Streikende Fussballer

09. Juli 2019 12:00; Akt: 09.07.2019 17:48 Print

Wie reiche Spieler ihre Clubs unter Druck setzen

von David Wiederkehr - Neymar will weg von Paris, Griezmann unbedingt zu Barça. Deshalb schwänzen sie die Trainings. Eine Unsitte wird hoffähig.

Bildstrecke im Grossformat »
222 Millionen Euro hat Paris St-Germain 2017 bezahlt, um Neymar vom FC Barcelona zu verpflichten – es ist der teuerste Transfer der Fussballgeschichte. Nach zwei Jahren hat der Brasilianer Paris gesehen, er will zurück zu Barcelona. Und fehlte deshalb beim Trainingsauftakt bei PSG. «Ohne unsere Erlaubnis», wie der Club betont. Schon im Mai gab Antoine Griezmann bekannt, dass er seinen langjährigen Verein Atlético Madrid verlassen werde – trotz eines Vertrags bis 2023. Der FC Barcelona gilt als seine Wunschadresse, doch die Transferverhandlungen ziehen sich hin. Vor dem Trainingsauftakt sandte der französische Weltmeister dem Club ein Mail, in dem er mitteilte, er werde nicht zurück nach Madrid kommen. Goalie Thibaut Courtois wollte nicht länger bei Chelsea spielen – sondern für Real Madrid. So flog der Belgier nach seinen Ferien zum Trainingsauftakt nicht nach London, sondern hielt sich auf den Kanaren auf. Bald wurde bestätigt: Der frühere Atlético-Madrid-Keeper kehrt nach Madrid zurück. Aber nicht etwa zu den «Colchoneros», sondern zum Stadtrivalen Real. Streiks und Real Madrid, das hat fast schon Tradition. 2012 wollte Luka Modric von Tottenham zu Real, die Vereine konnten sich aber nicht über die Ablöse einigen. Die Engländer verlangten 50 Millionen Euro, Real wollte nicht mehr als 34 Millionen bezahlen. So entschloss sich der Kroate, nicht mehr am Training teilzunehmen, und verzichtete sogar darauf, mit seinen Teamkollegen zur US-Tour zu fliegen. Deshalb sah sich Tottenham gezwungen, Reals Angebot anzunehmen. Modric provozierte übrigens bereits 2008, als er für die spanische Zeitung «Mundo Deportivo» mit dem Barça-Shirt posierte. Somit wurde Modric ein Vorbild für Gareth Bale. Der Waliser täuschte ein Jahr nach Modrics Streik eine Verletzung vor, um seinem ehemaligen Teamkollegen nach Madrid zu folgen. Diese Verletzung war aber nicht schlimm genug, um WM-Qualispiele mit Wales zu bestreiten. Am letzten Transfertag durfte Bale dann doch noch zu Real – für mehr als 100 Millionen Euro. Als Starspieler von Sevilla war Dani Alves im Jahr 2007 heiss begehrt. Diverse Clubs in Europa wollten den Brasilianer verpflichten, weshalb er sich weigerte, die Champions-League-Qualifikation zu bestreiten. Es endete im Streit mit Vereinspräsident José Maria del Nido – und in einem Transfer. Allerdings kam dieser erst ein Jahr später. 2014 wollte Hakan Calhanoglu vom HSV zu Bayer Leverkusen. Unbedingt. Er liess sich sogar krankschreiben, um nicht mehr mit Hamburg trainieren zu müssen. Wenige Tage später durfte er gehen – und war plötzlich wieder gesund. Diego Costa hatte keine gute Zeit bei Chelsea. Der Stürmer wechselte von Atlético Madrid nach London, wurde dort aber nie glücklich. Deshalb wollte der spanische Nationalspieler zurück nach Madrid. Weil Chelsea sich zunächst weigerte, ihn abzugeben, verschwand Costa nach Brasilien und liess dort verlauten, er werde wie ein Schwerverbrecher behandelt. Trainer Antonio Conte lachte sich schlapp, als er während einer Pressekonferenz auf diese Aussage angesprochen wurde. Das Ende der Posse: Diego Costa spielt wieder bei Atlético Madrid. Schwer aufzuhalten war auch Ronaldo. Auf und neben dem Feld. Die brasilianische Stürmerlegende erzwang gleich zweimal mittels Streik einen Wechsel: 1996 von PSV Eindhoven zu Barcelona und 2002 von Inter Mailand zu Real Madrid. Vor einem Jahr sorgte Ousmane Dembélé in Deutschland für Wirbel. Nach nur einem Jahr wollte der junge Franzose wieder weg aus Dortmund – Barça lockte. Dembélé berief sich auf ein Versprechen des Vereins, wonach er gehen darf, wenn Barça anklopft, und verschanzte sich bei sich zu Hause. Dennoch blieb Dortmund hart, bis Barcelona die Fabelsumme von 105 Millionen Euro bezahlte, plus 40 Millionen Bonuszahlungen. Bereits 2015 streikte Dembélé, als er von Rennes zu Red Bull Salzburg wollte. Damals aber erfolglos. Im Nachgang zur Dembélé-Posse beklagte der BVB schlechten Stil. Vom Spieler, aber auch vom Verein, der dieses Handeln unterstützt hatte. Dabei sollten sie sich in Dortmund bestens damit auskennen. Schliesslich bediente Henrich Mchitarjan ebenfalls dieser Taktik, um zum BVB zu wechseln. 2013 blieb der Armenier dem Training von Schachtar Donezk fern, bis er nach Deutschland durfte. Drei Jahre später dann wieder: Mittels Streik erzwang Mchitarjan den Transfer zu Manchester United. Bei Atlético Madrid war er Captain und Leistungsträger, dennoch wollte Sergio Agüero im Juli 2011 weg. Deshalb verlängerte er eigenmächtig seine Ferien, bis Atlético nachgab und ihn für 45 Millionen Euro an Manchester City verkaufte. Dass Streiks nicht nur im modernen Fussball vorkommen, bewies Heiko Herrlich bereits in den Neunzigern. 1995 wollte der damals 23-Jährige zu Dortmund, doch der damalige Gladbach-Manager konnte sich plötzlich nicht mehr an seine mündliche Zusage erinnern. So schwänzte Herrlich die Gladbach-Trainings und sagte: «Bevor ich noch einmal meine Schuhe für Mönchengladbach schnüren muss, höre ich lieber mit dem Fussball auf.» Schliesslich durfte er für umgerechnet 5,5 Millionen Euro doch zum BVB – nachdem der Fussballverband (DFB) vermittelt hatte. 1997 gewann Herrlich mit Dortmund (und dem ehemaligen Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld) die Champions League. Dass Streiks nicht immer von Erfolg gekrönt sind, musste Franck Ribery schmerzlich feststellen. 2009 blieb er von den Bayern-Trainings fern, um den Wechsel zu Real Madrid zu erzwingen. Bayern und Real konnten sich jedoch nicht einigen, weshalb der Franzose in München blieb.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Verwirrung total auf dem Planeten Neymar. Am Montag verpasste der brasilianische Superstar den Trainingsauftakt von Paris St-Germain, absichtlich, aber «ohne Einverständnis des Clubs», wie Sportdirektor Leonardo in der Zeitung «Le Parisien» betont. Ratlos fügt er an: «Ich habe keine Ahnung, wann er zurückkehrt.»

Umfrage
Was halten Sie von streikenden Fussballern?

Neymar will weg von PSG, «das ist inzwischen für jedermann klar», sagt auch Leonardo. Am liebsten zurück zum FC Barcelona, woher der exzentrische Angreifer vor zwei Jahren gekommen war – für die exorbitante Ablösesumme von 222 Millionen Euro. Barça-Vizepräsident Jordi Cardoner hatte schon vor ein paar Wochen verraten: «Er will zurückkehren, man wird sehen, ob eine Einigung möglich ist.»

Ein Angebot allerdings ist bei PSG bislang nicht eingetroffen, weder von Barça, noch von einem anderen Verein. «Aber es stimmt schon», sagt Leonardo, «wir haben lose Kontakte.» Mit Barcelona? «Ja.» Und er stellt klar: «Er kann PSG verlassen, wenn es eine Offerte gibt, die alle zufriedenstellt.»

Neymar setzt alles daran, dass ein Transfer möglich wird – trotz Vertrags mit PSG bis 2022. Also bestreikt er seit Montag nun das Training. Und auch wenn sein Vater, der gleichzeitig sein Berater ist, behauptet, die Abwesenheit sei mit PSG abgesprochen, und beteuert, sein Sohn werde am kommenden Montag in Paris sein, «kein Problem», so ist inzwischen allen klar, wohin die Reise geht. «Im Fussball sagst du heute dies und morgen das. Das ist unglaublich, aber so ist es nun einmal», bedauert Leonardo.

Neymar ist ein Idol für viele junge Fussballer in aller Welt. Doch mit seinem Verhalten macht der Superstar nach der Schwalbe so die nächste Unsitte der hoch bezahlten Fussballstars hoffähig: die des Streiks, um einem Vertrag zu entkommen. Einem hoch dotierten, notabene. Um noch ein wenig mehr Geld zu kassieren. Oder einfach für eine neue Chance andernorts.

Griezmann will Preis drücken

Bei Atlético Madrid blieb Frankreichs Nationalspieler Antoine Griezmann dem Trainingsauftakt fern, weil auch er mit einem Wechsel zum FC Barcelona liebäugelt. Kurz nach Saisonende im Mai hatte er seinen Abgang bei Atlético verkündet – sein Vertrag bis 2023 hat eine Ausstiegsklausel. Seither verhandeln die beiden Clubs über den Transfer.

Barça ist angeblich nicht bereit, die verlangte Ablösesumme von 120 Millionen Euro zu bezahlen – zumindest nicht auf einen Schlag. Weil der Club flüssiges Geld braucht für Neymar? Die Zeitung «Marca» schrieb von einem «Krieg um Griezmann». Mit seiner Abwesenheit in den Trainings scheint der Franzose nun den Preis drücken zu wollen – wie wohl Neymar in Paris. Griezmanns Berater erklärte zudem: Die emotionale Belastung für eine Rückkehr sei zu hoch. Immerhin habe er sich bereits von seinen Kollegen und Fans verabschiedet.

Neu ist das Mittel eines Streiks nicht, um einen Transfer zu erzwingen – aber nie war mehr Geld im Spiel als jetzt. 2017 weigerte sich Dortmunds Ousmane Dembélé, weiter am Trainingsbetrieb teilzunehmen, weil auch er von Barça umworben war. Der Franzose wurde daraufhin suspendiert – aber erhielt, was er wollte: Dortmund verkaufte ihn für 105 Millionen Euro nach Barcelona. «Ich hatte den Eindruck, dass ich die Erfüllung meines Traums verpassen würde. Deswegen habe ich mich so verhalten», sagte Dembélé damals dem Magazin «Onze Mondial 315».

Schon Ronaldo streikte

Wie zweckmässig ein Streik ist, hatte schon vor längerer Zeit Ronaldo entdeckt. Der Brasilianer (nicht der Portugiese) bestreikte 1996 die Trainings von PSV Eindhoven, um zum FC Barcelona wechseln zu können, und wandte die Taktik 2002 bei seinem Transfer von Inter Mailand zu Real Madrid erneut erfolgreich an. Ebenfalls gleich doppelt in Trainingsausstand trat der Armenier Henrich Mchitarjan (2013 von Schachtar Donezk zu Dortmund, 2016 von der Borussia zu Manchester United).

«Wir erleben eine zunehmende Macht der Fussballprofis», sagte Martin Nolte, Professor für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule Köln, der «Rheinischen Post». Grund für die Aussage waren die Disziplinlosigkeiten von Pierre-Emerick Aubameyang, mit denen der Stürmer 2017 seinen Abgang von Dortmund zu Arsenal erzwingen wollte (und schliesslich erzwang).

«Wie ein stumpfes Schwert»

Nolte stellte klar: «Das Fernbleiben von Teamsitzungen und rufschädigendes Verhalten generell stellen arbeitsrechtlich relevante Verstösse dar.» Aber auch ihm ist bewusst: «Das Arbeitsrecht wirkt in solchen Fällen wie ein stumpfes Schwert.» Denn für die Vereine steht zu viel auf dem Spiel, wenn sie sich auf einen juristischen Streit einlassen: Millionen und Abermillionen Euro Ablöse. Und einen solch teuren Spieler den Vertrag auf der Tribüne aussitzen zu lassen, ist eben das: ein teures Vergnügen.

Dies wird sich im Fall von Neymar auch PSG nicht leisten wollen – katarische Milliarden im Hintergrund hin oder her. Im Interview mit «Le Parisien» sagt Sportdirektor Leonardo: «Ich kenne keinen Club, der auf Dauer mit einem Spieler gewonnen hat, der sich für grösser hielt.»

Die zehn teuersten Transfers der Fussballgeschichte im Video.

Fussball

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Avenarius am 09.07.2019 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    Peinliche Menschen

    Diese Fussballer sind längst keine Vorbilder mehr - es sind peinliche Marionetten, deren Talent vom Geld aufgefressen wurde. Peinliche Menschen !!

  • G. Ast am 09.07.2019 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sperren

    Ein Spielet der streikt, sollte einfach von der FIFA gesperrt werden, nur das tut den Spielern weh. Nicht für drei Spiele, sondern für Jahre.

    einklappen einklappen
  • Nei Mar ! am 09.07.2019 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Diven sollen Verträge einhalten

    Diese "Diven" sollten von der FIFA viel härter angepackt werden, damit sie ihre unterzeichneten Verträge auch einhalten. Falls eine "DIVA" sich aus seinem laufenden Vertrag herausstreiken will, kann er bis Vertragsende bei keinem anderen Verein spielen. Basta

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Swissman73 am 11.07.2019 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    Passiert Topclubs nicht

    Sowas gibts bei den ganz grossen Clubs nicht. PSG und BVB sind Paradebeispiele dafür und auch keine grossen Clubs. Was auch auffällig ist, genau die Spieler die streiken, gehen immer nach Barcelona... Zufall?

  • Evaristo Amala am 11.07.2019 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wanda I.

    Das sind chorknaben zu dem was die icardis seit einem halben jahr bieten um günstig zur juve zu gehen und die provision selbst einstreichen...

  • YNWA am 10.07.2019 08:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Barca??

    Interessant dass kn diesen Fällen immer Barca verwickelt ist

  • Chris am 10.07.2019 01:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blasphemie

    Ronaldo il Fenomeno hat garantiert nicht seinen Wechsel zu Real Madrid erzwungen! Es gab damals Zoff mit dem Trainer Héctor Cùper und Inter entschloss sich, weiterhin auf den Trainer zu setzen und liess Ronaldo ziehen. R9 ist und bleibt der Beste aller Zeiten.

    • Walter Portmann am 10.07.2019 14:31 Report Diesen Beitrag melden

      Messi, dann Ronaldo

      Messi ist klar besser, weil mannschaftsdienlicher und technisch versierter !

    einklappen einklappen
  • Denkpause am 09.07.2019 22:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Solche Idioten ...

    ... sind eine Schande für den Sport. In dieser Beziehung ist mir Frauenfssball viel sympathischer. Diese Frauen nehmen den Fussball viel ernster, lassen sich nicht so dramatisch zu Boden fallen und wissen sich zu benehmen. Bei Typen wie Neymar kommt mir nur eins in den Sinn: mimimi

    • auchdenken am 11.07.2019 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Denkpause

      das mit dem auf den Boden fallen lassen hat mit dem Thema nichts zu tun... und mit Fruenfussball auch nicht.

    • Axel Schweiss am 13.07.2019 19:59 Report Diesen Beitrag melden

      Zuschauer

      Nicht nur sind solche Spieler eine Schande für den Sport sondern auch die Zuschauer. Eine so tolle Sportart wird mit Füssen getreten. Schade sie werden es schaffen, dass der Sport stirbt und nur noch " Idioten " auf dem Rasen und den Rängen sind.

    einklappen einklappen