Stadtkurs in Macao

19. November 2018 16:58; Akt: 19.11.2018 17:20 Print

Warum die Todesstrecke Fahrer magisch anzieht

Formel-3-Pilotin Sophia Flörsch hatte in Macao einen Schutzengel. Der Stadtkurs fordert aber immer wieder Todesopfer – die meisten Fahrer lieben ihn dennoch.

Sophia Flörschs fataler Abflug in der Lisboa-Kurve. (Video: Tamedia/Youtube)
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Die Bilder gehen einem nicht so schnell aus dem Kopf. Wie der Formel-3-Bolide der 17-jährigen Sophia Flörsch mit knapp 280 km/h angeschossen kommt, das Heck voraus. Wie er auf das Auto von Jehan Daruvala auffährt, abhebt und rückwärts in den Fangzaun an der Aussenseite der Lisboa-Kurve einschlägt. Der erste Gedanke: Da muss etwas ganz Schlimmes passiert sein.

Es grenzt an ein Wunder, dass der Crash keine Todesopfer gefordert hat und Flörsch nicht schwerer verletzt ist. Die junge Münchnerin erlitt eine Fraktur des 7. Halswirbels, gemäss ihrem Vater hat sie jedoch keine Lähmungserscheinungen und kann alles bewegen.

Neue Details zum Unfallhergang

Am Montagmittag Schweizer Zeit brachte er die Öffentlichkeit auf den neuesten Stand und schrieb auf dem Twitter-Account seiner Tochter, dass die Operation bisher gut und ohne Komplikationen verlaufe, aber noch andauere. «Das Ärzte-Team arbeitet bewusst langsam, um Risiken zu vermeiden.»


Später berichtete das Branchenportal Motorsport-magazin.com, dass der elfstündige Eingriff positiv verlaufen sei. «Sophia wird jetzt auf der Intensivstation überwacht und dort auch die Nacht auf Dienstag verbringen», wurde der Vater zitiert.

Schon zuvor waren Details zum Unfallhergang aufgetaucht. Ferrari-Nachwuchsfahrer Guanyu Zhou, der unmittelbar hinter Flörsch positioniert war, sagte, er habe auf der Geraden gelbe Warnlampen gesehen, weshalb Daruvala das Tempo verringert habe. «Ich denke, das war ein Organisationsfehler. Sophia war sehr nahe an Jehan dran, und als der früh bremste, hatte sie keine Zeit zu reagieren», sagt der Chinese. «Sie hat mit ihrem Auto den rechten Hinterreifen von Jehans Auto getroffen und wurde in die Luft geschleudert.» Der Automobil-Weltverband FIA hat eine Untersuchung eingeleitet.

Drei Tote seit 2012

Der schwere Crash wirft wieder einmal die Frage auf, ob Rennen auf dem Guia Circuit, wo seit 1954 gefahren wird, nicht zu gefährlich sind. Natürlich hätte ein solches Unglück auch auf einer anderen Strecke passieren können, doch auf den 6,115 km in der chinesischen Sonderverwaltungszone sind schwere Unfälle Teil des Spektakels. Weil der höchst anspruchsvolle Stadtkurs derart eng ist und über keine Auslaufzonen verfügt, kommt es regelmässig zu Massenkarambolagen. Und hin und wieder zu Todesfällen.


Ein Höllenritt vom Rennwochenende 2018 aus der Fahrerperspektive. (Video: Tamedia/Twitter)

2012 traf es innert 24 Stunden Töffpilot Luís Carreira aus Portugal und den chinesischen Tourenwagen-Fahrer Phillip Yau Wing-choi. Im vergangenen Jahr starb der Brite Dan Hegarty, nachdem er die Kontrolle über sein Motorrad verloren hatte.

Maximal 94 Prozent Risiko

Dass in Macao im Gegensatz zu anderen Stadtkursen auch Töffrennen stattfinden, stösst vielerorts auf Unverständnis. Doch die Fahrer kommen immer wieder. Die Faszination, sich bei Höllentempo millimetergenau durch die Häuserschluchten zu schlängeln, zieht sie magisch an. Michael Rutter, mit acht Triumphen Rekordsieger des Motorrad-GPs, sagte einmal: «Als ich zum ersten Mal hier fuhr, habe ich mir vor Angst in die Hose geschissen.» Für den Briten sind Kurse wie jener in Macao aber längst das Nonplusultra. Er sagt: «Man muss alles unter Kontrolle haben, und deshalb riskiere ich hier maximal 94 Prozent.»

Die meisten Fahrer sehen im Spiel mit der Gefahr, im Tanz auf der Rasierklinge eine besondere Herausforderung, der sie sich stellen wollen. Daniel Ticktum, der britische Sieger des Formel-3-Rennens vom Sonntag, sagt: «Ich habe mich das erste Mal, als ich hier war, in die Strecke verliebt.» Auch Mick Schumacher zählt Macao zu seinen bevorzugten Kursen.

«Mein Leben ist mir wichtiger als ein Autorennen»

Und doch gibt es Fahrer, die den Guia Circuit meiden. Der Deutsche René Rast, diesjähriger Gesamtzweiter der DTM, schilderte kürzlich, dass er vor einigen Jahren bei Tempo 270 die Kontrolle über sein Auto verloren habe. «Hätte ich es in der Situation nicht abfangen können, wäre ich vermutlich nicht mehr ausgestiegen. Seitdem fahre ich in Macao nicht mehr.»

Sein Verzicht habe nichts mit Angst oder Respekt zu tun, sondern «mit gesundem Menschenverstand», stellte er klar. «Da muss man sein Gehirn ausschalten und einfach fahren. Dazu bin ich nicht bereit.» Denn: «Mein Leben ist mir wichtiger als ein Autorennen.»

Motorsport

(kai)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Speedy am 19.11.2018 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    Bemerkenswert ist sicher,

    dass die Fahrerin diesen Crash überlebte. Das war alles andere als selbstverständlich. Da flogen einige Schutzengel mit.

  • Herr Max Bänzli Live Total am 19.11.2018 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Warum die Todesstrecke Fahrer magisch anzieht, ist eine gute Frage

  • A.Surrer am 19.11.2018 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrfehler

    also, dies war ganz einfach ein Fahrfehler ihrerseits. Sie ist nicht auf die Bremse getreten! Nur so entsteht so viel Energie wie im Video zu sehen ist. Die Daten werden dies bestätigen. Es ist interessant das dies eigentlich so selten passiert, immerhin fahren die mit eine externen Geschwindigkeit nur wenige Zentimeter hintereinander her. Rechnet einmal aus wie hoch bei 200KM/h und 50 cm Distanz die Reaktionszeit ist!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Speedy am 19.11.2018 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    Bemerkenswert ist sicher,

    dass die Fahrerin diesen Crash überlebte. Das war alles andere als selbstverständlich. Da flogen einige Schutzengel mit.

  • Auto Nom am 19.11.2018 18:51 Report Diesen Beitrag melden

    Krasser Fahrfehler?

    Alle fahren mehr oder weniger easy um diese Ecke, nur Sie donnert wie der Blitz durch das Bild. Irgendwie schon komisch.

  • Rudiwundertsichsehr am 19.11.2018 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So etwas ist unglaublich......

    warum wird diese Rennstrecke nicht verboten? Oder sucht man extra Todesopfer?

  • René B. am 19.11.2018 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gefährlich

    Das ist nur für erfahrene Piloten, die anderen sollten es wirklich lassen, wenn ihnen das Leben lieb ist. Das schlimmste ist dass auch die anderen gefährdet werden.

  • Go for all am 19.11.2018 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit 17 sollte man noch nicht fahren dürfen.

    Ist halt doch noch etwas jung. Erfahrung ist da noch nicht auf einem Niveau was es braucht. Jung und ungestüm, kann zum Verhängnis werden, wenn man die Grenzen noch nicht erfahren hat. Wenns der Papa bezahlt, ist auch Talent nicht das Mass aller Dinge.

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