Das sind die Nati-Gegner

26. März 2011 15:02; Akt: 26.03.2011 15:03 Print

Stilian Petrov und zehn Namenlose

von Sandro Compagno, Sofia - Bulgariens Fussball, das sind doch Balakov, Letchkov und Stoichkov. Oder vielleicht Berbatov und Martin Petrov. Weit gefehlt - wie ein Blick auf den Schweizer Gegner zeigt.

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Trainer Lothar Matthäus ist der Star, die bulgarischen Spieler weitgehend unbekannt.

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«Im Fussball verkompliziert sich alles durch das Vorhandensein der gegnerischen Mannschaft.» Das Zitat stammt von Jean-Paul Sartre und passt vortrefflich in die Ausgangslage vor dem heutigen EM-Qualifikationsspiel Bulgarien – Schweiz.

Denn die Schweiz muss nach dem Fehlstart in die Kampagne zur Euro 2012 im Wassil-Lewski-Stadion von Sofia einen Befreiungsschlag landen, will sie sich weiter an den Strohhalm klammern, einen des Spitzenduos England oder (wohl eher) Montenegro noch abzufangen. Genau die gleiche Ausgangslage hat Gegner Bulgarien.

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Vom Papier her ist die Nati sicher in der Favoritenrolle: Platz 23 belegt sie in der aktuellen Fifa-Weltrangliste, nur auf Rang 47 liegen die Bulgaren. Doch die Wahrheit ist auf dem Platz und hier traut Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld den von seinem früheren Führungsspieler Lothar Matthäus betreuten Osteuropäern einiges zu: «An einem guten Tag können sie jeden Gegner schlagen.»

Stilian Petrov, der Star

An der Schweiz wird es liegen, dafür zu sorgen, dass heute kein guter Tag für die Bulgaren ist. Hier ist in erster Linie das Mittelfeld gefordert. Es muss Stilian Petrov neutralisieren. Der Spielmacher von Aston Villa wird auch in seinem 100. Länderspiel der Dreh- und Angelpunkt im bulgarischen Team sein. Der 31-Jährige gilt auf der Insel als «Box to box midfielder», das heisst, er ist überall zwischen den beiden Strafräumen anzutreffen, erkämpft sich Bälle und verteilt sie. Ganz nebenbei schoss er in seinen 99 Einsätzen mit der Nationalmannschaft noch 8 Tore.

Lothar Matthäus hat zuletzt auf ein 4-2-3-1-System vertraut. Neben Petrov dürfte Stanislav Angelov für die defensive Absicherung sorgen. Der Mann ist einigen Deutschschweizer Fussballfans wohl noch ein Begriff aus seiner Zeit in der Bundesliga bei Energie Cottbus – der Kahlkopf ist ein unermüdlicher, emsiger Arbeiter. Heute spielt er für Anorthosis Famagusta auf Zypern. Einen offensiveren Part im Spielaufbau übernehmen wohl die routinierten Georgi Pejev (Amkar Perm/Russland) und Zdravko Lazarov (Lokomotiv Plovdiv) sowie der erst 23-jährige, viel versprechende Ivelin Popov von Gaziantepspor in der Türkei. Der wirblige Mittelfeldspieler schoss in den letzten vier Länderspielen drei Tore, zwei davon im skandalumwitterten Test gegen Estland (2:2), in dem sämtliche vier Tore vom Elfmeterpunkt aus fielen. Die Uefa hat Ermittlungen gegen das ungarische Schiedsrichter-Trio aufgenommen, was nichts an der Tatsache ändert, dass Popov ein sicherer Elfmeterschütze ist.

Abwehr nicht überragend

Die Abwehr der Bulgaren ist sicher nicht unüberwindlich. Im Tor steht der talentierte Nikolai Mihailov. Der 22-Jährige ist seit dieser Saison die Nummer 1 beim holländischen Meister Twente Enschede. Der Sohn des bulgarischen Verbandspräsidenten, Rekordinternationalen und kurzzeitigen FCZ-Keepers (45 Minuten!) Boris Mihailow hat von seinem Vater nicht nur den schütteren Haarwuchs geerbt, sondern auch viel Talent. Ottmar Hitzfeld hat ihn gestern an der Medienkonferenz lobend erwähnt: «Ein guter Goalie, er strahlt sehr viel Sicherheit aus.»

Vor Mihailov rechnet man mit einer Vierer-Abwehrkette, bestehend aus Stanislav Manolev (PSV Eindhoven), Ivan Ivanov (Alania Wladikaukas), Nikolai Bodurov und Petar Zanev (beide Litex Lovetsch). Manolev ist ein physisch starker Rechts-Verteidiger, der sich gerne in den Angriff einschaltet. Man könnte ihn als Bulgariens Antwort auf Stephan Lichtsteiner bezeichnen. 2010 wurde er vom englischen „Guardian“ unter den Top-50-Transferzielen für englische Klubs aufgelistet. Ivanov trägt ein «Alex-Frei-Trauma» ins heutige Spiel: Am 22. Oktober 2009 erlebte er bei der 0:2-Heimpleite mit CSKA Sofia einen Albtraum gegen den FCB-Knipser. Frei lief ihm 90 Minuten lang um die Ohren und schoss beide Tore. Dennoch bezeichnete ihn der frühere Schweizer Nationaltrainer Daniel Jeandupeux in seiner Kolumne im «Tages-Anzeiger» als «schnell, kämpferisch, gut in der Luft und technisch sauber».

Ein Sturmtank im Angriff

Während Bodurow beim 1:0-Sieg der Bulgaren in Wales gegen den walisischen Jungstar Gareth Bale eine überragende Leistung zeigte und den Tottenham-Flügel weitestgehend neutralisierte, gilt die linke Abwehrseite mit Petar Zanev als Schwachstelle.

Und vorne? Vorne leidet die bulgarische Auswahl nach dem Rücktritt von Dimitar Berbatov (Manchester City) und der Sperre von Martin Petrov (Bolton Wanderers) an Schwindsucht. Die bulgarischen Journalisten-Kollegen hier in Sofia gehen davon aus, dass sich Lothar Matthäus für Dimitar Makriev als einzige Sturmspitze entscheidet. Der 1,91 m grosse Sturmtank, der in Israel bei Ashdod unter Vertrag steht, hat erst am letzten Wochenende seine gute Form unter Beweis gestellt, als er zum 3:3 gegen Hapoel Tel Aviv ein Doppelpack beisteuerte. Viel wird vom Stellungsspiel des sieben Zentimeter kleineren Stéphane Grichting abhängen.

Bulgarien könne an einem guten Tag jeden Gegner schlagen, sagte Ottmar Hitzfeld gestern. Der 62-jährige Lörracher weiss spätestens seit dem debakulösen 1:2 gegen Luxemburg und dem peinlichen 0:0 in Malta, dass seine Mannschaft an einem schlechten Tag gegen jeden Gegner verlieren kann. Aber gegen dieses Bulgarien muss es nun wirklich nicht sein.