Saisonstart

25. März 2011 16:06; Akt: 30.03.2011 11:45 Print

Der grosse F1-Formtest – Sauber und Co.

von Christian Eichenberger - Quietschende Reifen, dröhnende Motoren - in der Formel 1 gilt es wieder ernst. Lesen Sie im 2. Teil des Form-Checks, wo die kleineren Teams stehen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Knapp vor dem Saisonauftakt in Australien herrscht in der Formel 1 nach wie vor grosses Rätselraten, wer wo steht. Die Universalantwort lautet: In Australien wissen wir mehr. Dennoch wagen wir uns an ein Ranking – gestützt auf Einschätzungen von Force-India-Testpilot Nico Hülkenberg, der bei den Barcelona-Tests vor zwei Wochen das Fahrverhalten der Autos exklusiv für uns studierte. (Hier gehts zum ersten Teil des Form-Checks)

Teil 2: Das breite Mittelfeld

Je weiter man in der imaginären Startaufstellung nach hinten kommt, desto schwieriger wird es, die Teams auf Positionen festzunageln. Hülkenberg spricht nach dem Test-Freitag in Barcelona von einem breiten Mittelfeld mit MercedesGP an der Spitze, Sauber, Williams, Toro Rosso und Force India. «Eine Reihenfolge festzulegen, ist unmöglich. Bis Melbourne kann sich noch viel verschieben.»

Dem Toro Rosso attestiert Hülkenberg eine ähnlich gute Stabilität wie dem Red Bull. «In den Kurven 1 bis 3, dort, wo du Stabilität brauchst, um Vertrauen ins Auto zu haben, liegt der Toro Rosso super. Als ich Buemi beobachtet habe, war er auf einer Rennsimulation unterwegs. Und das sah sehr ordentlich aus.»

Auch der Sauber, der in Barcelona mit Kaminen auf den Seitenkästen ausrückte, traut der Deutsche einiges zu. Die Bestzeit am Donnerstag war ein Warnschuss. Dass der C30 beim Studium in den Kurven 1–3 ein nervöses Heck hatte, führt der Rheinländer, der dieses Jahr auch als TV-Experte bei Sky in Erscheinung tritt, mehr auf den Fahrstil von Kamui Kobayashi zurück als auf mangelnden Grip. Wie der Toro Rosso verfüge auch der Sauber über Potenzial. Ein Auspuffsystem mit in den Unterboden eingelassenen Rohren soll zum Europa-Auftakt in Istanbul kommen.

Und wie stuft Hülki sein Ex-Team Williams ein? «Die verfügen über das flachste Heck von allen», sagt der Deutsche. «Und das sieht schon sehr spektakulär aus.» Weil es den ganzen Fahrzeugbau diktiert, wird es keiner kopieren können. Bleibt Williams von Steifigkeitsproblemen auf der Hinterachse verschont, könnte die Heckflunder die Top-Teams ärgern. Neuzugang Pastor Maldonado lässt, was die Leistung des FW33 betrifft, tief blicken: «Wir sind mit dem Verlauf der Testfahrten zufrieden und arbeiten schon lange am Feintuning.» Der Venezolaner sagt, dass bei seiner Rennsimulation die Reifen nach zehn Runden hinüber waren. Am Red Bull hielten sie zwölf, «aber keiner weiss, ob mit identischem Gewicht gefahren wurde», so Maldonado.

Doch ist Williams tatsächlich so stark? Oder hat man geblufft? Man könnte Williams unterstellen, dass man dem Börsengang mit Vorstandzeiten etwas nachhelfen wollte. Hülkenberg widerspricht: «Die Zeit von Jerez, als Barrichello eine halbe Sekunde schneller als der Rest war, musst du zuerst fahren.»

Den Force India kennt der Emmericher aus eigener Erfahrung. Bei den Tests in Barcelona durfte er am Dienstag einen halben Tag fahren. Mit gemischten Gefühlen. «Das Heck war instabil.» Am Donnerstag, als Sutil übernahm, schraubte Force India das vorerst letzte Update vor Melbourne ans Auto. Ein neuer Heckflügel und ein Auspuffsystem, das nach innen statt nach aussen bläst. Doch Sutil bleibt skeptisch. Der Wagen fährt sich sauber, aber es fehlt an Abtrieb.

Last but not least stellte Hülkenberg Mercedes auf dieselbe Stufe wie Sauber & Co. «Was ich da auf der Strecke von Rosberg gesehen habe, sah nicht so toll aus», orakelt Hülkenberg. «Das Auto schob über die Vorderachse und wurde immer sehr weit hinausgetragen.» Teamchef Ross Brawn rechnete vor dem letzten Test vor, dass Mercedes eine Sekunde auf die Spitze fehlen würde. Wie viel mit dem sehnlichst erwarteten Update aufgeholt werden konnte, ist nicht zu beziffern. Die (langen) Standzeiten bei den ersten zwei Tests könnten sich rächen. Hülkenberg bleibt vorsichtig: «Man darf Mercedes auf keinen Fall abschreiben. Das wäre ein Fehler.»

In Barcelona testete Rosberg zuerst die erste Ausbaustufe. Mit einem auf den Unterboden blasenden Auspuffsystem, dessen Endrohre knapp über dem Boden auf halber Höhe des Seitenkastens austreten. Evo 2 mit neuen Flügelprofilen folgte. Was verblüfft: KERS-Vorreiter Mercedes hatte in Barcelona Probleme mit dem Hybridantrieb. Bei Force India (mit demselben KERS unterwegs) lief alles wie am Schnürchen.

Der Anschlussfinder

Von den drei «Kleinen» wird laut Hülkenberg wohl keiner in der Lage sein, schon im zweiten Jahr regelmässig im Mittelfeld mitzugeigen. Ausser vielleicht Team Lotus. «Bei den Grünen», sagt Hülkenberg, «sehe ich Fortschritte. Wenn Testpilot Valsecchi in Barcelona 1:25,4 fährt, dann sollten die Stammfahrer noch mehr rausholen können. Denn egal, wie die Zeit von Valsecchi zustande gekommen ist, der Rückstand auf die Tagesbestzeit betrug nur 2,8 Sekunden. Von Virgin habe ich ein solches Aufbäumen bisher nicht gesehen.» Im Vergleich mit den Top-Teams sieht Hülkenberg dennoch Unterschiede. «Der Lotus wirkt nervös. Er hat sehr viel Untersteuern. Die Fahrer sind ständig am Korrigieren. Trotzdem traue ich Lotus den Anschluss zu.»

Die Schlusslichter

Über Marussia-Virgin kann Hülkenberg wenig Positives berichten. Dem Wagen fehle es an Abtrieb, sobald der Fahrer einlenkt. «Das sieht man von blossem Auge.» Ein neuer Heckflügel, der in Barcelona zum Einsatz kam, soll Abhilfe schaffen. In Jerez fiel dem Pole-Mann vom GP Brasilien 2010 auf, dass der Wagen sehr hart gefedert war. «Daran hat sich nichts geändert.» Dass der erfahrene Timo Glock wegen einer Blinddarm-OP nur als Zuschauer in Barcelona weilte, hat mehr dem Team als dem Fahrer geschadet.

Über HRT konnte sich Hülkenberg kein Bild machen. Das Team von José Ramón Carabante konnte wegen Teilemangels nicht testen. Das Urteil des Deutschen: «Wer so spät fertig wird, wird wohl eher eine untergeordnete Rolle spielen.»

(Christian Eichenberger, Motorsport aktuell)

Animation der Strecke zum GP von Australien
(Video: Allianz)

Moto GP News