Der National-Coach hat während seiner Ferien von Özils Schritt erfahren. Derweil wird der Rücktritt von DFB-Chef Reinhard Grindel gefordert.

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Am Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot. Der DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.» Jogi Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. «Das war keine glückliche Aktion», sagt der Bundestrainer und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide seien aber «zu keiner Sekunde» ein Thema gewesen. Özil und Gündogan unterbrechen ihre Ferien, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier (r.). Der Bundespräsident sagt: «Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.» Im WM-Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) werden Özil und Gündogan ausgepfiffen. Thomas Müller stellt sich vor seine Teamkollegen, beide seien «ein wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt.» Es sollte ein Trugschluss sein. Am Medientag im Trainingslager im Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen ausgewählter Pressevertreter. «Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen», sagt er und fügt an: «Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss.» Özil schweigt weiter. Steinmeier äussert sich in der «Zeit» befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn «ein bisschen ratlos gemacht». Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei «eine Interpretationsfrage». DFB-Direktor Bierhoff versucht, die Debatte vor dem Match gegen Saudiarabien zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Eppan. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudiarabien (2:1) wird Gündogan bei seiner Einwechslung ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn «geschmerzt», sagt er. Der Bundestrainer fürchtet, das Thema auch in Russland nicht loszuwerden. Gündogan twittert, er sei «immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen». Özil schweigt. Captain Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam. Bierhoff versucht vor dem WM-Start, die Affäre abzuhaken und erneut Ruhe in die Thematik zu bringen. «Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen», sagt er zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko. Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Luschniki-Stadion jedoch nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Thema Erdogan ist innerhalb der Mannschaft noch nicht durch. Die «Sport Bild» berichtet von Rissen im Team, von einer Grüppchenbildung. Es gebe zwei Lager, die vor allem in zwei Punkten sehr unterschiedlicher Meinung seien. Einerseits hinsichtlich der Nicht-Nomination von Jungstar Leroy Sané, andererseits betreffend die Erdogan-Debatte. Gerade die Bayern-Fraktion habe sich von Özil eine öffentliche Stellungnahme gewünscht, damit endlich Ruhe einkehre. Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt aber schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg. Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer. Sami Khedira (r.), der als Vertrauter Özils gilt, stellt die DFB-Führung in einem «Bild»-Interview bloss. Der Umgang mit «Erdogan-Gate» sei nicht richtig gewesen: «Das war ein Riesen-Thema und wurde unterschätzt, ja.» «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen», schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus. Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen». Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. «Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet», sagt er in der «Welt» und macht den Spieler damit zum Sündenbock. Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich falsch ausgedrückt. Was er genau hatte sagen wollen, bleibt unklar. DFB-Präsident Grindel fordert Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach den WM-Ferien auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem «kicker». Über zwei Monate nach dem Treffen mit Erdogan bricht Özil sein Schweigen, äussert sich erstmals öffentlich zur Debatte und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. «Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen», teilt der 29-Jährige auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken mit. Er kritisiert «Rassismus und fehlenden Respekt». Ausserdem greift er Grindel scharf an: «Ich äussere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein.» Das Bild mit Erdogan verteidigt er. Der DFB reagiert auf die Rassismus-Vorwürfe gegen Grindel. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», schreibt der Verband in einer Stellungnahme.

Zum Thema
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Der deutsche Fussball-Bundestrainer Joachim Löw hat einem Medienbericht zufolge aus dem Internet vom Rücktritt Mesut Özils aus der Nationalmannschaft erfahren. «Weder der Bundestrainer noch ich waren vorab informiert», sagte Löw-Berater Harun Arslan der «Bild»-Zeitung. Özils Berater Erkut Sögüt hatte den DFB dem Blatt zufolge nur informiert, dass es am Sonntag eine Stellungnahme seines Klienten geben würde. Löw befindet sich derzeit in den Ferien auf Sardinien.

Arslan betreut den Bundestrainer seit vielen Jahren. Seit Jahresbeginn hat Arslan eine Kooperation mit Özil-Berater Sögüt und Ilhan Gündogan, dem Onkel und Berater von Nationalspieler Ilkay Gündogan.

Grindels Rücktritt gefordert

Nach dem Rückzug von Mesut Özil aus der Fussball-Nationalmannschaft hat der Grünen-Politiker Cem Özdemir DFB-Chef Reinhard Grindel den Rücktritt nahegelegt. Grindel habe sich «durch seine Äusserungen dermassen ausser Gefecht gesetzt», dass er nicht sehe, «wie der Neubeginn der Nationalmannschaft funktionieren soll mit ihm an der Spitze des DFB», sagte Özdemir der «Welt». Grindel solle «sich kritisch hinterfragen, ob er noch der richtige Mann für dieses Amt» sei.


Video: Mesut Özil – eine Chronik

Die Geschichte eines begnadeten Fussballers und sein unschöner Abgang. Video: Tamedia


Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hätte von Anfang an, unmittelbar nach dem umstrittenen Foto Özils mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, eingreifen und die Sache bereinigen müssen, sagte Özdemir. «Er hätte eine Klarstellung auch von Özil selber intern anmahnen müssen.»

Stattdessen habe Grindel «im Vorfeld zugelassen, dass der öffentliche Streit in die Mannschaft hineingetragen wurde, und im Nachhinein wurde dann versucht, sich dieser Stimmung zu bedienen und das Scheitern gewissermassen ausschliesslich Mesut Özil angelastet», kritisierte der Grünen-Politiker mit Blick auf das frühe WM-Aus der deutschen Nationalelf. «Das ist unverantwortlich – um nicht zu sagen: unanständig.»

Özil hatte sich am Sonntag erstmals zu seinem umstrittenen Treffen mit Erdogan im Mai geäussert und anschliessend erklärt, er wolle nicht mehr für Deutschland spielen. Er prangerte einen weit verbreiteten Rassismus gegen ihn als Deutschtürken an und erhob insbesondere schwere Vorwürfe gegen Grindel.

Fussball

(chk/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jogi am 24.07.2018 04:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verwöhnt bis zum geht nicht mehr!

    Es ist ja alles so einfach für die verwöhnten Fussball-Bubis! Egal ob in der Schweiz oder in Deutschland. Sie verhalten sich oft völlig daneben und sind sich in ihrem fürstlichen Leben nicht gewohnt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Im Gegenteil- alle anderen haben sich falsch benommen. Genau mit dieser Einstellung sind sie ja gross geworden. Sie teilen aus und nützen aus - und wenn sie dann den Bogen überspannen, lassen sie alles fallen und beschuldigen diejenigen, die sich irgenwann nicht mehr alles gefallen lassen! Weg mit den Störefrieden und weiter gehts!

  • Walter50 am 24.07.2018 05:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    politik

    Sehr naiv zu sagen, dass es nicht politisch sei. Seitens Erdogan war es Wahlkampf pur, wenn man die Beeinflussung der auslandtürken beobachtet.

  • Burebueb am 24.07.2018 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erdoblase....

    jeder ist ersetzbar ,also auch Herr Özil ,also viel Lärm um Nichts!

Die neusten Leser-Kommentare

  • A. K. am 24.07.2018 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch Fragen?

    Zeigt doch den wahren Charakter Özils.

  • Chrissi64 am 24.07.2018 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht

    Richtig das Özil nicht mehr in der Nationalmannschaft mitspielt den hätte man für die WM schon sperren müssen.

  • Kowalski am 24.07.2018 08:08 Report Diesen Beitrag melden

    Überbewerteter Balltreter!

    Man könnte meinen, Mesut Özil sei eine wichtige Person, dabei ist er NUR ein Fussballspieler.

  • Danieli p. am 24.07.2018 08:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Özil 

    Der Özil hat sehr grossen Fehler gemacht, somit hat er nun auch seine karriere verbockt. Er wird nun in zukunft in jeder Manschaft seine probleme haben

  • Patnuk am 24.07.2018 08:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rücktritt....

    Özil hat keinen Rücktritt angegeben nur geschrieben dass er zurzeit nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen will, dass ist aber kein Rücktritt und kann jederzeit wieder für Nationalmannschaft spielen. Im Gegensatz zu Sandro Wagner der offiziell seinen Rücktritt angegeben hat und schriftlich.

    • Sandro am 24.07.2018 08:19 Report Diesen Beitrag melden

      Lord Wagner

      Leider ja. Wagner wäre so viiil besser auf dem Platz, allein schon nur die Körpersprache

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