Granatroter Aufstieg

01. Juni 2011 18:11; Akt: 01.06.2011 18:22 Print

Titel, Konkurse und scheinbare Heilande

von Monika Brand - Mit dem Wiederaufstieg in die Super League meldet sich Servette zurück. Die Geschichte des Genfer Traditionsvereins ist voller Irrungen und Wirrungen.

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1890 als Rugby-Verein gegründet, wechselte man beim Servette FC bereits wenige Jahre später zum Fussball und feierte 1907 den ersten Schweizer Meistertitel. 16 weitere folgten bis 1999, dazu gesellen sich sieben Cup-Siege. Öfter haben in der Geschichte des Schweizer Fussballs nur die Grasshoppers den Meisterpokal in die Höhe gestemmt (27-mal). Bekannte nationale und internationale Spieler standen zu Glanzzeiten in Genf unter Vertrag, unter ihnen Heinz Hermann, Christian Karembeu, Oliver Neuville, Karl-Heinz Rummenigge, Kubilay Türkyilmaz, Alain Geiger, Lucien Favre, Patrick Müller oder Alex Frei. Die einen am Ende, die anderen am Anfang ihrer Karriere.

In der Saison 2002/2003 fing der Lack bei Servette allerdings zu bröckeln an. Dabei sollte es ein Jubeljahr werden – mit sportlichem Erfolg und der Eröffnung des neuen Stade de Genève zum Ende der Spielzeit. Doch es kam alles anders. Unverhofft stieg der Hauptaktionär der Genfer aus. Der schwerreiche Oliver Maus übernahm das Ruder – mit neuen Visionen. Maus entliess Trainer Lucien Favre, obschon dieser zuvor mit Servette den Cupsieg holte, im Uefa-Cup die Achtelfinals erreichte und die Meisterschaft auf Platz 4 beendete. Die Mannschaft wurde komplett umgestellt und mit einem kalkulierten Budget von rund 11 Millionen Franken standen die Westschweizer bereits zum Saisonbeginn mit einer Million im Minus. Von einem Hauptsponsor fehlte zudem jede Spur. Noch vor Ablauf der Spielzeit kam ein neues dreiköpfiges Präsidium zum Einsatz, doch diesem gelang es nicht, die finanzielle Situation unter Kontrolle zu bekommen. Und so kam es, wie es kommen musste: Schon bald einmal wurden bei Servette die Spielergehälter nicht mehr bezahlt.

Die Negativspirale drehte

Die Eröffnung des neuen Stadions am 16. März 2003 verlief auch nicht ganz wie gewünscht. Für die Partie gegen die Berner Young Boys konnten nicht alle Tickets verkauft werden, also verschenkte man den Rest, damit das Eröffnungsspiel doch vor vollem Haus über die Bühne ging. Auf die neue Saison hin kam Marco Schällibaum als Trainer für den im April entlassenen Roberto Morini. Er sollte nach einer missratenen Saison das sportliche Feuer in Genf wieder entfachen. Finanziell lief aber nach wie vor alles auf Sparflamme – obschon Servette seinen Rohdiamant Philippe Senderos, damals 18-jährig, nach England an Arsenal verkauft hatte. Schon vor der Saison mussten die Spieler einwilligen, dass ihre Gehälter erst dann ausbezahlt würden, wenn Geld reinkommt – also während dem Spielbetrieb.

Sportlich schlugen sich die Servettiens ganz wacker, doch finanziell drehte die Negativspirale immer weiter. In der Winterpause appellierte man erfolglos an die Regierungen von Stadt und Kanton. Auch bei den lokalen Unternehmen schien nichts zu holen. Bis Ende Februar musste ein Geldgeber her – ansonsten drohte der Konkurs. Und kurz vor dem Lichterlöschen war er dann da, der scheinbare Heiland: Marc Roger. Der ehemalige Spielervermittler überwies 1,2 Millionen Franken auf das Konto der Genfer und sicherte so die Zahlung der Januar- und Februar-Gehälter. Ausserdem sagte er zu, die weiteren Schulden des Vereins zu begleichen und die Spielerlöhne bis Ende Saison zu übernehmen. Dafür wurde der Franzose Mehrheitsaktionär von Servette und Vorsitzender der Betreibergesellschaft des neuen Genfer Fussballstadions.

Rogers Visionen

Roger verkündete grosse Pläne mit Servette und schaffte es, den drohenden Lizenzentzug der Swiss Football League abzuwenden. Ab der übernächsten Saison rechnete er bereits wieder mit einem ausgeglichenen Budget. Sportlich wollte er schon in der nächsten Spielzeit um den Meistertitel mitspielen. Der Start in die neue Saison misslang allerdings deutlich – auf und neben dem Platz. Zum einen zog die Disziplinarkommission der Super League den Genfern für die neue Saison wegen Verletzungen der Lizenzauflagen drei Punkte ab. Ausserdem verhängte sie eine Busse von 12 000 Franken. Zum anderen setzte es für die Servettiens in den ersten fünf Saisonspielen vier Niederlagen ab. Marco Schällibaum musste den Trainerposten räumen. Die sportliche Misere ging allerdings auch ohne ihn weiter – und bald einmal wurde publik, dass auch finanziell nach wie vor kein Stein auf den anderen passte. Das Wort «Konkurs» stand plötzlich wieder im Raum – trotz dem grossen Retter Marc Roger.

Die Spieler mussten monatelang ohne Gehälter auskommen, erneut wurde nach Investoren gesucht. Am 9. Januar 2005 blieb der Servette S.A. schliesslich nichts mehr anderes übrig, als die Bilanz zu deponieren. Zwar erhielten Roger und Co. noch einmal eine Frist bis zum 24. Januar, um Geld aufzutreiben, doch Mitte Februar war es dann amtlich: Der Profibetrieb des Servette FC war konkurs und musste direkt in die 1. Liga absteigen. Marc Roger flog in der Folge endgültig als «Blender» auf – und tauchte unter. Erst 2007 konnte er in Spanien verhaftet werden. Ein Jahr später wurde er wegen ungetreuer Geschäftsführung und Urkundenfälschung schuldig gesprochen.

Der harte Weg zurück

Servette schaffte nach dem Zwangsabstieg in die 1. Liga im Sommer 2006 den Aufstieg in die Challenge League, wo die Genfer besonders in den Jahren 2008 und 2009 um den Ligaerhalt zittern mussten. Erst in den letzten beiden Saisons konnten sich die Servettiens in der zweithöchsten Spielklasse festigen. 2009/2010 beendeten sie auf Platz 4, die gerade erst abgelaufene Spielzeit auf dem 2. Rang, was zur Teilnahme an den Barrage-Spielen berechtigte. Dort gelang dem Team von João Alves der Coup gegen ASL-Schlusslicht Bellinzona (0:1 im Hinspiel, 3:1 im Rückspiel) – und so ist der Servette FC sechs Jahre nach dem Zwangsabstieg wieder erstklassig.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jake Müller am 01.06.2011 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    Alle Jahre wieder

    Xamax lässt grüssen

  • Oliver Schöpf am 02.06.2011 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    Einmal SFC immer SFC

    Endlich seit Ihr wieder da. SFC Forever

  • dieser am 01.06.2011 23:19 Report Diesen Beitrag melden

    verdient

    bessere infrastruktur, symphatisch, moderner, servette gehörte für mich schon immer in die super league! lugano und bellinzona passten nie /evtl. vor 10 jahren vielleicht) in die ASL

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Oliver Schöpf am 02.06.2011 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    Einmal SFC immer SFC

    Endlich seit Ihr wieder da. SFC Forever

  • dieser am 01.06.2011 23:19 Report Diesen Beitrag melden

    verdient

    bessere infrastruktur, symphatisch, moderner, servette gehörte für mich schon immer in die super league! lugano und bellinzona passten nie /evtl. vor 10 jahren vielleicht) in die ASL

    • Luca S. am 03.06.2011 11:09 Report Diesen Beitrag melden

      Und du bist der, der es weiss??

      es sollte aus jeder Region ein Vertreter in der Super League sein!!

    • Markus Wegmann am 05.06.2011 13:46 Report Diesen Beitrag melden

      Zauberformel oder sportliche Leistung

      das ist doch hier die Frage?

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  • Jake Müller am 01.06.2011 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    Alle Jahre wieder

    Xamax lässt grüssen