Altmeister im Zwischenhoch

24. Juni 2011 07:24; Akt: 24.06.2011 07:29 Print

Warum Schumi bleiben muss

von Peter Haab - Zur Halbzeit des Dreijahresvertrags mit Mercedes erlebte Michael Schumacher beim GP von Kanada seine Sternstunde. Nicht nur deshalb muss der Serien-Weltmeister weiter in der Formel 1 fahren.

storybild

Schumi gibt Gummi. (Bild: AFP)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der letzte Grand Prix hat gezeigt: Es gibt viele Gründe, warum der siebenfache Weltmeister der Königsklasse erhalten bleiben muss.

Bei allem Respekt für die Herren Weltmeister Sebastian Vettel, Jenson Button, Lewis Hamilton und Fernando Alonso: Sie sind immer noch Lichtjahre von der weltumspannenden Strahlkraft eines Michael Schumacher entfernt. Absolutes Weltstar-Format hat bis jetzt ausschliesslich Schumacher. Der Mann polarisiert nach wie vor wie kein Zweiter im F1-Geschäft. Egal, ob er verliert oder – wie am verregneten Montreal-Weekend – wieder fährt wie zu seinen besten Zeiten.

Kritiker verstummen nicht

Die Fans leiden weiter bei jedem Rennen mit Schumi. Seine grössten Kritiker, darunter eine Handvoll Medienschaffende aus Deutschland sowie die geschlossen auftretende Fraktion der englischen Presse, freuen sich über jeden Misserfolg. Und fordern mit schon langweiliger Regelmässigkeit jedes Mal den Rücktritt des dienstältesten Formel-1-Piloten.

Das ist weder intelligent noch wirklich zu Ende gedacht. Denn nichts ist in einem globalen Sportbusiness wie der Formel 1 schlimmer als die beliebige Austauschbarkeit seiner Hauptakteure.

Michael Schumacher ist beileibe kein Sonntagsschüler. Selbst in jüngster Vergangenheit hat er sich fragwürdige Manöver geleistet, die immer einen Schatten auf seine glanzvolle Karriere werfen werden. Schumacher ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Und er wird sich zweifellos auch in Zukunft mit dem einen oder andern Konkurrenten an der Grenze des Erlaubten beharken. Genau dafür werden Formel-1-Piloten aber letztlich so fürstlich entlöhnt.

Formel 1 profitiert von Schumi

Eines steht mit Sicherheit fest: Ein erfolgreicher, stark fahrender Schumacher ist das Beste, was der aktuellen Formel 1 passieren kann. Gibt es eine spannendere Show als einen «Altmeister», der gegen Jungspunde wie Vettel und Hamilton bestehen kann? Was gibt es aus Sicht der Fans besseres, als wenn sich Schumi in Kanada bei regennasser Piste im letzten Rennviertel plötzlich mit Vettel im überlegenen Red-Bull-Auto duelliert?

Die britischen Medien haben Schumi permanent im Fadenkreuz. Beim kleinsten Ausrutscher in einem freien Training heulen sie auf der Insel schadenfreudig auf. Schumacher soll gefälligst weg und einem jüngeren Fahrer Platz machen. Aber: Schumi aus der aktuellen Formel 1 zu entfernen wäre etwa so sinnvoll, wie Barcelonas Fussball-Genie Lionel Messi von der Champions League auszusperren, nur weil er aus elf Metern zweimal nicht ins Tor getroffen hat.

Parallele zu Valentino Rossi

Die interessante Schumacher-Parallele fährt in der Motorrad-Weltmeisterschaft: Valentino Rossi ist seit rund einem Jahrzehnt der Inbegriff des weltweiten Motorrad-Rennsports. Der 32-jährige erfolgsverwöhnte Italiener wechselte auf die Saison 2011 hin zu Ducati und feiert es mittlerweile bereits als Erfolgserlebnis, wenn er zum jeweiligen MotoGP-Sieger während des ganzen Rennens Sichtkontakt hat.

Nichts gegen Rossi als Fahrer. Denn der hat über den vergangenen Winter mit Sicherheit nichts verlernt. Aber die Situation beweist: Auch absolute Ausnahmekönner sind in den technischen Sportarten wie Formel 1 und MotoGP machtlos, wenn ihre jeweiligen Arbeitsgeräte nicht auf Topniveau sind. Rossis Ducati erwies sich im bisherigen Saisonverlauf als zu störrisch. So steht selbst der geniale «Doctor» gegen Leute wie Casey Stoner und die restliche Honda-Truppe auf verlorenem Posten.

Hat deswegen in Italien oder England einer Rossis Rücktritt gefordert? Nein, denn die Kollegen aus dem Moto-GP-Business wissen genau, dass einer vom Format Rossi aus der aktuellen MotoGP nicht wegzudenken ist. Auch der Königsklasse der Zweirad-Artisten mangelt es an Typen, die Farbe ins Geschehen bringen.

Sieg bei «Bild»-Umfrage

Letzte Woche hat Deutschlands grösste Tageszeitung «Bild» eine Abstimmung zum Thema «Die grössten Sportler aller Zeiten» durchgeführt. Gewonnen hat Michael Schumacher, vor Ex-Fussball-Gott Franz Beckenbauer und Basketball-Star Dirk Nowitzki. Schumacher erhielt mehr als doppelt so viele Leser-Stimmen wie der zweitplatzierte Beckenbauer. Formel-1-Welmeister Sebastian Vettel belegte in der Umfrage Platz 10 und war damit jüngster Sportler in den Top Ten.

Schumachers Strahlkraft bleibt auch längerfristig unbestritten. Egal, ob er wie in Montreal um Podestplätze kämpft oder wie in diesem Jahr in Istanbul zu den grossen Verlierern gehört. Der Kanada-GP hat die letzten Zweifel beseitigt: Dem siebenfachen Champion fehlt es weder am Können noch am Willen. Schumacher wird nicht locker lassen. Und Mercedes-Motorsport-Direktor Nobert Haug hält fest: «Seit Montreal ist endgültig klar, dass Michael weiterhin Weltklasse-Format hat. Wenn wir ihm das richtige Auto hinstellen, kann er auch wieder Rennen gewinnen.»

Es liegt jetzt also an Mercedes, dem Silberpfeil Beine zu machen. Das weiss auch Teamchef Ross Brawn. Aber er warnt nach dem tollen Schumacher-Auftritt in Montreal vor übertriebenen Erwartungen in naher Zukunft: «Wir haben noch nicht genug technische Stärke, um Red Bull, Ferrari oder McLaren die Stirn zu bieten.»

Michel Schumacher muss also bleiben, und sich bis zum ersten Sieg nach seinem Comeback noch etwas gedulden.

(Peter Haab, Motorsport aktuell)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • boston george am 24.06.2011 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    rosberg

    Schumi hat die Formel 1 zweifellos geprägt. Jedoch nur sein sicher nicht ganz konkurrenzfähiger Mercedes für die dürftigen Resultate verantwortlich zu machen, finde ich Rosberg gegenüber nicht ganz fair, der praktisch jedes Mal im Quali wie im Rennen Schumi in den Schatten stellt. Fazit: Schumi braucht ein überlegenes Auto & ein Teamkollegen, der nicht wirklich zu den Spitzenpiloten gehört, wie in den alten Zeiten bei Ferrari. Rubens lässt grüssen.

    einklappen einklappen
  • Robert Marti am 24.06.2011 12:23 Report Diesen Beitrag melden

    Schumi ist kein Rossi!

    Diesen Artikel von Herrn Haab kann ich nicht ernst nehmen. Hauptgrund ist der Vergleich Schumi gegen Rossi: Rossi ist konsistent schneller als sein Teamkollege Hayden, der immerhin einmal MotoGP Weltmeister war und mehrere GPs gewonnen hat. Schumi ist fast immer langsamer als Rosberg, der noch keinen GP gewonnen hat und noch nie F1 Weltmeister war ...

    einklappen einklappen
  • Don_Jorge am 24.06.2011 08:43 Report Diesen Beitrag melden

    Schumi

    Er hätte es einfacher und schöner in seinem Haus und das Leben zu geniesen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fann am 25.06.2011 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Schumi

    Würde Schumi eher mit einem Raul oder Van Nistelrooy als mit Messi vergleichen.

    • F1-Zeuge am 26.06.2011 07:48 Report Diesen Beitrag melden

      @Fann

      Nein, Schumi muss man mit Beckham vergleichen. Der 7-fache Weltmeister weiss wie das Business funktioniert und wie man gewinnt. Ein Präzisier Fahrer mit filigranem Stiel wahr er aber nie. Genau wie Beckham, dessen Fussballerisches können ist auch nicht berauschend.

    einklappen einklappen
  • Alex R. am 25.06.2011 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    Guter Bericht.

    Zwar konnte man in der F1 die Kosten reduzieren. Durch das Testverbot ist es aber leider kaum möglich einen technischen Rückstand während der Saison wieder aufzuholen. Eine innovative Idee, welche nicht so funktioniert wie man es sich vorgestellt hat oder eine Fehlentwicklung sind einfach nicht mehr zu korrigieren. So gibt es kaum mehr noch ein Kräfteverschieben im Laufe einer Saison... Schade! Zu MS: Der Bericht von Peter Haab ist sehr objektiv und deutet auch die vielen Facetten von MS und seine Wirkung auf die Fans/Kritiker an. Dies kann man auch deutlich an den Kommentaren hier ablesen...

  • Alex Brack am 25.06.2011 01:20 Report Diesen Beitrag melden

    Haben Sie nur 1 Rennen gesehen?

    Bei diesen Aussagen muss ich mich schon fragen, wieviele Rennen Peter Raab gesehen hat. Wenn "nur" das Montreal-Rennen, kann ich ihn verstehen. Aber vielleicht kann er sich mal die Mühe nehmen, die Trainings- und Rennresultate von Schumi während den letzten 1 1/2 Jahre im Vergleich zu Rosberg geschweige denn Vettel, Webber, Hamilton, Button etc. sich anzuschauen. Schumi wurde wie andere Fahrer der 2. Garnitur im canadischen Regen aus Zufall nach vorne gespühlt. Momentan gibt es mindestens 6 junge Fahrer, die einen weitaus höheren Speed auf die Piste bringen als Schumi.

  • chris gessner am 24.06.2011 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Last but not least

    Für Schumi ist die Formel 1, so wie sie heute tickt und funktioniert, abgefahren. Früher konnte Schumi vor allem mit harter Disziplin, seinen Vorteil in den ausschweifenden Testphasen ausnutzen. Pirelli entwickelte damals ausschliesslich Reifen für die Scuderia. Dieses Umfeld gibt es heute nicht mehr.

  • Roger am 24.06.2011 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Schumi ist Super!

    Mit Schumi macht die Formel 10000 mal mehr Spass und man hat ja gesehen wer der beste Fahrer war als es Regnete! Wenn Mercedes Ihm ein gutes Auto bereit stellt wird er auch wieder um siege Fahren und wird auch Rosberg hinter sich lassen, weil ich wär auch nicht Motiviert als 7facher Champ um platz 5-7 zu fahren.!

    • F1-Zeuge am 26.06.2011 07:56 Report Diesen Beitrag melden

      @Roger

      Ein wirklich guter Rennfahrer sollte mit allen Situation gut zurecht kommen. Nicht nur bei Optimaler Abstimmung und Regen.

    einklappen einklappen
Moto GP News