Wettskandal

20. November 2009 16:58; Akt: 21.11.2009 20:58 Print

So betrügt die Wett-Mafia den Fussball

Es ist der grösste Wettskandal der Fussball-Geschichte. Insgesamt 200 Spiele sollen in Europa manipuliert worden sein, darunter auch Spiele der Challenge-League. Doch wie funktioniert das Geschäft? Ein Insider hat jetzt erzählt, wie die Wett-Mafia vorgeht - und Spieler unter Druck setzt.

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Der grösste Wettskandal aller Zeiten erschüttert im November 2009 den europäischen Fussball: Mehr als 200 Spiele in neun Ländern stehen unter Manipulationsverdacht, davon drei sogar in der Champions League. In der Schweiz sind 22 Challenge-League-Spiele betroffen. Beim Australian Open 2003 wurden beim Match zwischen Andrej Pavel (Bild) und Renzo Furlan mehrere zehntausend Franken auf Aussenseiter Furlan gesetzt. Mit Erfolg - denn Pavel gab verletzt auf. 1971 war dem abstiegsbedrohten Bielefeld der Ligaerhalt mit zwei erkauften Siegen gegen Schalke und Hertha Berlin rund 300 000 Mark wert. Die Folge: Der deutsche Verband verhängte Sperren und Geldstrafen gegen 53 Profis und zwei Trainer. Ex-Liverpool-Goalie Bruce Grobbelaar soll 1993 umgerechnet rund 100 000 Franken kassiert haben, damit er im Spiel gegen Newcastle absichtlich daneben greift. Liverpool verlor 0:3. Einer der grössten Wettskandale erschütterte 2006 Italien: Nach Manipulationen musste Juventus Turin mit Aushängeschild Del Piero (Bild) absteigen, die AC Milan, Fiorentina und Lazio Rom wurden mit saftigen Punkteabzügen bestraft. Weltklasse-Jockey Kieren Fallon soll insgesamt 27 Flachrennen manipuliert haben. Er steht derzeit in London vor Gericht. Der Fall «Hoyzer»: Der deutsche Schiedsrichter gab 2005 zu, gegen Sach- und Geldzuwendungen von ihm geleitete Fussballspiele beeinflusst zu haben. Er wurde daraufhin lebenslang gesperrt. Dem ATP-Dritten Novak Djokovic sollen umgerechnet 157 000 Euro für eine Niederlage in der ersten Runde von St. Petersburg geboten worden sein. Der Serbe lehnte jedoch ab. Schon 1928 wurde getrickst: Die Täter hörten Radio und erfuhren so frühzeitig vom Ausgang eines Pferderennens. Danach setzten sie bei einem Buchmacher auf das siegreiche Pferd. Dieser wusste noch nichts über den Ausgang des Rennens. Schiedsrichter Kurt Röthlisberger soll 1996 vor dem Champions-League-Spiel gegen Auxerre bei GC angefragt haben, ob sein weissrussischer Kollege für 100 000 Franken «zumindest nicht gegen GC entscheiden soll». Wettskandal 1980 in Italien: Die AC Milan und Lazio Rom mussten in die Serie B, weitere Klubs bekamen Punkteabzüge, 20 Spieler wurden bis zu sechs Jahre gesperrt, darunter auch Nati-Stürmer Paolo Rossi (Bild, r.). Auch Sturm Graz stand schon mehrmals unter Manipulationsverdacht. Einerseits sollten die Österreicher in den Hoyzer-Skandal verwickelt gewesen sein, andererseits sollen sie auch in der heimischen Liga getrickst haben. Ex-Olympique-Marseille-Präsident Bernard Tapie hat 1993 Valenciennes geschmiert und daraufhin mit seinem Team den Meistertitel gefeiert. Ein Gericht verurteilte Tapie 1997 wegen Korruption zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Im Oktober 2003 warf man dem Russen Jewgeni Kafelnikow vor, absichtlich gegen Fernando Vicente verloren zu haben. Weltweit wurden damals 130 000 Euro auf Vicente gewettet, obwohl dieser zuvor fünf Monate lang kein Spiel gewonnen hatte. Der spielsüchtige Basketball-Schiedsrichter Tim Donaghy soll mindestens zwei Jahre lang auf NBA-Spiele gewettet haben, während er über 80 Meisterschaftsspiele leitete. Donaghy trat freiwillig zurück. Portugals Ex-Verbandspräsident Valentim Loureiro teilte dem Drittligisten Gondomar in den Aufstiegsspielen die «richtigen» Schiedsrichter zu. Diese erhielten von ihm die «goldene Pfeife». Loureiro war auch in weitere Manipulationen verwickelt. Auch 2004 ging es in Italien nicht mit rechten Dingen zu und her: Nach Spielmanipulationen wurden dem Serie-B-Verein Modena Punkte abgezogen, 33 Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre sowie zwölf Fussballklubs wurden angeklagt.

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Es ist ein gigantisches Geschäft. Gemäss Experten der Early Warning System GmbH beläuft sich der Brutto-Spielertrag bei Sportwetten weltweit auf rund 350 Milliarden Dollar (370 Mia. Franken) pro Jahr. Spätestens seit dem Fall Robert Hoyzer ist klar, dass auch im Fussball die Betrüger im Milliardengeschäft Sportwetten mitmischen.

Prostituierte, Geliebte, schwul

Einen Einblick ins Betrugssystem der Sportwetten gewährte jüngst ein Insider der «Berliner Morgenpost». Der gebürtige Türke, der seit mehr als 25 Jahren in Berlin lebt, stieg nach dem Wirbel um die Hoyzer-Affäre aus dem Business aus, wie er sagt. Heute wie damals waren Spieler, Trainer und Schiedsrichter in die Manipulationen involviert. Und heute wie damals sind vor allem Spiele der unteren Ligen betroffen. Nicht ohne Grund: «Diese Spiele stehen nicht so im Fokus der Öffentlichkeit», sagt der Insider.

Doch laut dem Berliner Szene-Kenner sei auch Erpressung im Spiel. «Man hat irgendetwas gegen einen Spieler in der Hand, mit dem man ihn unter Druck setzen kann. Ich habe in konkreten Fällen von hohen Schulden, regelmässigen Besuchen in Bordellen, einer Geliebten neben der Ehefrau oder homosexuellen Neigungen gehört, mit denen Leute unter Druck gesetzt wurden.»

Wetten auf den Freistoss

Den Betrug erleichtern offenbar auch die zum Teil skurrilen Wetten, die gehandelt werden. So könne man bei gewissen Anbietern darauf wetten, dass in einem Spiel die Gastmannschaft etwa in der 65. Minute einen Freistoss bekommt, was den Betrug erleichtere. «In diesen Fällen muss der gekaufte Spieler ja nicht für ein bestimmtes Ergebnis sorgen», sagte der Insider. Der bestochene Spieler muss in diesem Fall einzig schauen, dass er in der 65. Minute das Foul begeht.

Swisslos: «Keine Unregelmässigkeiten»

Nach dem Skandal um den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer und manipulierte Fussballspiele 2005 haben der Deutsche Fussball-Bund und die Deutsche Fussball Liga ein Frühwarnsystem eingeführt. Ein solches gibt es auch in der Schweiz. Roger Fasnacht, Direktor von swisslos, sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Wir haben keine Anhaltspunkte, dass die Wettbetrüger bei uns ihr Geld setzten. Wenn geschoben wurde, lief dies nicht über uns». Fasnacht beruft sich dabei auf das elektronische Überwachungssystem, das mittlerweile alle modernen Wettanbieter haben. Sporttip habe zudem eine Person, welche sämtliche Wetten prüfe. Die Staatslotterien, zu denen auch swisslos gehört, seien untereinander zudem international vernetzt. «Gibt es in Dänemark eine Unregelmässigkeit, erfahren wir das sofort», sagt Fasnacht.

Die Kontrollen funktionieren ganz offensichtlich nicht in jedem Fall. Auch, weil die Betrüger mit Raffinesse vorgehen, wie der Berliner Szene-Kenner zu berichten weiss. In den Wettbüros in Berlin sollen im vergangenen Jahr zahlreiche Wetten angesprochen und überredet worden sein, in Annahmestellen und über das Internet gegen eine Provision geringe Beträge zu setzen, die man ihnen zuvor übergab. Der Grund ist klar: Setzt eine Person einen grossen Betrag, schlägt das Frühwarnsystem Alarm. Setzen 50 Personen in verschiedenen Wettbüros bei verschiedenen Anbietern einen kleinen Betrag, könne dieses System überlistet werden.

(meg)