Iouri Podladtchikov

10. Januar 2020 17:06; Akt: 11.01.2020 19:55 Print

«Die Schmerzen sind schwer auszuhalten»

Kurz vor seinem Comeback macht sich der leidende Halfpipe-Olympiasieger Iouri Podladtchikov Gedanken, ob er weiterhin Snowboard-Profi sein will.

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Iouri Podladtchikov steht kurz vor seinem Comeback. Nächste Woche will er am Heimweltcup in Laax erstmals nach seinem Achillessehnenriss in der Halfpipe starten. Nach zahlreichen Verletzungen in den letzten Jahren weiss er aber nicht, ob er nach wie vor Lust hat, so viel in den Sport zu investieren. Im Februar 2019 stürzt er an der WM in Park City, Utah, in einem Trainingslauf. Dabei reisst die Achillessehne, Podladtchikov muss sich operieren lassen. Im Dezember 2018, drei Tage vor Heiligabend, landet der Zürcher im chinesischen Skiresort Secret Garden unsanft in der Halfpipe. Die Diagnose: Nasenbeinbruch, Gehirnerschütterung, Prellungen. Es ist sein erster Wettkampf nach elfmonatiger Verletzungspause. An den X-Games in Aspen Ende Januar 2018 erleidet er ein Schädel-Hirn-Trauma, das ihn auch die Teilnahme an den Winterspielen in Pyeongchang kostet. Ende Jahr wird auch noch ein Magengeschwür diagnostiziert (zuerst sprachen die Ärzte von einem Tumor), weshalb Podladtchikov in China verspätet in die Saison einsteigt. Pech hat er auch im März 2017, als auf dem Weg zu WM-Silber in Sierra Nevada das Kreuzband im rechten Knie reisst – im letzten Lauf, beim letzten Sprung. Seit seinem Olympiasieg in Sotschi 2014 musste der 31-Jährige zahlreiche Tiefschläge wegstecken. Knapp neun Monate nach seinem Triumph in Russland begann das Unheil, als sich Podladtchikov kurz vor dem Start des Weltcup-Winters einen Knöchelbruch zuzog. Trotz der langen Leidenszeit glaubt Podladtchikov, dass er nächste Woche in Laax den Final erreichen wird.

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Die Frage ist zentral. Sie entscheidet darüber, wie seine nächsten Wochen und Monate, ja wie sein Leben künftig aussehen wird. Sie lautet: Will ich mir das alles noch einmal antun? Iouri Podladtchikov sagt: «Ich weiss noch nicht, ob ich Lust darauf habe. Irgendwann will man mehr geniessen und weniger leiden.»

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31-jährig ist der Zürcher Snowboarder inzwischen, er ist Olympiasieger und Weltmeister in der Halfpipe, eine grosse Figur seines Sports, doch zuletzt war er vor allem ein Gezeichneter seines Sports. Knöchelbruch, Kreuzbandriss, Nasenbeinbruch, Schädel-Hirn-Trauma, Magengeschwür, Riss der Achillessehne: Podladtchikov musste seit seinem Olympiagold 2014 in Sotschi einiges ertragen.

«Ich sah, dass sie mich aufgeben»

Die letzte Verletzung, erlitten im Februar 2019 an der WM in Park City im US-Bundesstaat Utah, hat ihm mehr zugesetzt als alles zuvor. Und Podladtchikov musste erkennen, dass es selbst in seinem Umfeld Zweifel an einer erneuten Auferstehung gab. «Als ich die Achillessehne gerissen hatte, schaute ich den Leuten in die Augen und sah, dass sie mich aufgeben. Auch Leute, die mir richtig nahestehen», sagt er gegenüber SRF.

Der Heilungsprozess war langwierig, elf Monate nach seiner Operation hat Podladtchikov Mühe, herauszufinden, wie viel Training sein Körper erträgt. «Das schwierigste Thema für mich ist, mich zurückzuhalten. An perfekten Tagen nutzt du es normalerweise voll aus und gehst an deine Grenzen. Das kann ich mir momentan aber nicht leisten.» Er will nichts riskieren, denn: «Die Schmerzen sind, wenn sie kommen, schwer auszuhalten. Wenn es richtig wehtut, kann ich praktisch nicht mehr laufen.»

Hart und eintönig

Snowboard fährt er inzwischen wieder ganz gut. Er will nächste Woche am Heimweltcup in Laax, wo am Donnerstag die Halbfinals stattfinden, sein Comeback geben und glaubt, dass er den Final erreichen wird, «das sollte eigentlich kein Problem sein». An Selbstvertrauen fehlt es Podladtchikov nicht, er traut sich auch die erneute Rückkehr an die Weltspitze zu. Mit dem Selbstverständnis des Ausnahmekönners sagt er: «Wenn ich etwas will, ist alles möglich. Aber es braucht einiges, dass ich es will.»

Sein Ehrgeiz erlaubt ihm keine halben Sachen, ihm, der immer gewinnen will. Und Podladtchikov, der im Herbst ein Studium am International Center of Photography in New York begonnen hat, weiss: «Ich müsste nur schon viel investieren, um wieder bei 80 Prozent zu sein.» Er weiss auch, wie «hart und eintönig» das Leben an der Weltspitze ist und er sich «voll und ganz in den Tunnel begeben müsste».

Hat er tatsächlich Lust darauf? Oder will er doch lieber mehr geniessen? Früher oder später wird Podladtchikov diese Frage für sich beantworten müssen.

Wintersport

(kai)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heidi am 10.01.2020 17:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück

    Wenn Iouri von Schmerzen spricht, dann waren es grosse Schmerzen. Er ist hart im nehmen. Ich denke, wenn er nicht mehr gleich unbeschwert in die Pipe fahren kann, wird es gefährlicher. Egal, was er macht, viel Glück für die kommende Zeit!

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  • Hellebarde am 10.01.2020 17:39 Report Diesen Beitrag melden

    In den guten, sowie in schlechten Tagen.

    Zitat. Als meine Achillessehne riss, zeigten alle mit dem Finger auf mich, Du kommst mit dieser Verletzung nicht mehr zurück. Da hatt es mich zerissen! Hallo, nicht nur Podladtschikov, sondern allgemein. Diese Spitzensportler sind fühlende menschliche Wesen. Und wenn sie nicht mehr funktionieren tauscht man sie einfach aus?

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  • nino bosch am 10.01.2020 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Gesundheit geht vor

    Gesundheit geht vor, Podladtchikov hat noch mindestens 50 Jahre seines Lebens vor sich. Er muss sich selber eingestehen (das ist für ihn schwierig....) wenn es nicht mehr zu 100% zu Spitzensport reicht, noch 50 Jahre Hobbysport wäre dann auch noch vernünftiger als 50 Jahre Invalide und zu keinem Sport mehr fähig!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tobi71 am 11.01.2020 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • Melch am 11.01.2020 13:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muss er wissen

    ist doch seine Entscheidung obs geht oder nicht.

  • Snöber am 11.01.2020 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Pat Burgener

    Wäre eigentlich derjenige, der nun in der Öffentlichkeit stehen müsste. Wieso immer nur Iouri?

  • Ida am 11.01.2020 09:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Er will unbedingt im Rollstuhl landen schade das viele super Sportler nicht wissen wollen wen sie die Grenze erreicht ist und Schluss ist

    • houptsach dicke schlitte am 11.01.2020 09:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ida

      wenn einer wegen eines erfolges ein luxusleben führt, kann nicht aufhören

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  • Baba Milunika am 11.01.2020 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    Neid oder was...?

    Wieso so missgünstig?? Verstehe nicht( Ein junger Mensch hat was geleistet, sich auch offenbar überbeansprucht und steckt in einem Dilemma wie weiter. Gehört zu Erwachsen werden. Ich glaube, Schmerzen zwingen ihn zu begreifen dass es auch andere Wege gibt sich zu verwirklichen, nicht nur eigenen Körper 'terrorisieren'. Aber auch das zu begreifen, sich von Altem zu trennen ist- Herausforderung, schmerzhaft. Trau es dir Jouri, entdecke dich neu!