Fall Cancellara

03. Juni 2010 14:51; Akt: 04.06.2010 11:17 Print

«Schlimmer als Doping - das ist Betrug»

von Patrick Toggweiler - Gibt es sie, oder gibt es sie nicht – Rad-Profis, die auf motorisierte Velos zurückgreifen? Fans, Teambesitzer und die UCI sind nervös.

Das Video eines italienischen Videojournalisten, das Fabian Cancellara belasten soll (Video: YouTube).
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Rad-Profis sollen Motoren in ihren Rennrädern versteckt haben. Das Gerücht, das mit einem Bericht der italienischen Zeitung «L’Avvenire» ins Rollen gebracht wurde, zieht mittlerweile weite Kreise. Die RAI präsentierte ein auf diese Weise getuntes Velo und zeigte, wie der Beschiss funktionieren soll. Darauf schnippelte ein italienischer Videojournalist Stilstudien von Fabian Cancellaras Antritten bei Paris – Roubaix und der Flandern-Rundfahrt zusammen und stellte damit den direkten Zusammenhang zum Schweizer Überfahrer her (20 Minuten Online berichtete). Die Aufruhr war gross. Das «Bastel-Video» hat auf YouTube mittlerweile über 1,3 Millionen Klicks.

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Angriff ist die beste Verteidigung

Einer, der am lautesten brüllt, ist Patrick Lefevre. Teammanager von Quick Step und damit Chef von Tom Boonen. Boonen war derjenige Fahrer, der von Fabian Cancellara beim obengenannten Rennen regelrecht stehen gelassen wurde. Gegenüber der belgischen Zeitung «Nieuwsblad» poltert der Quick-Step-Mann: «Den Film [der RAI] habe ich mit Argusaugen betrachtet. Ich beginne zu zweifeln. Ich beschuldige aber niemanden. Ich will, dass die UCI den Fall gründlich untersucht. Wenn das wahr ist, ist das schlimmer als Doping. Das ist Betrug.»

Die UCI handelt

Der Weltradsportverband UCI lässt derweil keine Gelegenheit aus, um zu versichern, man nehme die Angelegenheit ernst und werde Untersuchungen einleiten. Gleichzeitig wird aber betont, dass bisher keine Indizien darauf hindeuten, dass sich motorisierte Velos im Feld befinden und sich ein solcher Missbrauch im Nachhinein sowieso nicht nachweisen lasse. Um in Zukunft solchen Diskussionen vorzubeugen, arbeitet die UCI an einem Scanner, welcher bei der Materialprüfung zum Einsatz kommen soll.

Alarmierender als die Aussagen der UCI sind diejenigen von Marco Bognetti, einem ehemaligen Mitglied der Technikkommission des Radsportverbandes: «Es ist alles wahr. Es gibt Teams und Fahrer, die unter Verdacht stehen. Zum ersten Mal hörten wir letzten Juli davon, während der Tour de France», sagte er gegenüber der italienische Zeitung «l’Avvenire». Mit dieser Aussage entzündete Bognetti das Feuer, in welches in den letzten Tagen so viel Öl gegossen wurde. Fans geraten in Wallung und in Radsport-Diskussionsforen wird fleissig verdächtigt und entlastet. Vor allem was die technische Umsetzung betrifft.

Die Gewichts-Debatte

Gegen den Einsatz eines Motors spricht das zusätzliche Gewicht. Aggregat und Batterie addieren dem Rennrad zusätzliche Kilos. Der im Fachhandel erhältliche Gruber-Assist-Motor wiegt 900 Gramm, bis zu 1,7 Kilogramm die Batterie. Kein Fahrer würde sich mit zusätzlichem Gewicht belasten. Das wäre kontraproduktiv.

Gegen diese Theorie spricht, dass Profi-Rennräder derart leicht sind, dass sie sowieso mit zusätzlichen Gewichten ausgestattet werden müssen, um das von der UCI vorgeschriebene Mindestgewicht (6,8 Kilogramm) zu erreichen.

Die Motor-Batterie-Diskussion

Tatsächlich arbeitet der Gruber-Motor im Innern des Rennrades alles andere als geräuschlos (siehe Video unten). Das wäre aber eine Bedingung für den Einsatz in einem Profirennen. Das verräterische Geräusch wäre an der «Mauer von Geraardsbergen» den vielen Zuschauern oder zuvor Cancellaras Konkurrenten aufgefallen. Die Existenz eines leisen, im Velorahmen versteckbaren und dennoch genug starken Motors wird bezweifelt.

Ebenfalls in Frage gestellt wird die Batterie: Um sie vor aller Augen zu verbergen, müsste diese deutlich kleiner sein als diejenige des Fachhändlers: Damit brächte sie aber auch weniger Leistung und wäre damit weniger effektiv.

Die Velo-Austausch-Diskussion

57 Kilometer vor dem Ziel der Flandern-Rundfahrt musste Fabian Cancellara sein Rennvelo tauschen. Böse Zungen behaupten, so hätte man ein mit einem Motor ausgerüstetes Fahrrad aus dem Verkehr nehmen können, um es vor Inspektoren und neugierigen Augen zu verbergen (Cancellara musste sich danach allerdings zurück ins Feld kämpfen – bis dahin hätte er allerdings Energie gespart). Eine zweite Interpretation: Erst das Ersatzrad enthielt den versteckten Motor. Verräterische Schrauben, welche auf einen allfälligen Einbau eines Motors hindeuten würden, sind bisher allerdings auf keinen Bildern aufgetaucht.

Auch bei Paris – Roubaix fuhr der Berner nicht mit demselben Rad durch. In diesem Fall wurde 76 Kilometer vor dem Ziel gewechselt.

Misstrauen gegenüber dem Radsport

Dass die Diskussion um motor-betriebene Rennräder derart heftig entflammt, ist ein weiteres Indiz dafür, wie sehr die vielen Dopingsünder dem Radsport geschadet haben. Um die eigene Lüge zu decken, hat Floyd Landis über zwei Millionen investiert. Am Ende dennoch das Geständnis. Aufgrund solcher Vorkommnisse - und zum Teil hanebüchener Ausreden - ist das Image der Profis am Boden. Ihnen wird alles zugetraut. Auch ein Motor im Rennrad. Derweil wurde der italienische Radrennfahrer Pietro Cauccioli wegen Dopings gesperrt. Der Radrennsport dreht sich im Kreis.

Gruber-Assist-Rad mit Geräuschkulisse


(Video: BikeArea)