Fussballtaktik-Pages

02. September 2011 18:57; Akt: 17.09.2011 15:51 Print

Strategen wie wir

von Antonio Fumagalli - Simple Fanblogs sind passé, im Netz boomen Taktikseiten für Fussballfanatiker. Die Schweizer Super League steht – im Gegensatz zur österreichischen Bundesliga – allerdings im Abseits.

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Felipe Scolari, Trainer der portugiesischen Nationalmannschaft an der Fussball-Euro im Jahr 2004, gibt seinem Star Luis Figo taktische Anweisungen. (Bild: Keystone)

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«Manchester United spielte mit seinem 4-2-3-1/4-2-4-0-Hybridsystem und zeigte einmal mehr die Vorteile einer variablen Formation. In der ersten Halbzeit gab es unzählige Positionswechsel im Sturm, meist durch Wayne Rooney initiiert, nach der Einwechslung Hernandez' konnte man eine passende asymmetrische Grundstellung einnehmen.» Die taktische Einschätzung des historischen 8:2-Siegs gegen Arsenal könnte von ManU-Trainer Alex Ferguson, der lebenden Legende im Old Trafford, höchstpersönlich stammen – ausser, dass er in der Wir-Form gesprochen hätte. Zu lesen ist sie allerdings auf www.spielverlagerung.de, einer der führenden deutschen Taktikseiten für Fussballfreunde.

«Es begann alles bei der WM 2010 in Südafrika. Bei solchen Grossanlässen geben sich jeweils viele Leute als Fussballexperten aus, die eigentlich keine Ahnung haben», sagt Tobias Escher, Co-Autor bei «Spielverlagerung». Um dem Unwissen entgegenzutreten, begann er, seine taktischen Analysen von wichtigen Spielen ins Netz zu stellen. «Offenbar habe ich bei damit einen Nerv getroffen», so Escher. Der Blog wurde so eifrig gelesen, dass mittlerweile fünf hartgesottene Fussballfans mitschreiben – allesamt auf ehrenamtlicher Basis. «Wir freuen uns, dass wir unser Hobby mit vielen Anhängern teilen können. Das reicht als Lohn», sagt der Sportstudent.

Steht ein Spiel an, macht er es sich vor dem TV gemütlich – in der Hand die Fernbedienung des Videorecorders und ein Notizblock, um entscheidende Szenen festzuhalten. «Da interessiert natürlich das Verhalten der beiden Mannschaften bei Toren. Taktische Finessen sind aber gerade auch in vermeintlich unspektakulären Momenten zu beobachten», so Escher. Verschiebt sich der defensive Mittelfeldspieler auf die Position des Aussenverteidigers, um diesem einen Vorstoss nach vorne zu ermöglichen, entspringt dies nicht einfach seiner Intuition, sondern ist ein im Training genau einstudiertes Schema. «Es gibt im Fussball weniger Zufälle als man denkt. Die taktische Handschrift des Trainers ist jeweils gut zu erkennen», sagt er.

«Schweiz ist zu unbedeutend»

Gut möglich, dass zur gleichen Zeit auch Tom Schaffer vor dem Bildschirm sitzt. Der Wiener Student hat zusammen mit Freunden den Blog www.ballverliebt.eu gegründet, «weil uns die österreichische Fussballberichterstattung aus taktischer Sicht nicht befriedigt hat.» Seither analysiert sein Team wöchentlich zwischen drei und zehn brisante Affichen der europäischen Spitzenligen – und der österreichischen Bundesliga. Ein Schweizer Pendant existiert bis anhin nicht: «Da müsste jemand bei euch die Initiative ergreifen. Für uns steht die Super League nicht im Fokus, dafür ist sie im europäischen Vergleich zu unbedeutend», so Schaffer.

Den Vorwurf, dass er und seine Mitstreiter die taktischen Belange des Fussballs über- und Aspekte wie die Fitness der Spieler, Schiedsrichterentscheidungen oder das pure Glück unterbewertet, lässt er nicht gelten: «Wir wollen nicht die individuelle Klasse der Spieler wegreden. Aber es ist ein Fakt, dass die Spieltaktik ein entscheidender Faktor ist», sagt Schaffer. Kollege Escher ergänzt: «Es ist kein Zufall, dass einerseits defensive Mittelfeldspieler, die das Spiel leiten und andererseits Offensivkräfte, die das taktische Schema des Gegners aufbrechen können, besonders teuer sind.»

Trainer wollen Taktik-Tipps

Für Taktikfanatiker wie Escher und Schaffer gibt es zwei Bibeln, die eine in Buchform, die andere online. Jonathan Wilsons «Inverting the Pyramid» (auf deutsch: «Revolutionen auf dem Rasen») wurde ein Bestseller und gilt in der Szene als Standardwerk. Michael Cox' Webseite www.zonalmarking.net wurde vom englischen «Guardian» zur Taktikseite des Jahres 2010 erklärt – und kurzerhand in dessen Online-Fussballberichterstattung integriert. Es soll sogar vorkommen, dass Premier-League-Trainer Cox anrufen, um sich mit ihm in taktischer Hinsicht auszutauschen.

In der Tat überzeugen seine Spielanalysen neben einer beeindruckenden Fülle an Detailinformationen mit der Erläuterung taktischer Finessen, die dem Durchschnittszuschauer kaum aufgefallen wären. Geht es nach Blogger Cox sollte sich auch die klassische Presse in diese Richtung entwickeln, wie er dem britischen Internetmagazin «Football Further» verriet: «In der Zeitung lese ich oft, was auf dem Feld passierte – dabei habe ich dies ja bereits im Stadion oder im TV gesehen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel Schmidt am 26.10.2011 09:35 Report Diesen Beitrag melden

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    "Bei solchen Grossanlässen geben sich jeweils viele Leute als Fussballexperten aus, die eigentlich keine Ahnung haben" Das ist immer und überall so... die Leute die am meisten und lautesten reden, haben am wenigsten Ahnung.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Schmidt am 26.10.2011 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Normal

    "Bei solchen Grossanlässen geben sich jeweils viele Leute als Fussballexperten aus, die eigentlich keine Ahnung haben" Das ist immer und überall so... die Leute die am meisten und lautesten reden, haben am wenigsten Ahnung.