Blatter wird 75

10. März 2011 18:16; Akt: 14.03.2011 12:07 Print

Warum keiner den Fifa-Chef versteht

von P. Toggweiler - Unter Sepp Blatters Ägide hat sich die Fifa zu einem Milliarden-Unternehmen gemausert. Trotz zahlreicher Skandale und skandalöser Kommunikationskultur.

storybild

Seine Kommunikation dient nur ihm selbst: Sepp Blatter.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Heute wird der mächtigste Mann im Fussball 75 Jahre alt. Vom PR-Chef des Walliser Verkehrsverbandes über den Generalsekretär des Schweizer Eishockey-Verbandes bis zum Direktor der Entwicklungsprogramme zur Fifa. Sepp Blatter arbeitete sich kontinuierlich hoch. 1981 wurde er Generalsekretär. 1998, nach einem hart geführten Wahlkampf gegen den Schweden Lennard Johansson, Nachfolger von João Havelange als Fifa-Präsident. Unter Blatter hat sich die Fifa zu einem Milliarden-Unternehmen und die Fussball-WM zu einem Event mit unerreichter Strahlkraft entwickelt.

Blatters Leistungen für den populärsten Sport der Welt können nicht in Abrede gestellt werden. Ohne ihn hätte Afrika noch Jahrzehnte auf die erste WM-Austragung warten müssen. Die Kassen beim Weltfussballverband sind so prall gefüllt, wie noch nie. 1,2 Milliarden Dollar hat die Fifa auf der hohen Kante. Trotzdem befindet sich das Image von Sepp Blatter in Westeuropa auf dem Tiefpunkt. Das liegt vor allem an der rückständigen Kommunikationsphilosophie seiner Organisation.

Spezielle Selbstwahrnehmung

«Ich denke schon, dass ich aktuell der berühmteste Schweizer bin», sagte Sepp Blatter an seinem siebzigsten Geburtstag gegenüber dem «Blick». Das war vor fünf Jahren – als ein gewisser Roger Federer mitten in seiner Blütezeit stand und einen Rekord nach dem anderen brach. Der Fifa-Präsident sieht sich als eine Kreuzung aus Christoph Kolumbus, Robin Hood und Mutter Teresa des Fussballs – als Entdecker, Umverteiler und Vorkämpfer für humanitäre Belange gleichermassen. Und genau das wird kommuniziert. Doch zwischen Blatters Selbstdarstellung und der öffentlichen Wahrnehmung klafft ein tiefer Graben.

Ich bin der Fifa-Präsident und sage nichts

Sei es der Konkurs der Sportvermarktungsfirma ISL, sei es der Umgang mit korrupten Exekutiv-Mitgliedern oder sei es Kritik bei der Vergabe der WM: Blatter drückt sich um konkrete Stellungnahmen. Krisen werden ausgeharrt, totgeschwiegen oder verbal bis zur Unkenntlichkeit verklausuliert, Anfragen mit einem Standardmail beantwortet. Als Blatter sich nicht mehr um eine Antwort drücken konnte, als er durch norwegische Journalisten auf ein Fehlverhalten eines Exekutivmitglieds hingewiesen wurde, entgegnete er mit einem derart sinnfreien Satzkonstrukt, dass nicht einmal Fifa-Pressesprecher den Inhalt deuten konnten (oder wollten).

Blatter fährt nicht schlecht mit dieser Strategie. Nur so konnten sich zwielichtige Mitglieder wie Jack Warner oder Ricardo Teixeira jahrelang im Exekutivkomitee halten. Dazu passt eine weitere Anekdote aus dem Jahre 2008. «Wir haben Kenntnis vom Vorfall, kommentieren das aber nicht weiter», hiess es, als Sepp Blatter 2008 mit seinem PW bei einem Überholmanöver einen entgegenkommenden Wagen rammte. Gleich nach dem Unfall wurden an Blatters Fahrzeug die Autonummern abgeschraubt – aus Gründen des Personenschutzes, wie die zuständigen Behörden verlauten liessen. Irgendwie typisch.

Auch die unter Blatter von der Fifa ins Leben gerufene Ethik-Kommission macht nicht den tatkräftigsten Eindruck, sondern erweckt den Anschein, eine reine PR-Übung zu sein. Mehr Show als Go. Zwar wurden zwei Exekutivmitglieder kurz vor der WM-Vergabe 2018 und 2022 wegen Bestechlichkeit suspendiert, dies aber nur aufgrund unwiderlegbarer Beweise. Der deutsche Star-Jurist Günter Hirsch verliess nach der jüngsten WM-Vergabe die besagte Kommission mit der Begründung, «dass die Ereignisse der letzten Wochen bei mir den Eindruck erweckt und gefestigt haben, dass die Verantwortlichen kein wirkliches Interesse daran haben, eine aktive Rolle bei der Aufklärung, Verfolgung und Vorbeugung von Verstössen gegen das Ethikreglement der Fifa zu spielen». Die Reaktion der Fifa beschränkte sich darauf, die Kritikfähigkeit von Günter Hirsch in Frage zu stellen. Er habe seit 2006 nie mehr an einer Sitzung der Ethik-Kommission teilgenommen. Auf die konkreten Kritikpunkte wurde nicht eingegangen.

Geschickter Wendehals

Auch in Sachfragen wird man aus der Kommunikation nicht schlau. Der Zickzack-Kurs hinsichtlich Winter-WM in Katar oder technische Hilfsmittel für Schiedsrichter als Beispiele. Sepp Blatter weiss sehr genau, wann er welche Meinung zu vertreten und zu kommunizieren hat – nicht um der Öffentlichkeit zu gefallen, sondern um die Stricke der Fifa weiterhin in der Hand zu halten.

In zwei Monaten wählt die Fifa einen neuen Präsidenten. Mohamed bin Hammam, der Präsident der asiatischen Fussball-Konföderation, wird Blatter herausfordern - die Anzeichen dafür verdichten sich immer mehr. England wird sich auf seine Seite stellen. Im Mutterland des Fussballs ist Blatter nach der WM-Vergabe nach Russland nicht mehr beliebt - man fühlt sich über den Tisch gezogen. Gewisse Exekutivmitglieder sollen die Delegation der Engländer mit den Zugpferden Premierminister Cameron, Prinz William und David Beckham dreist angelogen haben - auch eine Art Fehlkommunikation, die wie ein steter Tropfen die Glaubwürdigkeit der Fifa aushölt: «Wenn es einen ernstzunehmenden Gegenkandidaten gibt, werden wir ihn unterstützen», heisst es nun aus England. Das ist mal eine klare Ansage.