Özil und Erdogan

23. Juli 2018 15:57; Akt: 23.07.2018 16:23 Print

Wie ein Bild den Weltmeister stürzte

von Kai Müller - Mitte Mai posierte Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, nun trat er aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Wie es dazu kam.

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Am Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot. Der DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.» Jogi Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. «Das war keine glückliche Aktion», sagt der Bundestrainer und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide seien aber «zu keiner Sekunde» ein Thema gewesen. Özil und Gündogan unterbrechen ihre Ferien, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier (r.). Der Bundespräsident sagt: «Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.» Im WM-Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) werden Özil und Gündogan ausgepfiffen. Thomas Müller stellt sich vor seine Teamkollegen, beide seien «ein wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt.» Es sollte ein Trugschluss sein. Am Medientag im Trainingslager im Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen ausgewählter Pressevertreter. «Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen», sagt er und fügt an: «Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss.» Özil schweigt weiter. Steinmeier äussert sich in der «Zeit» befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn «ein bisschen ratlos gemacht». Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei «eine Interpretationsfrage». DFB-Direktor Bierhoff versucht, die Debatte vor dem Match gegen Saudiarabien zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Eppan. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudiarabien (2:1) wird Gündogan bei seiner Einwechslung ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn «geschmerzt», sagt er. Der Bundestrainer fürchtet, das Thema auch in Russland nicht loszuwerden. Gündogan twittert, er sei «immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen». Özil schweigt. Captain Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam. Bierhoff versucht vor dem WM-Start, die Affäre abzuhaken und erneut Ruhe in die Thematik zu bringen. «Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen», sagt er zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko. Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Luschniki-Stadion jedoch nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Thema Erdogan ist innerhalb der Mannschaft noch nicht durch. Die «Sport Bild» berichtet von Rissen im Team, von einer Grüppchenbildung. Es gebe zwei Lager, die vor allem in zwei Punkten sehr unterschiedlicher Meinung seien. Einerseits hinsichtlich der Nicht-Nomination von Jungstar Leroy Sané, andererseits betreffend die Erdogan-Debatte. Gerade die Bayern-Fraktion habe sich von Özil eine öffentliche Stellungnahme gewünscht, damit endlich Ruhe einkehre. Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt aber schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg. Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer. Sami Khedira (r.), der als Vertrauter Özils gilt, stellt die DFB-Führung in einem «Bild»-Interview bloss. Der Umgang mit «Erdogan-Gate» sei nicht richtig gewesen: «Das war ein Riesen-Thema und wurde unterschätzt, ja.» «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen», schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus. Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen». Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. «Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet», sagt er in der «Welt» und macht den Spieler damit zum Sündenbock. Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich falsch ausgedrückt. Was er genau hatte sagen wollen, bleibt unklar. DFB-Präsident Grindel fordert Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach den WM-Ferien auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem «kicker». Über zwei Monate nach dem Treffen mit Erdogan bricht Özil sein Schweigen, äussert sich erstmals öffentlich zur Debatte und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. «Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen», teilt der 29-Jährige auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken mit. Er kritisiert «Rassismus und fehlenden Respekt». Ausserdem greift er Grindel scharf an: «Ich äussere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein.» Das Bild mit Erdogan verteidigt er. Der DFB reagiert auf die Rassismus-Vorwürfe gegen Grindel. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», schreibt der Verband in einer Stellungnahme.

Zum Thema
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Es ist nicht neu, dass Bilder eine ungeheure Kraft entfalten können. Und doch ist es immer wieder bemerkenswert, was ein einziges Foto auslösen kann. Welche Debatten es provozieren oder befeuern kann, wie sich die Geister daran scheiden. Mesut Özil wüsste aus eigener Erfahrung eine längere Geschichte zu erzählen, die aufzeigt, welch weitreichende Konsequenzen es hat, wenn man sich zum falschen Zeitpunkt mit den falschen Personen ablichten lässt.

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Hat Özil recht, wenn er sich als Opfer von Rassismus sieht?

Özil, dessen Eltern aus der Türkei stammen, wurde in Deutschland geboren, er wuchs in Deutschland auf, er spielte für die deutschen Nachwuchsauswahlen. 2007 gab er seinen türkischen Pass ab und entschied sich, auch auf höchster Stufe für Deutschland aufzulaufen, was selbst im engsten Familienkreis zu Diskussionen führte. Sein Vater, der als Zweijähriger nach Deutschland gekommen war und auch deutscher Staatsbürger ist, und sein Bruder sprachen sich für die DFB-Elf aus, die Mutter und der Onkel hätten ihn lieber im Türkei-Trikot gesehen.

Vier Treffen ohne Folgen

Die Fragen nach der Zugehörigkeit, die Diskussionen über seine Herkunft begleiten Özil schon seit der Kindheit. Die innere Zerrissenheit ist auch bei ihm – wie bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund – ein Dauerthema. «Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht – bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fussballer gemessen werden – und Fussball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun», sagte er einmal dazu.

An Weihnachten 2011, als er sein Geld noch bei Real Madrid verdiente, traf er in Ankara offiziell zum ersten Mal den damaligen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und überreichte ihm ein Trikot. Ein Aufschrei in Deutschland? Mitnichten. Ein Jahr später, als die beiden in Madrid wieder zusammenkamen, interessierte das ebenfalls kaum jemanden. Auch als er Erdogan im Januar 2016 und im Oktober 2017 erneut traf, blieb die Kritik in der Heimat aus, obwohl sich Erdogans autokratische Tendenzen längst akzentuiert hatten.

Vom Musterbeispiel zum Sündenbock

Im Mai 2018 begegneten sich der Arsenal-Profi und der türkische Machthaber in London, mit dabei waren Manchester Citys Ilkay Gündogan – auch er deutscher Nationalspieler – und Evertons Cenk Tosun, der in Wetzlar geborene türkische Nationalspieler. Das Trio übergab Erdogan Trikots, dessen Partei AKP verbreitete die Bilder via Twitter-Account und instrumentalisierte die Spieler so für den Wahlkampf.

Die Reaktionen in der Heimat von Fans, von Exponenten aus Sport und Politik waren heftig. Zuerst konzentrierte sich die Kritik auf Gündogan und Özil, später rückte Gündogan immer mehr in den Hintergrund. Wurde Özil, der seine Karriere 2014 mit dem WM-Titel krönte, jahrelang als Musterbeispiel für gelungene Integration gefeiert, stand er plötzlich allein im Gegenwind – erst recht, als Deutschland an der WM in Russland blamabel scheiterte und ein Sündenbock gesucht wurde.

Über zwei Monate lang schwieg Özil eisern, ehe er seine Gedanken zur Erdogan-Affäre auf Twitter ausführlich darlegte und zur dreiteiligen Abrechnung ausholte. Darin ging er mit dem Deutschen Fussball-Bund (DFB) und dessen Präsidenten Reinhard Grindel besonders hart ins Gericht. «In seinen Augen bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und Einwanderer, wenn wir verlieren», schrieb Özil und fragte: «Mein Freund Lukas Podolski und Miroslav Klose wurden nie als deutsch-polnisch bezeichnet. Wieso also ich? Weil es die Türkei ist? Weil ich Muslim bin?»

Was mit dem Auslöser einer Kamera begann, endete mit einem Abschied. Seit Sonntag ist Mesut Özil nicht mehr deutscher Nationalspieler.


Die Chronologie der Erdogan-Äffäre sehen Sie in der Bildstrecke.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kein Sultanat am 22.07.2018 19:20 Report Diesen Beitrag melden

    Mittäter

    Özil hat nicht begriffen, dass diese Affäre weit über die Frage, wie sein Herz schlägt, hinausgeht. Nehmen wir mal an, er wäre südAfrikanischer oder indischer Herkunft und Mandela resp. Gandhi würde noch leben: Keine Hahn hätte danach gekräht. Aber Özil hat sich eben NICHT mit einem grossen humanitären Staatsmann getroffen, sondern mit einem grössrnwahnsinnigen Despoten und Verbrecher!

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  • Mister Proper am 22.07.2018 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Andern....

    Wenn sich ein super Fussballer in Vorbildfunktion mit einem Diktator ablichten lässt, hat diese Kritik nichts mit Rassismus zu tun. Es ist eine Ohrfeige für alle, die unter dem Regime Erdogan leiden, ob in der Türkei,Deutschland oder sonst auf der Welt. Diesen einen Fehler eingestehen kann Özil leider nicht......

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  • Schlauer Fuchs am 22.07.2018 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Motiv für Foto

    Herr Özil, was glauben sie aus welchem Motiv der türkische Präsident ein Foto mit ihnen gemacht hat?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dominic am 23.07.2018 23:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und nun, gut ist

    Ich glaube, es reicht jetzt

  • René am 23.07.2018 23:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es war kein Rassismus

    Das Problem der Herren Özil und Gündogan war, dass sie für einen Despoten politische Werbung gemacht haben. Ein Emre Can, der die Avancen von Erdogan zurüch gewiesen hatte wäre nie ausgepfiffen worden.

  • Marc F am 23.07.2018 23:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    saloonfähig

    Leider wird Rassismus immer mehr Saloonfähig. Sogar bis in die obersten Etagen der Gesellschaft. Viele merken nicht mal, dass sie andere Rassen diskriminieren.

  • Jack am 23.07.2018 23:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mözil

    Özil ist ein Flachpfeife der bei wichtigen Spielen und gegen stärkere Gegner unsichtbar ist. Dazu sucht er die Fehler überall, nur nicht bei sich selbst. Uli Hoeness hat es genau auf den Punkt gebracht.

  • spreewaldgurke am 23.07.2018 23:09 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist schon so

    Nicht Özil ist verantwortlich für das schlechte Abschneiden der Mannschaft zur Weltmeisterschaft, sondern daran sind alle zuständig, die gesamte Mannschaft und das dazugehörigen Umfeld. Somit gesehen hat er schon recht. Das hat aber nichts mit Rassismus zu tun wenn sie so grottenschlecht spielten, sondern mit ihrem eigenen Unvermögen.