WM-Vergabe

01. Dezember 2010 12:33; Akt: 01.12.2010 13:43 Print

Putin kommt nicht – England hofft

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin wird nicht zur Vergabe der Fussball-WM 2018 nach Zürich reisen. Nun wittern die Engländer Morgenluft.

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Birmingham, Bristol, Leeds, Liverpool, London, Manchester, Milton Keynes, Newcastle, Nottingham, Plymouth, Sheffield, Sunderland. 2,54 Milliarden Dollar. Zentrum der WM wäre London mit vier Stadien (Wembley, Emirates, White Harte Lane, Olympiastadion). Die negative Haltung der englischen Medien gegenüber der FIFA und die Enthüllungen im Bestechungsskandal könnten den Favoriten stürzen. Amsterdam, Antwerpen, Brügge, Brüssel, Charleroi, Eindhoven, Enschede, Genk, Gent, Heerenveen, Lüttich, Rotterdam. 2,43 Milliarden Dollar. Für die Kandidatur sprechen die kleinen Distanzen zwischen den Spielorten. Holland und Belgien sind zusammen nicht einmal doppelt so gross wie die Schweiz. Die FIFA setzt Fragezeichen bei den Stadien und der touristischen Infrastruktur. Auch fehlen staatliche Garantien. Jekaterinenburg, Kaliningrad, Kazan, Krasnodar, Moskau, Nischni Novgorod, Rostov, St. Petersburg, Samara, Saransk, Sotchi, Volgograd, Yaroslavl. 3,82 Milliarden Dollar. Russland kann auf den grossen Einfluss von Ministerpräsident Wladimir Putin zählen. Von den 16 vorgeschlagenen Stadien müssen 13 neu gebaut weden. Die Distanzen zwischen den Spielorten sind gross, Flug- und Zugverbindungen schlecht. Jekaterinenburg und Moskau liegen 1667 km auseinander. Barcelona, Bilbao, Coruna, Gijon, Lissabon, Madrid, Malaga, Murcia, Oporto, San Sebastian, Santander, Saragossa, Sevilla, Valencia, Valladolid, Vigo. 2 Milliarden Dollar. Gemäss FIFA-Bericht in den wichtigsten Punkten das beste Dossier. In Portugal wären bloss Porto und Lissabon als Spielorte vorgesehen. Im Zweifelsfall könnte die FIFA-Exekutive gegen eine Doppel-Bewerbung stimmen. Das ist das Handicap von Spanien/Portugal. Adelaide, Brisbane, Canberra, Geelong, Gold Coast, Melbourne, Newcastle, Perth, Sydney, Townsville. 2,29 Milliarden Dollar. Mit Ausnahme von Perth und Townsville sind alle Spielorte im Südosten des Landes. Das grösste Handicap ist die grosse Zeitdifferenz zu Europa, dem wichtigsten TV-Markt. Bei uns fänden die Spiele in der Nacht oder am Morgen statt. Das würde sich bei den Verhandlungen der TV-Rechte für die FIFA negativ auswirken. Oita, Osaka, Saitama, Sapporo, Shizuoka, Tokio, Toyota, Yokohama. 1,3 Milliarden Dollar. Weil erst 2002 die WM in Japan stattfand, sind die Stadien mehrheitlich vorhanden. Nur eine Spielstätte müsste neu gebaut werden. Japan präsentiert zwar ein starkes Dossier. Es fehlen Staatsgarantien. Die Kandidatur ist ein Vorstoss des Verbandes, nicht der Politik. Al-Daayen, Al-Khor, Al-Rayyan, Al-Shamal, Al-Wakrah, Doha, Umm Sal. 2,9 Milliarden Dollar. Finanzielle Bedenken gibt es keine. Scheich Mohammed Bin Hammad Bin Khalifa Al-Thani bezahlt alles. Fünf der sieben Spielorte liegen im Umkreis von 25 Kilometer. Die Idee der futuristischen Stadien, die bei einer Temperatur von über 40 Grad im Schatten heruntergekühlt würden, ist spannend. Aber ökologisch wohl nicht verantwortbar. Busan, Cheonan, Daegu, Daejeon, Goyang, Gwangju, Incheon, Jeju, Jeonju, Ulsan, Seoul, Suwon. 0,9 Milliarden Dollar. Auch hier stehen dank der WM 2002 die meisten Stadien. Zwischen den Spielorten müssen die Besucher keine grossen Distanzen überwinden. Eine Schwäche des Dossiers ist die ungenügende Hotelkapazität. Atlanta, Baltimore, Boston, Dallas, Denver, Houston, Indianapolis, Kansas City, Los Angeles, Miami, Nashville, New York, Philadelphia, Phoenix, San Diego, Seattle, Tampa, Washington. Keine Angaben. Moderne Stadien sind genügend vorhanden. Die Spielorte liegen weit auseinander. Es würde in vier verschiedenen Zeitzonen gespielt. Die FIFA hat juristische Bedenken. Sie könnte ihre Forderungen als 'temporärer Staat im Staat' in den USA kaum durchsetzen.

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Putin kündigte an, dass er am Donnerstag bei der Präsentation der russischen Kandidatur und der anschliessenden Vergabe durch das FIFA-Exekutivkomitee nicht persönlich anwesend sein werde, berichtete die unabhängige Onlinezeitung «Moscow News» am Mittwoch. Dies gilt als schwerer Schlag für Russlands Ambitionen, die Fussball-WM 2018 ausrichten zu können. Die Bewerbung galt bislang als Favorit, auch bei den Wettbüros.

Allerdings war bereits seit einiger Zeit gemunkelt worden, Wladimir Putin werde nur dann nach Zürich reisen, wenn ein russischer Sieg garantiert sei. Der Regierungschef, der sich gerne als Macho-Politiker inszeniert, wolle sich die Demütigung einer Niederlage ersparen, hiess es. Bei der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 war er im Juli 2007 noch persönlich nach Guatemala gereist. Sein Einsatz soll ein entscheidender Faktor dafür gewesen sein, dass der Schwarzmeer-Kurort Sotschi die Spiele zugesprochen erhielt.

Kein Eingeständnis einer Niederlage

Bereits bei der Medienkonferenz der russischen Delegation am Dienstag war aufgefallen, dass Sportminister Witali Mutko trotz wiederholter Fragen nicht zu einer konkreten Aussage zu Putins Präsenz bereit war. Nun bestreiten Regierungsstellen laut «Moscow News», dass seine Abwesenheit dem vorzeitigen Eingeständnis einer Niederlage gleichkommt. «Es ist eine ganz andere Ausgangslage als in Guatemala», heisst es in einer Mitteilung. Damals habe Putin bis zuletzt bei den IOK-Mitgliedern lobbyieren müssen. Dieses Mal wolle man nicht den Eindruck erwecken, das FIFA-Exekutivkomitee werde unter Druck gesetzt.

Sonderlich überzeugend wirkt diese Version nicht. Vor allem bei der englischen Bewerbung, die sich nach den diversen Korruptionsenthüllungen durch englische Medien in Rücklage fühlte, schöpft man neue Hoffnung, dass man genug Stimmen macht, um es «bis in die Finalrunde und einen möglichen Showdown gegen Spanien/Portugal zu schaffen», so der «Guardian». Offen bleibt allerdings, ob Wladimir Putin trotz seiner Absage nicht doch noch für «einen dramatischen Schlussauftritt» («Guardian») nach Zürich kommen wird.

(pbl)