Während der Euro 2012

10. Dezember 2010 14:16; Akt: 10.12.2010 16:19 Print

Tschernobyl als Touristen-Attraktion?

von Monika Brand - Während der Fussball-EM 2012 in Polen und der Ukraine könnte das von der Tschernobyl-Katastrophe betroffene Gebiet zum Touristenmagnet werden. So sieht es zumindest der ukrainische Tourismus-Delegierte.

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Blick auf Block 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl, dessen Reaktor 1986 explodierte. (Bild: Keystone)

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26. April 1986: Im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der der Stadt Prypjat in der Ukrainischen Sowjetrepublik kommt es als Folge einer Kernschmelze und einer Explosion im Kernreaktor von Block 4 zum schlimmsten Unfall in einer kerntechnischen Anlage überhaupt und zu einer der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten. Es treten grosse Mengen an radioaktivem Material aus, die sich schnell und grossflächig in der Luft verbreiten. Viele Menschen werden durch die Katastrophe in den Tod gerissen, auch wenn die Zahl der Opfer bis heute nicht klar beziffert ist. Die Region um Tschernobyl verliert nicht nur ihre Mütter, Väter und Kinder - sie erleidet auch riesige soziale, ökologische und ökonomische Schäden, von denen sie sich bis heute noch nicht vollständig erholt hat.

Trotzdem - oder gerade deswegen - will der ukrainische Delegierte für Tourismus, Dmytro Zaruba, während der Euro 2012 im eigenen Land die Touristen in Scharen ins Katastrophengebiet locken. «Die Tschernobyl-Zone ist eine interessante Touristen-Route, die gefragt sein könnte», sagte er laut der Nachrichtenagentur «Ukrinform» Anfang Woche in Kiew. «Es ist eigentlich ein Museum über die Geschichte der Sowjet-Ära und die Tragödie, zu der es dort gekommen ist.» Zaruba ist sich bewusst, dass es sich um eine «tragische Facette» in der Geschichte seines Landes handle, will diese jedoch nicht verstecken.

Eine Million Besucher pro Jahr?

Die Idee mit dem Tourismus in Tschernobyl ist nicht ganz neu. Seit 2002 sind gewisse Gebiete in der Sperrzone für Interessierte zugänglich, allerdings nur in organisierten Gruppen. So lässt sich z.B. die Stadt Prypjat begehen, die nach der Katastrophe komplett evakuiert wurde und seither verwaist ist. Sie ist ein Zeitzeugenobjekt sondergleichen, da sich die «Geisterstadt» immer noch genau in dem Zustand befindet, wie sie 1986 verlassen wurde. Ein absolutes Tabu-Objekt ist jedoch nach wie vor Block 4, in dem sich das Reaktorunglück ereignete.

Jährlich finden bereits mehrere tausend Reisende den Weg ins Katastrophengebiet. Auch das US-Magazin «Forbes» hat die Region schon als eine der interessantesten Touristen-Destinationen weltweit bezeichnet. Das lässt den ukrainischen Tourismus-Delegierten Zaruba auf einen wahren Ansturm hoffen: Er hält bis zu eine Million Besucher pro Jahr für möglich - bei guter Organisation. «Das einzig Nötige dafür ist ein klares Lenken der Reise- und Touristenführer-Programme», sagt er. Ausserdem gebe es Anforderungen an die Logistik, da es sich nach wie vor um ein gesperrtes Areal handle.

Klare Anweisungen für Touristen

Der Besuch des Katastrophengebiets ist für Touristen kein Zuckerschlecken. Die Region um Tschernobyl ist nach wie vor radioaktiv verseucht, weshalb genaue Anweisungen eingehalten werden müssen. Wie so ein Trip aussieht, kann man in verschiedensten Reiseberichten nachlesen. «Nicht auf das Moos treten», ruft Reiseleiter Dennis beispielsweise in einem Artikel der deutschen «Welt» seiner Reisegruppe zu. Der Grund: Das Moos sei besonders stark verstrahlt. Um seine «Schäfchen» zu schützen, ist der Reiseleiter mit einem Geigerzähler ausgerüstet. 800 Mikro-Röntgen zeigt dieser in Prypjat an, 16-mal so viel, wie eigentlich der Grenzwert ist. Trotzdem ist alles noch im grünen Bereich - wenn man nicht länger als 30 Minuten bleibt. Das Moos hingegen würde die Zahl auf dem Geigerzähler gleich verdoppeln.

Eine ähnliche Ermahnung hört auch das Paar in diesem «Focus»-Reisebericht. Bloss nicht die Schiffsschaukel im Lunapark berühren - auch die ist stark radioaktiv belastet. Die Fahrgeschäfte hätten den Einwohnern von Prypjat eigentlich vor 24 Jahren am Maifeiertag Freude bereiten sollen. Und sie lassen heute die Touristen für wenige Sekunden die Tragödie vergessen – nur damit sie kurz darauf umso stärker von der bitteren Wahrheit eingeholt werden. Denn das Kinderlachen wird hier so schnell nicht mehr zurückkehren.

Dokumentation über eine Reise ins Sperrgebiet

Into The Zone (2009) - German from Raphael Bondy on Vimeo.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Müller am 10.12.2010 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Glühwürmchen unter der Decke...

    Ich war im 2006 mit Kollegen dort. Absolut empfehlenswert. Wir traffen sogar Studenten von Oxfort an. Ohne ein spezielles Visum (vom Militär) kommt man gar nicht rein. Unser Trip dauerte 5h und ein Glühwürmchen habe ich auch nicht bekommen.

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  • Bojan Ristic am 18.04.2011 17:46 Report Diesen Beitrag melden

    Paradox

    Tschernobyl ist nur solange eine Attraktion, wie es prinzipiell verboten ist. Wenn der Tourismus wirklich in diesem Masse eingeführt werden soll, dann viel spass beim kontaminieren! Ich glaube ganz einfach, dass es problematisch ist grössere als die bisherigen Gruppen unter Kontrolle zu behalten und dass dabei die sonst schon verstrahlte, nun aber wieder naturbelassene Zone, vom Tourismus verschmutzt wird. Wenn der Tourismus also seine spuren hinterlässt, dann ist es keine (tote) Zone mehr und von daher unatraktiv.

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  • Bojan Ristic am 18.04.2011 17:46 Report Diesen Beitrag melden

    Paradox

    Tschernobyl ist nur solange eine Attraktion, wie es prinzipiell verboten ist. Wenn der Tourismus wirklich in diesem Masse eingeführt werden soll, dann viel spass beim kontaminieren! Ich glaube ganz einfach, dass es problematisch ist grössere als die bisherigen Gruppen unter Kontrolle zu behalten und dass dabei die sonst schon verstrahlte, nun aber wieder naturbelassene Zone, vom Tourismus verschmutzt wird. Wenn der Tourismus also seine spuren hinterlässt, dann ist es keine (tote) Zone mehr und von daher unatraktiv.

  • Peter Müller am 10.12.2010 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Glühwürmchen unter der Decke...

    Ich war im 2006 mit Kollegen dort. Absolut empfehlenswert. Wir traffen sogar Studenten von Oxfort an. Ohne ein spezielles Visum (vom Militär) kommt man gar nicht rein. Unser Trip dauerte 5h und ein Glühwürmchen habe ich auch nicht bekommen.

    • Raphael Hodel am 10.12.2010 15:39 Report Diesen Beitrag melden

      Bin dabei...

      Mich würde es auch mal wundern diesen einen Ort zu sehen. Finde dies eine Gute Idee.

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