Töff-WM 2011

06. März 2011 11:26; Akt: 12.03.2011 15:26 Print

Warum Tom Lüthi 2011 ein Titelkandidat ist

von Klaus Zaugg, Jerez - 2011 kann das Töff-Jahr der Schweizer werden: Tom Lüthi (24) ist ein heisser Titelanwärter und Randy Krummenacher (20) einer der besten Klassen-Neulinge in der Moto2-WM.

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Tom Lüthi überzeugte bei den Testfahrten in Jerez. (Bild: Keystone/AP)

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Würden wir alles, was die Piloten im Winter angeblich an Fitnesstraining gemacht haben und alle technischen Neuerungen Jahr für Jahr aufrechnen – die Töff-Helden wären Marathonläufer, Triathleten und Zehnkämpfer. Und Maschinen wären parat, um in den Weltraum geschossen zu werden. In kaum einer anderen Branche wird vor der Saison so gerühmt und übertrieben wie im Motorsport. Es ist ein teurer Sport. Es gilt, in der Zwischensaison die Geldgeber bei Laune zu halten und die Hoffnung auf eine gute neue Saison gut zu verkaufen.

Inzwischen ist es ein bisschen einfacher geworden, das Potenzial der einzelnen Piloten vor der Saison auszuloten. Weil es die offiziellen Testfahrten gibt, bei denen alle wichtigen Fahrer antreten und die Zeiten von neutralen Chronometern gestoppt werden. Die letzten Töff-Tests im andalusischen Jerez sind daher verlässlich. Keiner spielt mit verdeckten Karten. Motorradrennen werden auch im Kopf entschieden. Es ist wichtig, den Konkurrenten zu zeigen, dass man bereit ist. Diese letzten Tests sind die Muskelspiele der Asphaltcowboys vor dem Saisonauftakt in Katar am 20. März. Die Geschichte lehrt uns: Wer bei diesen Tests schnell ist, fährt auch in der WM ganz vorne.

Der «neue» Tom Lüthi

Was lernen wir von diesen Tests in diesem Jahr? Nun, Tom Lüthi, der Kinderstar, Weltmeister (125 ccm) und vor Roger Federer der Sportler des Jahres 2005 ist zu einem Champion gereift.

Am Freitag und am Samstag braucht Lüthi hier in Jerez bloss zwei, drei Runden, um die Bestzeit herauszufahren und sein Name bleibt auf den Computerschirmen den ganzen Tag ganz oben unter den ersten Positionen. Obwohl er nie ganz ans Limit geht. Er kann es sich schliesslich am Samstag leisten, auf die letzte Teststunde von 17 bis 18 Uhr zu verzichten. «Weil wir unser Testprogramm beendet hatten.» Die Meinung im Fahrerlager ist inzwischen gemacht: Tom Lüthi ist ein heisser Favorit auf den Moto2-WM-Titel 2011.

Diese positive Entwicklung Lüthis hat schon vor einem Jahr eingesetzt. Er fährt 2010 fünfmal aufs Podest und hat bis Mitte der Saison Chancen auf den WM-Titel. Eigenes Unvermögen und Pech (er bekommt für drei Rennen einen faulen Motor zugelost) werfen ihn schliesslich auf den vierten WM-Schlussrang zurück.

Drei Kilo Muskeln mehr

Nun ist vieles noch besser geworden. Auf den ersten Blick fällt auf, dass Lüthi athletischer, kräftiger geworden ist. «Es freut mich, dass das jemand sieht. Aber Spass beiseite: Ich habe im Winter gezielt die Schultermuskulatur gestärkt. Ich habe ein Kilo Körperfett verloren und dafür drei Kilo Muskeln zugesetzt.» Beim Fahren sei der Kraftzuwachs nicht so entscheidend. Aber beim Stürzen. «Ich hatte ja in den letzten Jahren immer wieder Probleme mit Schulterverletzungen.»

Auch die Sehschwierigkeiten sind nun behoben. In insgesamt drei Operationen hat er sich bei Dr. Walter Aus der Au in Fribourg die Kontaktlinsen in beide Augen einoperieren lassen. Eine Korrektur, die lebenslänglich halten sollte. «Die Kontaktlinsen sind immer wieder verrutscht und beim Nachtrennen in Katar hatte ich auch mit der Sicht Probleme.»

Der Umstieg auf die Schweizer Maschine

Lüthi sieht besser, ist kräftiger und selbstischerer geworden, sein Privatleben verläuft in ruhigen Bahnen seit er wieder mit der Ex-Miss-Bern Fabienne Kropf liiert ist, und auch beim Material hat es eine Verbesserung gegeben. Alle haben die gleichen Motoren, unterschiedlich sind nur die Reifen und die Fahrwerke. Nun ist Lüthi von der japanischen Moriwaki auf das Schweizer Fabrikat von Eskil Suter umgestiegen. Suter sagt zwar gegenüber 20 Minuten Online, dass er alle 13 Piloten, die er ausrüstet, grundsätzlich gleich behandelt. Aber sein Ziel, nicht offiziell genannt, ist der WM-Titel mit einem Schweizer Piloten. Nach den ersten Rennen will Suter seine bestklassierten Piloten noch bevorzugt betreuen und damit zeichnet sich ab: Wer von allem Anfang ganz vorne ist, wird es auch am Schluss sein.

Es gibt noch eine Parallele zum Weltmeisterjahr 2005. Damals hatte Tom Lüthis Manager Daniel M. Epp ein äusserst knappes Budget. Eigentlich zu wenig zum Fahren und zu viel zum Aufhören. Erst ab 2006 begann mit dem Einstieg des Schweizer Lebensmittelkonzerns «Emmi» der Rubel zu rollen. Nun ist «Emmi» ausgestiegen. Und wieder hat Daniel M. Epp für seinen Fahrer eigentlich zu wenig Geld. Er ist deshalb daran, einen Klub zu gründen, um das Fehlen von Sponsorgeldern über möglichst viele Supporter hereinzuholen. Zurzeit tragen die Teammitglieder noch die alten Jacken. Das Logo «Emmi» wird einfach mit Isolierband überklebt. Die knappen finanziellen Mittel wirken sich eher stimulierend als hemmend aus. Im Team von Tom Lüthi ist Kampfgeist zu spüren. Es ist eine Rückkehr zu den Ursprüngen.

Aegerters fataler Sturz

Bei Lüthi stimmt also alles. Bei Randy Krummenacher (20) fast alles und bei Dominique Aegerter (20) fast gar nichts. Krummenacher hat sich während der Vorsaisontests als Klassen-Neuling (er fuhr letzte Saison noch bei den 125ern) auf Anhieb im vorderen Mittelfeld etabliert und steht hier in Jerez nach zwei von drei Testtagen auf Rang 14. Wie Lüthi verzichtet auch er am Samstag auf die letzte Teststunde.

Aber Dominique Aegerter (20) steckt in einer Krise: Er kommt zwar 2010 nicht über einen 7. Platz (und den 15. WM-Schlussrang) hinaus. Aber in den letzten Rennen im Herbst 2010 ist er so stark wie nie und drauf und dran, seinen ersten Podestplatz herauszufahren. Er scheitert nur, weil er zu wenig erfahren ist, um in den letzten Runden seine Position zu halten.

Aber nun muss er wieder von vorne beginnen. Bei den Tests in Valencia rutschte ihm bei Tempo 180 km/h das Vorderrad weg und er zerstörte bei diesem Unfall das Motorrad. Von diesem Schock hat er sich noch nicht erholt und hier in Jerez ist er noch nicht über den 34. und viertletzten Platz hinausgekommen. Noch ist er guter Dinge und sagt, das Saisonziel bleibe weiterhin ein Platz in den «Top Ten». Aber er räumt ein: «Der Sturz hat mich zurückgeworfen und ich brauche Zeit, um das Vertrauen in die Maschine wieder zu finden.»

So wie bei Lüthi die guten Testergebnisse eine positive Eigendynamik in Gang setzen, so ist Aegerter von den Gipfeln der Zuversicht ins Tal der Selbstzweifel abgestiegen. Von dort wieder herauszukommen, ist manchmal schwieriger als eine Expedition auf den Mount Everest.

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