Einer gegen alle

18. Dezember 2011 10:21; Akt: 18.12.2011 17:22 Print

Warum Constantin gegen die ganze Welt kämpft

von Klaus Zaugg - Christian Constantin, Präsident des FC Sion, fordert Sepp Blatter, den Sonnenkönig des Fussballs heraus. Wer ist dieser Mann, der den grössten «Showdown» unserer Sportgeschichte provoziert?

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Der Schweizer Fussball hat seinen grössten Skandal in der Geschichte. Nach seinem Ausraster wird Sion-Präsident Christian Constantin von Sicherheitskräften und Polizei aus dem Innenraum des Cornaredo geführt. «Es hat mir gutgetan», äussert sich CC zur Attacke vor laufender Kamera. Teleclub-Experte , sagte: «Ich stand mit dem Moderator nach der Partie Lugano – Sion am Spielfeldrand. Wir warteten auf unseren Einsatz. Da kam Barthélémy Constantin, der Sohn von Christian Constantin und Sportchef von Sion, und fluchte auf mich ein. Und er hielt mir den Finger unter die Nase und drohte. Dann kam Constantin auf mich losgerannt und schlug mir drei-, viermal ins Gesicht, trat mich ins Füdli und in den Rücken.» Fringer behält sich rechtliche Schritte vor. Der Sion-Präsident geht nach dem Spiel in Lugano wutentbrannt auf den ehemaligen Nationaltrainer und heutigen TV-Experten Rolf Fringer los, schlägt ihm ins Gesicht und verpasst ihm einen Fusstritt. Die TV-Kameras laufen mit. Die Bilder gehen um die Welt. Direkt nach dem Spiel bezichtigte Constantin den Ref der vorsätzlichen Benachteiligung und gab an, ihn zu verklagen. Auf sozialen Netzwerken liess er Videos verbreiten, in denen er Amhof an den Pranger stellte. Der Höhepunkt - Constantin stellte abenteuerliche Thesen auf, weshalb er eine bewusste Verfälschung des Spiels für plausibel hält. Er setzte eine Belohnung von 25 000 Franken für Beweise von kriminellen Machenschaften aus. Constantin aber wurde nicht gesperrt. Die Gründe waren ein ungerechtfertigter Penalty und die damit verbundenen Nachteile (rote Karte gegen den Goalie Vanins und YB-Ausgleich zum 2:2). Der Präsident des FC Sion hatte nach dem 2:3 am Sonntag bei den Young Boys auf beispiellose Art schwere Geschütze gegen den Schiedsrichter Sascha Amhof aufgefahren. Das Regionalgericht Bern-Mittelland lehnt die Klage des FC Sion zur Aufhebung des im Dezember 2011 verfügten Abzugs von 36 Punkten durch den Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbandes ab. Der Waadtländer Staatsanwalt Eric Cottier stellt das Strafverfahren gegen die Uefa-Spitze ein. Die beiden Funktionäre waren von Sions Präsident Christian Constantin verzeigt worden, weil sich der Verband nicht an die Entscheide des Waadtländer Kantonsgerichts gehalten hatte. Das Berner Obergericht bestätigt den Punktabzug von 36 Zählern für den FC Sion. Damit bleibt das Team in Abstiegsnot. Harter Schlag für Christian Constantin und den FC Sion. Der SFV beschliesst einen Punktabzug von 36 Zählern für die Sittener. Damit mussten sie die Rückrunde als Schlusslicht mit -5 Punkten in Angriff nehmen. Christian Constantin reicht bei der Saatsanwaltschaft Zürich-Limmat eine Strafanzeige gegen das Fifa-Exekutivkomitee ein. Die Begründung: Der FC Sion könne nicht hinnehmen, dass die Nationalmannschaften der Schweiz und Schweizer Klubs von der Fifa als Geiseln genommen werden, um Entscheide durchzusetzen. Dies verstosse gegen Schweizer Prinzipien und erfülle den Tatbestand der Nötigung. Die FIFA macht auch Druck. Wird der «Fall FC Sion» nicht bis am 13. Januar im Sinne des Weltverbandes gelöst, wird der SFV am 14. Januar bis auf Weiteres automatisch suspendiert. Der FC Sion wird nicht in die Europa League reintegriert. So lautet der Entscheid des Sportgerichts CAS in Lausanne. Christian Constantin hatte bereits im Vorfeld angekündigt, in diesem Fall sein Anliegen ans Bundesgericht weiterzuziehen. Klatsche für Christian Constantin und den FC Sion. Das Walliser Kantonsgericht bestätigt die provisorische Spielberechtigung für Sions sechs Neuzugänge nicht. Damit sind die Spieler wieder gesperrt. Constantin gibt sich siegessicher und zieht den Rekurs gegen die Nicht-Qualifikation der sechs Neueinkäufe beim CAS zurück. Das Bezirksgericht Martigny bestätigt mit einer provisorischen Verfügung die Lizenzierung der Sion-Neuzuzüge für die Liga. Die sechs dürfen bis Ende Saison spielen. Das lässt Constantin natürlich nicht auf sich sitzen und klagt erneut. Sion vs. Uefa, wer gewinnt? Doch die Uefa entscheidet noch am gleichen Tag anders: Celtic wird am Donnerstag in Madrid gegen Atletico antreten. Das Zivilgericht Waadt entspricht der Klage von Sion am 13. September. Damit müsste die Uefa den Verein doch wieder zurück in die Europa League lassen. Wenn auch nur superprovisorisch. Ein Zivilgericht weist die Klage von Sion gegen den Ausschluss aus der Europa-League am 8. September ab. Diese rückt damit in weite Ferne. Sion schaltet Celtic Glasgow in den Europa-League-Playoffs aus. Die Schotten protestieren wegen den sechs Spielern und erhalten nach der Auslosung der Gruppenphase recht. Am 1. September schliesst die Uefa Sion vom Wettbewerb aus. Constantin klagt nach der EL-Gruppenphasen-Qualifikation gegen die Uefa und Fifa. Vor allem auf Jérôme Valcke und Gianni Infantino hat er es abgesehen. Constantin setzt sich durch - zumindest vorläufig. Ab der nächsten Partie sind die sechs Spieler spielberechtigt. Doch ein definitiver Entscheid des CAS fällt wohl erst im September. Auch der Rekurs Sions für die Lizenzierung wird abgelehnt. Doch CC erzwingt mit dem Bezirksgericht Martigny eine superprovisorische Spielberechtigung für die sechs Spieler vor dem Match gegen Basel (6.8.11). 15 Minuten vor Spielbeginn sperrt die Disziplinarkommission der Liga die sechs Spieler wieder. Constantin tobt, beschimpft die Funktionäre als «Betrüger und Lügner» und spricht vom «Todesurteil» für Liga-Präsident Thomas Grimm. Die Qualifikations-Kommission (QK) der Liga verweigert die Lizenzen für die Sion-Neuverpflichtungen Mario Mutsch, Gabri, Mohamed Traoré, Pascal Feindouno, Stefan Glarner und Billy Ketkeophompone. CC droht mit Streik, setzt diesen allerdings nicht um. Dafür spielt er nur noch unter Protest. Constantin sammelt TV-Bilder mit Schiri-Fehlern und fordert von der SFL für Spiele mit welscher Beteiligung ausländische Schiedsrichter. Die Liga schmettert die Forderung ab. CC erhält von der Qualifikations-Kommission der Liga die Spielbewilligung für die seit dem Winter 2010 verpflichteten Akteure wie Jonas Elmer, Eva Melo, Steven Deana und Michael Dingsdag. Dies, weil der Internationale Sportgerichthof (CAS) den Wallisern den rechtskräftigen Entscheid der Transfersperre erst nach(!) der aktuellen Transferperiode zugestellt habe. Constantin suspendiert Serey Die angeblich wegen einem Wettskandal. Auch Aleksandar Prijovic und Antonio Dos Santos wurden aufgrund von «schwerwiegendem Verhalten» suspendiert. Constantin baut eine Bisquit-Fabrik in ein Leistungszentrum um und absolviert unter militärischen Bedingungen ein Trainingslager. Uli Stielike ist ein weiteres Traineropfer unter Constantin und CC übernimmt gleich selbst. CC wollte im Ali Sami Yen in Istanbul Gasdetektoren, weil er Racheakte befürchtete. Constantin und sein Generaldirektor Massimo haben sich mit einer geplanten Rasenheizung vertan. CC stieg gleich wieder in die Super League auf und gewann als erster unterklassiger Verein den Cup. Constantin baut sein Hotel in Martigny um und richtet darin ein luxuriöses Trainingscenter ein. Nach dem Cupspiel in Kriens soll CC auf Schieds- und Linienrichter losgegangen sein und ein langer Gerichtsstreit begann. CC gewinnt zwei Prozesse und am 14. Spieltag greift Sion wieder ins Geschehen ein. Constantin kehrt zurück, finanziert ein Profikader aus eigener Tasche und versucht sich in die Challenge League zurückzuklagen. Sion wird vom Fussballverband in die 1. Liga zwangsrelegiert und Talente wie Leoni und Morganella verlassen Sion. Der Streit zwischen Constantin und Sions Stadtpräsident Mudry eskaliert. Der Stapi hält den Verein jedoch am Leben. Ohne Constantin steigen die Walliser in die NLB ab. Constantin tritt unter Druck ab. Er soll den FC Sion finanziell ruiniert haben. CC lässt im Uefa Cup auswärts das Tor von Spartak Moskau messen. Es war zu klein und es kam zu einem Wiederholungsspiel. Constantin kauft Stars und will in die Champions League - scheitert aber mit seinem Plan. CC holt drei Cupsiege in Serie und 1997 sogar das Double. Constantin gründet ein Internat und bringt Spieler wie Wicky und Grichting gross heraus. Jean-Paul Brigger ist das erste Traineropfer unter Constantin. CC wird mit 35 Jahren jüngster Präsident eines NLA-Vereins. Constantin gründet eine AG und rettet den finanziell angeschlagenen FC Sion.

Zum Thema
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Nie zuvor hat ein Schweizer die Mächte des Weltsports so frech herausgefordert wie Christian Constantin (54). Die Brisanz dieses Falles wird nach wie vor unterschätzt: FIFA-Sonnenkönig Sepp Blatter kann nicht nachgeben. Sonst wird die Macht des Weltfussballverbandes in ihren Grundfesten erschüttert. Wie die katholische Kirche einst unbotmässige weltliche Herrscher mit dem Bann (Exkommunikation) zur Räson brachte, so zwingt die FIFA ihre Mitgliedsländer mit der Drohung eines Ausschlusses aus allen internationalen Wettbewerben (WM, Euro, Champions League etc.) auf Kurs. Die Methode ist seit Jahren erfolgreich und ist nicht nur gegen «Zwerge» (wie Bosnien oder Irak) sondern auch schon gegen Fussballgrossmächte wie Spanien, Italien, Frankreich oder Portugal angewendet worden.

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Walliser gegen Walliser

Der Walliser Christian Constantin fordert also die vom Walliser Sepp Blatter personifizierten bösen Mächte des Weltfussballs heraus. Damit sind wir schon beim Kern der Sache angelangt: Walliser gegen Walliser. Wenn wir uns mit dem Wesen und Wirken der Walliser beschäftigen, dann verstehen wir ein wenig, warum die Fussballwelt den Atem anhält, wenn sich zwei Walliser streiten. Aber wie kommt der Präsident des FC Sion, eines weltweit völlig bedeutungslosen Fussballunternehmens dazu, die FIFA und alle anderen Fussballinstitutionen herauszufordern?

Die Antwort finden wir im Wallis und kostet uns 85 Franken. So viel bezahlt man für eine Übernachtung im Einzelzimmer im Hotel «Porte d'Octodure» in Martigny-Croix. Hier ist Wallis. Hier ist Blatter- und Constantin-Land. Die schmucklose Drei-Sterne-Herberge gehört Constantin. Hier befindet sich das Nervenzentrum des FC Sion. Die Trainingsplätze sind gleich nebenan. Auf der Sonnenterrasse verpflegen sich die Spieler und hinter einer Doppeltüre mit Milchglas befindet sich das Büro der umstrittensten Figur im Schweizer Sport: Hier residiert Christian Constantin. Und entwaffnet beim Empfang mit seiner Offenheit jeden noch so kritisch eingestellten Chronisten: Er duzt jeden auf Anhieb. Das gehört zu seinem Charisma. So entsteht für den überrumpelten Kritiker selbst ohne Einsicht in geheime Papiere oder hundertprozentig überzeugende Argumente der Eindruck: Entweder hat dieser Mann doch Recht oder zumindest nicht ganz Unrecht.

Über die Landesgrenzen hinaus bekannt

Constantin ist Präsident des FC Sion, zweifacher Familienvater, Ferrari-Liebhaber, Visionär, Bauzeichner, Immobilienspekulant, international tätiger Architekt und ein weit über die Landesgrenzen hinaus bekannter Rebell. Dieser Kampf gegen die bösen Fussballmächte hat ihn zur bekanntesten Persönlichkeit der Romandie gemacht: In der Westschweiz kommt er in der öffentlichen Wahrnehmung vor allen Bundesräten und Sportstars.

Der «Alpen-Asterix», der das Fussball-Imperium FIFA herausfordert: Es ist der scheinbar aussichtslose Kampf eines edlen Aussenseiters gegen die Mächtigen, Korrupten und Bösen. In Spanien widmet ihm die einflussreiche Sportzeitung «AS» seit zwei Monaten täglich einen Artikel, weil die dortigen Journalisten ihn beim Kampf gegen den globalen Fussballfilz unterstützen.

Was treibt ihn bloss an? Vordergründig geht es um einen verbotenen Transfer. Christian Constantin hat am 22. Februar 2008 den ägyptischen Nationalgoalie Essam El-Hadary verpflichtet und dabei gegen FIFA-Transferregeln verstossen. Deshalb hat ihn die FIFA mit einer sehr harten internationalen Transfersperre belegt. Constantin hat trotzdem transferiert, und deshalb verliert er jetzt nach FIFA-Fussballrecht alle Spiele, in denen er einen der während der Transfersperre verpflichteten Spieler eingesetzt hat. Aus der Europa League ist er schon ausgeschlossen worden. Aber die Schweizer Fussballfuktionäre haben sich Constantin schon gebeugt. Sie weigern sich, die von der FIFA verlangten Forfait-Niederlagen für jene Spiele auszusprechen, in denen der FC Sion die nach Ansicht der FIFA unrechtmässig transferierten Spieler eingesetzt hat.

Eine Frage der Ehre und Prinzipien

Eigentlich ist etwas ganz anderes noch viel wichtiger: Sepp Blatter, ein Walliser, verkörpert die FIFA. Aber im Wallis gibt es nur einen Mann, der den Fussball vertritt: Christian Constantin. Es geht um die Ehre, um das Ego, um Eitelkeiten, um Prinzipien. Dieser Kampf der Eitelkeiten trägt biblische Züge.

Wir können bei Professor Dr. Paul de Chastonay die Wesensart der Walliser, des Christian Constantin nachlesen. «Lieber Freund», hat er einmal geschrieben, «schau mit den Augen des Geistes und der Seele auf mein Land, auf meine Berge und Täler, auf meine Wälder und Weinreben, und du wirst ihr Spiegelbild in meinem Leben finden. Schau auf meine vieltausendjährige Geschichte. Wie die Fluten der Rhone hat sie der Freiheit eine Bahn durchbrechen müssen, im steten, blutigen Kampf. Das alles spiegelt sich in meiner Seele wieder. Heute noch kämpfe und streite ich, wo immer ich meine, ein Stück Freiheit gehe mir verloren, wo immer feindliche Gewalten sich mir in den Weg stellen.»

So ist Christian Constantin. Wo immer er meint, ein Stück Freiheit gehe verloren, wo immer er feindliche Gewalten ahnt, da kämpft er. Es sind die Fussballfunktionäre, die ihm ein Stück Freiheit geraubt haben. Dass ganz oben, auf dem Thron der Funktionärshierarchie mit Sonnenkönig Sepp Blatter ausgerechnet ein Walliser sitzt, befeuert den Streit noch. Es ist ja kein Zufall, dass nur die Kühe im Wallis den Instinkt für die hierarchische Ordnung ihrer Gattung bewahrt haben, während in der übrigen Schweiz das Rindvieh längst vernünftig geworden ist und friedlich Nase an Nase weidet. Nur im Wallis liefern sich Kühe zum Gaudi der Touristen immer noch heftige Kämpfe.

Ich kämpfe, also bin ich

Christian Constantins Gegner mögen argumentieren, er habe doch bei seinem ägyptischen Transfer Fehler gemacht und versuche bloss, die Folgen auf dem gerichtlichen Weg zu bekämpfen und bedenke nicht die Macht seiner Gegner, die Allmacht von Sepp Blatters FIFA, vor der uns die Sportgötter bewahren mögen.

Doch das zählt nicht: Entscheidend ist, was Constantin über diese komplizierte Angelegenheit denkt und dass er davon überzeugt ist, im Recht zu sein. Die Rhone fragt auf ihrem Weg von den Bergen hinab ins Meer auch nicht, ob ein Hindernis womöglich zu Recht ihren Lauf stört. Sie reisst es fort. Und die kämpferischen Walliser Kühe wählen sich ihre Gegnerinnen spontan aus, ohne Bedenken um deren Stärke.

Christian Constantin kann die zahllosen Prozesse (auch das Bundesgericht befasst sich mit der Angelegenheit) im Namen der Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Freiheit und den Kampf locker finanzieren. Ich kämpfe, also bin ich. Mit seinem Architekturbüro setzt er jährlich gegen 300 Millionen Franken um. Allein die Bausumme des «Krankenkassen-Versailles», des Hauptsitzes der Groupe Mutuel in Martigny, beläuft sich auf 70 Millionen.

Ein Bonze ist er deswegen nicht geworden. Er mag mit dem Privat-Jet (Marke: Piaggio P180, Neuwert 6 Millionen Franken), den er sich mit Rallye-Champion Sébastien Loeb teilt, durch die Welt jetten. Seine Neider mögen sagen, inzwischen habe er wohl 20 Ferraris in seiner Garage stehen und viele Millionen auf dem Bankkonto liegen. Aber Constantin ist volksnah geblieben. Ohne diese Verwurzelung in der heimatlichen Erde könnte er gar nicht existieren. Ilja Kaenzig, der weit gereiste YB-Manager hat Recht, wenn er sagt, in Bern, Basel oder Zürich wäre eine Figur wie Constantin gar nicht mehr möglich. Weil einer wie Constantin dort durch zahllose Institutionen gezähmt werden würde.

Ohne «CC» kein Spitzenfussball im Wallis

Der Rebell geniesst im Wallis auch deshalb breite Unterstützung, weil der den FC Sion verkörpert, die einzige Institution, die alle und alles vereinigt: Das Ober- und Unterwallis, die Welschen und die Deutschschweizer, die Berge und die Täler, die Bauern und die Bonzen. Der FC Sion hat sogar mehr politische und kulturelle als sportliche Bedeutung, und wer diese Institution führt und hegt und pflegt und für sie kämpft, ist wichtiger als jeder Bundesrat und ganz sicher wichtiger als FIFA-Präsident Sepp Blatter.

Es mag wohl ein Murren geben, wenn Christian Constantin seine Trainer feuert (der aktuelle, Laurent Roussey, ist Nummer 21 in acht Jahren), aber Dankbarkeit, Respekt und Verehrung sind immer grösser als die Verärgerung. Ohne die Investitionen von «CC» gäbe es in Sion keinen Spitzenfussball. Wenn schon die welschen Zentren Genf, Lausanne und Neuenburg nicht oder kaum in der Lage sind, einen Profi-Verein zu finanzieren, wie soll das dann im bäuerlichen Wallis klappen? Der grosse Zampano schürt gezielt Ängste und suggeriert: Liebt mich, denn ohne mich könnt ihr nicht sein!

23 Millionen Franken setzt das Fussballunternehmen FC Sion im Jahr um und dazu steuert Christian Constantin aus eigener Tasche bloss einen tiefen siebenstelligen Betrag bei. Er hat es geschickt verstanden, den FC Sion als die Institution zu positionieren, die für den Freiheitskampf des Wallis gegen die Mächtigen und Bösen in dieser Welt steht. Dafür zahlen die Reichen und Mächtigen im Kanton gerne.

Patron alter Garde

In diesen Zeiten, in denen der Fussball mehr und mehr von anonymen, kühl kalkulierenden Finanzmanagern und arroganten Technokraten gemanagt wird, ist Christian Constantin der letzte Vertreter der alten Garde der Patrons, zu denen das Volk vertrauensvoll aufschaut. So verbissen er auch die Mächtigen der Welt bekämpfen mag – so locker, ja mit Selbstironie reagiert er auf seine Kritiker. Als YB-Fans 2009 im Tourbillon ein Transparent mit seiner Handynummer entrollten, wurde er mit SMS überschwemmt. Er beantwortete die meisten Nachrichten, wechselte die Nummer nicht – und steht mit einigen Anhängern bis heute in Kontakt. Er ist ein vielkritisierter Mann. Aber seine Kritiker überzieht er, anders als viele andere charismatische Persönlichkeiten, nicht mit Klagen. Er hat einmal seine Nachsicht damit erklärt, dass Fussballchronisten im Alter halt immer frustrierter werden: «Alle verdienen mehr, nur sie stagnieren. Vielleicht ist das einfach Eifersucht.» Und er äussert sich so pointiert, dass der «Blick» schon ernsthaft darüber nachgedacht hat, ihn als Kolumnisten zu engagieren.

Wie alle grossen, charismatischen Sportführer ist auch Christian Constantin besessen von seiner Mission. Pro Tag arbeitet er zwischen 12 und 14 Stunden. Den Fleiss hat er aus dem Elternhaus mitgenommen. Schon im Alter von vier Jahren musste er im Betrieb seines Vaters mitarbeiten und er sagt auch, er habe früh lernen müssen, auf eigenen Füssen zu stehen: Mit 13 verliert er seine Mutter ausgerechnet am Muttertag durch eine schwere Erkrankung. Mit 22 Jahren gründet er seine eigene Firma. Sehr zum Stolz seines Vaters, der noch heute, im Alter von 80 Jahren in seinem eigenen Mineralien-Laden arbeitet. Und wie jeder echte Walliser ist Christian Constantin tief im katholischen Glauben verwurzelt. Er bete häufig, «aber nie für den Fussball». Das muss er auch nicht. Titel gewinnt er ja trotzdem. Seit er 2003 seine zweite Amtszeit als Präsident angetreten hat, feierte er bereits drei Cup-Siege.

Der grosse Sion-Zampano ist auch schon gescheitert. In seinen Anfangsjahren wollte er eines der acht besten Teams Europas werden, verpasste aber jedes Mal den Einzug in die Champions League. Das finanzielle Abenteuer endetet nach Triumphen (drei Cupsiege in Serie, Meistertitel 1997) mit einem Knall und 13,4 Millionen Schulden: Constantin wird 1997 aus dem Amt gejagt und Sion steigt in die NLB ab. Sechs Jahre später kehrt «CC» zurück und kann sich dieses Mal als Retter feiern lassen, weil der kamerunische Bierbrauer Gilbert Kadji den Verein an den Rand des Ruins getrieben hatte. Bei dieser Rückkehr gelingt ihm 2003 ein Kunststück, mit dem er alle Sünden der Vergangenheit tilgt und alle Kritiker zum Verstummen bringt.

Die Sportjustiz ist angreifbar

Schliesslich beginnt 2003, was heute unsere Fussballwelt in Atem hält: Sion wird von der Liga die Lizenz entzogen und in die 1. Liga relegiert. Mit dem Gang bis vors Bundesgericht zwingt Christian Constantin die Liga, seine Mannschaft während der laufenden Saison wieder in die NLB zu integrieren. Es ist bis heute der spektakulärste Sieg ziviler Richter über die Sportjustiz im Schweizer Sport.

Aus diesem ersten Abenteuer beim FC Sion hat Christian Constantin zweierlei gelernt: Erstens: Er kauft nicht mehr teure Stars. Eher macht er den Zwischenhändler. Er rekrutiert junge Spieler aus der Romandie, aber auch aus den Drittmärkten Osteuropa, Afrika und Südamerika und verkauft hin und wieder einen mit reichlich Gewinn. Den Schweizer Nationalspielers Gelson Fernandes beispielsweise für neun Millionen Franken an Manchester City. Constantins zweite Lektion: Die Sportjustiz ist angreifbar. Es lohnt sich, vor die zivilen Richter zu gehen.

Aber führt er seinen Kampf gegen die ganze Fussball-Welt auch zu einem guten Ende? Wenn die Musik gespielt hat, muss jemand das Orchester bezahlen. «Ich werde gewinnen» pflegt er mit schneidender Stimme zu sagen. Aber die Aussichten stehen kurzfristig nicht gut. Jean-Marc Bosman erreichte 1995 vor einem zivilen Gericht die Erlösung der Spieler von Ablösesummen. Aber er lebt heute von der Sozialhilfe. Christian Constantins Kampf, den Fussball bzw. Sepp Blatter unter zivile Gesetze und Richter zu zwingen und damit noch weiter zu gehen als Jean-Marc Bosman, könnte langfristig den Weg zu einer revolutionären Veränderung der Sportwelt ebnen.

Dieser Kampf wäre dann im Rückblick der Anfang vom Ende des Eigenlebens des Sports ausserhalb der zivilen Gesetze. Es wäre auch der Anfang vom Ende der Allmacht der FIFA. Und des Wallisers Sepp Blatter.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 18.12.2011 15:37 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Sportverbände unterstehem dem Geset

    Ich habe keine Ahnung vom Transfergeschäft. Aber auch irgendwelche selbstherrliche Sportfunktionäre der FIFA haben sich gefälligst an Schweizer Recht und Schweizer Gerichtsentscheide zu halten. Diese Erpressungsversuche mittels Sippenhaftung sind ein Skandal und gehören sofort abgestellt. Daher wünsche ich CC viel Erfolg beim Herausfordern der FIFA, unabhängig davon, was beim Transferdeal lief.

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  • Chris Tian am 18.12.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Die Gallier in Helvetien

    Wenn nur unsere Parlamentarier auch so kämpfen würden gegen die Erpressungen der EU und USA!!!!!!!

  • Samichlaus am 18.12.2011 15:57 Report Diesen Beitrag melden

    FIFA

    Warum redet eigentlich die FIFA drein?! Schliesslich sind Europaleauge und Championsleauge sache der UEFA!

Die neusten Leser-Kommentare

  • SuBe am 19.12.2011 08:45 Report Diesen Beitrag melden

    Fans werden durchdrehen!

    Also wenn der FC Basel wegen CC nicht an der Champions League weitermachen kann... Ich glaube dann lebt CC gefährlich. Ich finde, dass CC eh schon lange nicht mehr haltbar ist, und man hätte schon lange mal im Verband einschreiten sollen.

  • Klage Müde am 19.12.2011 08:45 Report Diesen Beitrag melden

    CC gut, FIFA böse? Schwachsinn!

    An alle CC-Fans: Ihr tut so, als sei CC ein Winkelried oder sonst was in der Art. Gut gegen Böse - so ein Schwachsinn. Die Wahrheit ist: Es geht CC NIE um Gerechtigkeit, es geht immer um seinen eigenen Vorteil, ums Rampenlicht! Fehler eingestehen, forget it! Dass Klaus Zaugg vom grossen Manipulator fasziniert ist, wundert mich hingegen weniger...

  • Claude Diethelm am 18.12.2011 22:28 Report Diesen Beitrag melden

    Regeln des fussballs

    Sorry aber warum Constantin gegen die "Fussball"-welt (nur die) ankämpft ist in diesem Artikel überhaupt nicht beantwortet worden. Hat er gegen eine Regel verstossen oder nicht? Könnte man diese einfache Frage beantworten?

  • Alex R. am 18.12.2011 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitsverträge & Zivilgesetz

    Verein hin oder her. Es geht im Profi-Fussball um sehr viel Geld und um Existenzen vieler Menschen. Mann muss endlich Schluss machen, solche heiklen Themen via "Vereinsrecht" unter die Allmacht von UEFA und FIFA zu stellen. Kann doch nicht sein, dass der Blatter Sepp und der Platini hier nach Ihrer eigenen Ansicht entscheiden dürfen. Alles was mit Arbeitsverträgen und Zulassungen zu tun hat, gehört unter ein ordentliches Zivilgericht gestellt. Ich finde Constantin nicht sympathisch, jedoch fände ich es Cool, wenn die FIFA endgültig zu Fall gebracht würde. Es reicht! Und zahlt doch mal Steuern!

  • Rico am 18.12.2011 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hat das sagen ?

    Eins verstehe ich nicht: FIFA die Weltfussbal Organisation schreibt der UEFA, Eurpäische Fussbal Organisation vor was diese zu tun und lassen hat? Wieso das?

    • Boris Zuehlke am 18.12.2011 18:06 Report Diesen Beitrag melden

      Hierarchie

      Die Uefa ist der FIFA untergeordnet, quasi so etwas wie eine Tochtergsellschaft.

    • Ricardo Granda am 18.12.2011 18:30 Report Diesen Beitrag melden

      Blatterich & Platinerich

      Ganz einfach, weil die UEFA der FIFA unterstellt ist.

    • Michi am 18.12.2011 18:37 Report Diesen Beitrag melden

      UEFA gehört zur FIFA

      Weil die UEFA zur FIFA gehört... Genauer nachzulesen unter -

    • Kudi am 18.12.2011 18:54 Report Diesen Beitrag melden

      Hirarchie

      Ganz einfach: Die UEFA untersteht der FIFA

    • Armin Häberli am 18.12.2011 19:45 Report Diesen Beitrag melden

      UEFA

      Weil die UEFA der Lokale (Europa) Vertreter der FIFA ist. Mit dem Bund und den Kantone vergleichbar.

    • Martin Schiegg am 18.12.2011 21:36 Report Diesen Beitrag melden

      Darum

      Weil die Uefa zur FIFA gehört. Ist wie der Abteilungsleiter schreibt dem Teamleiter vor welchen Mitarbeiter er feuern soll und er darf es dann machen...

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