Tom Lüthi

07. März 2011 07:45; Akt: 12.03.2011 14:04 Print

«Ich bin halt ein Racer»

von Klaus Zaugg, Jerez - Moto2-WM-Favorit Tom Lüthi (24) spricht im Interview mit 20 Minuten Online über seine Augenoperation, sein Salär, wie er den Tod von Shoya Tomizawa verarbeitet hat und wieso er immer besser wird.

storybild

Tom Lüthi sieht mit Vorfreude der neuen Saison entgegen. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

20 Minuten Online: Sie waren bei den Testfahrten so gut wie nie mehr seit dem Frühjahr 2005. Damals wurden Sie bei den 125ern Weltmeister.
Tom Lüthi:
Es gibt aber einen Unterschied: Damals ist es einfach passiert, ich wusste gar nicht richtig, warum. Diesmal weiss ich, warum wir schnell sind.

Warum sind Sie schnell?
Wir haben erstklassiges Material, die Zusammenarbeit mit Cheftechniker Alfred Willeke ist sehr gut, unser Team harmoniert und ich habe hundertprozentiges Vertrauen in mein Material.

Sie sind also so gut wie 2005, als Sie Weltmeister wurden?
Ich fühle mich rundum wohl. Aber wichtiger als Rundenzeiten ist das Gefühl auf dem Motorrad. Den eigenen Namen regelmässig oben auf der Testrangliste zu sehen, hat grossen Einfluss auf dieses Gefühl. Es ist gut fürs Selbstvertrauen. Ich bin während den Testfahrten nie gestürzt, wir konnten alle Tests wie vorgesehen machen und ich war konstant schnell. So gut sind die Tests seit 2005 nie mehr verlaufen. Ich bin sehr zufrieden.

Es ist immer wieder die Rede davon, dass ein Fahrer Vertrauen in sein Material haben muss. Sie pflegten früher sogar zu sagen, das Motorrad sei ihre Freundin.
Nehmen wir als Beispiel die letzten Testfahrten in Jerez: Wenn ich mit 200 km/h in die Fahrerlagerkurve einlenke, dann muss ich meinem Material hundertprozentig vertrauen können.

Sie haben die Kontaktlinsen im Auge einoperieren lassen. Sehen Sie jetzt auch besser?
Mit einer Brille waren die Sehkorrekturen nicht möglich. Die Kontaktlinsen waren vor allem in den ersten Runden immer wieder ein Problem. Sie verschoben sich. Auch beim Nachtrennen in Katar hatte ich Schwierigkeiten. Nun sind die Linsen in beiden Augen einoperiert und damit sollten meine Sehprobleme für immer gelöst sein.

Wie viel Vorbereitungszeit hat Sie diese Operation gekostet?
Es waren insgesamt drei Operationen, die von Dr. Walter Aus der Au ambulant gemacht worden sind. Alles in allem musste ich drei Wochen pausieren.

Sie wirken athletischer als vor einem Jahr.
Es freut mich, dass das jemand sieht. Ich habe gezielt meine Schultermuskulatur trainiert und etwa drei Kilos Muskeln zugelegt und ein Kilo Körperfett verloren.

Kann es sein, dass Sie in den letzten Jahren zu wenig kräftig waren?
Beim Fahren war das wohl kein Problem. Eher beim Stürzen. Die Muskulatur kann vor Verletzungen schützen und ich hatte ja in den letzten Jahren immer wieder Probleme mit Schulterverletzungen.

Bisher war der Rennsport für Sie eher ein Abenteuer. Aber nun sind Sie 24. Sie haben keine Lehre gemacht und wenn Sie weiterhin Rennen fahren, so wird der Rennsport Ihr Beruf und es sollte auch etwas dabei herausschauen.
Es ist schon so, dass ich mir Gedanken über die nächste Saison hinaus mache. Ich will in die Klasse MotoGP aufsteigen und auch mit 30 noch Rennen fahren. MotoGP zu fahren war schon immer mein Traum. Nun wird die Sache realistischer. Ich sage nicht, dass 2011 meine letzte Moto2-Saison ist. Aber es ist mein Ziel, wenn möglich bereits 2012 MotoGP zu fahren.

Weil Sie nur in der MotoGP-Klasse richtig Geld verdienen können?
In erster Linie ist es ein sportliches Ziel. Aber es ist schon so, dass die grossen Verträge nur in dieser Klasse zu bekommen sind.

Wenn ich die riesigen Wohnmobile und die schlossartigen Fresszelte im Fahrerlager sehe, fällt es mir schwer zu glauben, dass hier nicht alle Millionäre sind.
Diese Fassade täuscht. Es gibt nur ganz wenige Fahrer, die hier wirklich Geld verdienen.

Sie verdienen diese Saison keine halbe Million?
Eine halbe Million? Sind Sie noch bei Sinnen?

Aber schon sechsstellig?
Lassen wir das Thema Geld.

Gut. Aber wir können sagen, dass Sie zurzeit immer noch in Ihre Karriere investieren und noch nicht richtig kassieren?
Das ist eine gute Umschreibung.

Ist es für die ganz grosse MotoGP-Karriere ein Nachteil, Schweizer zu sein?
Das ist schwierig zu beurteilen. Aber ich glaube eher nicht. Die Resultate sind wichtiger als der Pass. Als ich mit dem Rennsport angefangen habe, sagten alle, als Schweizer schaffst du es nicht in den GP-Zirkus. Und dann war ich auf einmal doch dort und wurde sogar Weltmeister.

Auf den ersten Blick ist der GP-Zirkus ein Profisport wie jeder andere auch. Aber etwas ist ganz anders: Der Tod lauert. Haben Sie noch nie an Rücktritt gedacht? Beispielsweise letzte Saison nach dem tödlichen Unfall von Shoya Tomizawa?
Nein, nie. Der Motorradrennsport ist ein Extremsport und früher oder später muss jeder die Erfahrung machen, dass es sehr weh tun kann. Sogar Valentino Rossi. Angst? Nein, aber sehr viel Respekt. Leichtsinn hat in diesem Sport schlimme Folgen.

Hat Sie der Unfall von Shoya Tomizawa nicht nachdenklich gestimmt?
Oh doch. Uns ist allen ganz brutal vor Augen geführt worden, was in unserem Sport passieren kann. Wir sind mit der Wirklichkeit konfrontiert worden. Aber das Leben geht weiter. Das Fahrerlager fürs nächste Rennen ist trotzdem aufgebaut worden, wir haben den Helm wieder aufgesetzt und sind weiter gefahren. Diese rasche Rückkehr zur Normalität hat geholfen, diese Situation zu verarbeiten.

Schauen Sie Aufzeichnungen Ihrer Rennen an?
Ja.

Und Sie erschrecken dabei nicht?
Nein. Diese Bilder gefallen mir. Es ist geil zu sehen, wie die Maschine rutscht. Ich bin halt ein Racer.

Hat denn Ihre Freundin nie Angst um Sie?
Nein. Sie ist aufgeregt. Sie ist lieber beim Rennen mit dabei. Dann hat Sie alle Informationen und bekommt alles mit. Schlimmer ist es für Sie, zu Hause zu sitzen, nur die TV-Bilder zu sehen und nicht zu wissen, was läuft.

Sie hat Sie nie gebeten, aufzuhören?
Nein, nie. Als sie mich kennen gelernt hat, war ich ja schon Rennfahrer. Eine Diskussion um Rücktritt gibt es weder mit ihr noch in meinem persönlichen Umfeld.

Auch mit Ihren Eltern nicht?
Nein. Ganz im Gegenteil. Ich werden von meinen Eltern unterstützt. Sie wissen, dass ich schon immer Rennen fahren wollte und mein Vater versteht das sehr gut. Er ist ja auf Niveau Schweizer Meisterschaft auch Rennen gefahren.

Es gibt also nie Momente des Zweifels?
Nein. Es ist nicht möglich, zweifelnd oder halbherzig Rennen zu fahren. Es ist ein kompromissloser Extremsport, der keine Fehler und verzeiht.

Sie wirken heute ruhiger, selbstsicherer, kurzum reifer als noch vor zwei Jahren. Haben auch die geordneten Verhältnisse – Sie leben mit Ihrer Freundin - zu diesem Reifeprozess beigetragen?
Sagen wir es so: Ich habe in den zwei letzten Jahren sehr viel gelernt.

Wie zeigt sich das im Rennsport?
Ich habe gelernt, mich in meinem Team durchzusetzen.

Wie muss ich das verstehen?
Es kann nicht sein, dass der Cheftechniker für mich bei der Abstimmung der Maschine die Entscheidungen trifft. Er kann mir vorschlagen, dass man dies oder jenes machen kann, aber ich entscheide, was wir tun und ich muss dafür auch die Verantwortung übernehmen und zu mir selber ehrlich sein. Wir finden die richtige Abstimmung nur, wenn ich nach einer ungenügenden Leistung vor meinem Team auch eingestehen kann: Ich war nicht gut, es war mein Fehler.

Das war in den drei Jahren in der 250er-Klasse 2007, 2008 und 2009 nicht immer so.
Damals funktionierte die Zusammenarbeit mit dem Cheftechniker nie richtig. Es war in erster Linie ein sprachliches Problem. Mauro Noccioli sprach Italienisch und kaum Englisch und ich Deutsch und nicht Italienisch. Ich hatte unterschätzt, wie wichtig es ist, dass alle die gleiche Sprache sprechen. Nun sprechen wir im Team bis auf einen amerikanischen Stossdämpfer-Spezialisten alle Deutsch.

Moto GP News