Falschen Account benutzt

23. Juli 2018 18:08; Akt: 23.07.2018 18:45 Print

Polizei kritisiert Özil – und rudert sofort zurück

Ein unbeabsichtigter Tweet über den zurückgetretenen Mesut Özil wurde der Polizei Koblenz zum Verhängnis.

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Am Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot. Der DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.» Jogi Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. «Das war keine glückliche Aktion», sagt der Bundestrainer und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide seien aber «zu keiner Sekunde» ein Thema gewesen. Özil und Gündogan unterbrechen ihre Ferien, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier (r.). Der Bundespräsident sagt: «Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.» Im WM-Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) werden Özil und Gündogan ausgepfiffen. Thomas Müller stellt sich vor seine Teamkollegen, beide seien «ein wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt.» Es sollte ein Trugschluss sein. Am Medientag im Trainingslager im Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen ausgewählter Pressevertreter. «Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen», sagt er und fügt an: «Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss.» Özil schweigt weiter. Steinmeier äussert sich in der «Zeit» befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn «ein bisschen ratlos gemacht». Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei «eine Interpretationsfrage». DFB-Direktor Bierhoff versucht, die Debatte vor dem Match gegen Saudiarabien zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Eppan. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudiarabien (2:1) wird Gündogan bei seiner Einwechslung ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn «geschmerzt», sagt er. Der Bundestrainer fürchtet, das Thema auch in Russland nicht loszuwerden. Gündogan twittert, er sei «immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen». Özil schweigt. Captain Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam. Bierhoff versucht vor dem WM-Start, die Affäre abzuhaken und erneut Ruhe in die Thematik zu bringen. «Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen», sagt er zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko. Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Luschniki-Stadion jedoch nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Thema Erdogan ist innerhalb der Mannschaft noch nicht durch. Die «Sport Bild» berichtet von Rissen im Team, von einer Grüppchenbildung. Es gebe zwei Lager, die vor allem in zwei Punkten sehr unterschiedlicher Meinung seien. Einerseits hinsichtlich der Nicht-Nomination von Jungstar Leroy Sané, andererseits betreffend die Erdogan-Debatte. Gerade die Bayern-Fraktion habe sich von Özil eine öffentliche Stellungnahme gewünscht, damit endlich Ruhe einkehre. Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt aber schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg. Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer. Sami Khedira (r.), der als Vertrauter Özils gilt, stellt die DFB-Führung in einem «Bild»-Interview bloss. Der Umgang mit «Erdogan-Gate» sei nicht richtig gewesen: «Das war ein Riesen-Thema und wurde unterschätzt, ja.» «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen», schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus. Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen». Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. «Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet», sagt er in der «Welt» und macht den Spieler damit zum Sündenbock. Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich falsch ausgedrückt. Was er genau hatte sagen wollen, bleibt unklar. DFB-Präsident Grindel fordert Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach den WM-Ferien auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem «kicker». Über zwei Monate nach dem Treffen mit Erdogan bricht Özil sein Schweigen, äussert sich erstmals öffentlich zur Debatte und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. «Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen», teilt der 29-Jährige auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken mit. Er kritisiert «Rassismus und fehlenden Respekt». Ausserdem greift er Grindel scharf an: «Ich äussere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein.» Das Bild mit Erdogan verteidigt er. Der DFB reagiert auf die Rassismus-Vorwürfe gegen Grindel. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», schreibt der Verband in einer Stellungnahme.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Plötzlich postet der offizielle Twitter-Account der Koblenzer Polizei: «Lieber @MesutOzil1088, wer auch immer für Ihr #Krisenmanagement verantwortlich ist, gehört gefeuert. Jeder, der etwas davon versteht weiss, dass man sich in einem #Shitstorm nicht verstecken kann.» Es scheint, als ob die Ordnungshüter auch ihre Meinung zur heiss diskutierten Causa loswerden wollten.

Ironischerweise löste dieser Tweet jedoch selbst einen Shitstorm aus. User zeigten sich empört und kritisierten die Haltung der Polizei. Gleichzeitig machte es jedoch auch stutzig, dass sich eine Stadtpolizei über das eigene offizielle Social-Media-Benutzerkonto zu einer eigentlich thematisch weit entfernten Angelegenheit äusserte.

Es war nicht der Praktikant

Es ging nicht lange, bis der Tweet wieder von der Bildfläche verschwunden war und durch ein Statement ersetzt wurde. In diesem distanzierte sich die Polizei vom Kommentar und gab an, die Ursache des Tweets zu untersuchen.

Die Aufklärung folgte prompt: Ein Mitarbeiter habe seinen eigenen mit dem offiziellen Account verwechselt und unter dem Namen der rheinland-pfälzischen Polizei seine «persönliche Meinung» kund getan. Und nein, es sei nicht der Praktikant gewesen.

Fussball

(nry)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • G.V. am 23.07.2018 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht immer gleich rot sehen

    Polizisten sind auch Menschen.

    einklappen einklappen
  • Te Rasse am 23.07.2018 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschwindigkeit

    Manche sollten bei der Brieftaube bleiben

    einklappen einklappen
  • Schwizer am 23.07.2018 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler gehören zum Leben

    sowie Entscheidungen andere zu Akzeptieren

Die neusten Leser-Kommentare

  • walter45 am 23.07.2018 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    Aber

    er hatte doch Recht mit seinem Tweet!

  • Te Rasse am 23.07.2018 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschwindigkeit

    Manche sollten bei der Brieftaube bleiben

    • 30min leser am 24.07.2018 12:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Te Rasse

      Ich finde fladchenpost noch immer am besten

    einklappen einklappen
  • Tom Ru am 23.07.2018 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Social Media am Arbeitsplatz

    Aha! Die Polizei darf private Social Media nutzen am Arbeitsplatz..!?!

  • Schwizer am 23.07.2018 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler gehören zum Leben

    sowie Entscheidungen andere zu Akzeptieren

  • Kurt am 23.07.2018 19:07 Report Diesen Beitrag melden

    Was habt ihr bloss mit diesem Özil?

    Wen interessiert es, ob der jetzt einen Dönerstand aufmacht oder was auch immer?