Nach Horrorstürzen

28. Januar 2011 15:23; Akt: 28.01.2011 15:39 Print

«Die leichten Strecken sind oft die gefährlichen»

von Monika Brand - Keppler, Grugger, Scheiber - innert kürzester Zeit sind drei Skirennfahrer schwer gestürzt. Sind die Strecken schuld? Ex-Ski-Ass Hermann Maier sagt nein.

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Der Schweizer stürzte beide Jahre in der Abfahrt und musste schliesslich wegen Lähmungserscheinungen zurücktreten. So viele Überschläge können selbst Kunstturner kaum. Brooker zieht sich beim Sturz am Zielsprung Knieverletzungen, einen Nasenbeinbruch und Ellbogenverletzungen zu. Beim Sturz verfängt er sich in den Netzen bei der Steilhangausfahrt. Nach schweren inneren Verletzungen rettet ihm eine Not-OP das Leben. Das österreichische Talent stürzte im Qualifikationstraining im Ziel-S so schwer, dass es wenig später im Spital seinen Verletzungen erlag. Die Österreicherin stürzt in der Abfahrt und prallt mit dem Kopf in eine Zeitmessanlage. Sie ist auf der Stelle tot. Der Italiener wird bei der Traverse in den Sicherheitszaun geschleudert. Dank seiner Landung im Tiefschnee bleibt er unverletzt. Der Österreicher steht den Zielsprung nicht. Er bleibt unverletzt. Österreichs Star legt bei der Olympia-Abfahrt einen Jahrhundertsturz hin. Er bleibt praktisch unverletzt und wird Tage später Doppel-Olympiasieger. Der Österreicher stürzt bei der Hausbergkante. Ein Trümmerbruch im Oberschenkel, Absplitterungen an der Hüftpfanne, Seitenbandriss im Knie und eine Lungenquetschung beenden seine Karriere. Die Französin prallt im Abfahrtstraining mit dem deutschen Trainer Markus Anwander zusammen und stirbt später im Spital. Der Deutsche überlebt. Der Sturz in der Abfahrt hatte fatale Folgen. Er durchbrach eine Werbebande, schlug auf einem Stein auf und ist seither querschnittgelähmt. Der Österreicher macht sich beim Zielsprung im linken Knie alles kaputt. Er kehrt zurück, aber nie mehr so stark wie vor dem Unfall. Der Ex-Weltmeister stürzte beim Weltcupfinale in der Abfahrt. Wegen Knieproblemen musste er seine Karriere beenden. Der Norweger verletzte sich bei einem Sturz im Abfahrtstraining schwer und die Saison war vorbei. Ein Jahr später gewann Svindal in Beaver Creek die Abfahrt. Der Amerikaner stürzte beim Zielsprung schwer und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Heute fährt er wieder Rennen. Der Österreicher zog sich beim Super-G schwere Beinverletzungen zu. Wegen Gefässverletzungen musste sein linkes Bein amputiert werden. Der Schweizer stürzte beim Zielsprung fürchterlich und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Er erholte sich vom schweren Sturz und gab im Dezember 2010 in Beaver Creek sein Comeback. Der Österreicher stürzt in der Mausefalle und zieht sich ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Über den genauen Gesundheitszustand ist bis jetzt nichts weiteres bekannt.

Die schlimmsten Ski-Unfälle

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Das neue Jahr hat dem Ski-Zirkus noch nicht viel Gutes gebracht. Gleich drei üble Stürze gab es bereits: Zuerst Stephan Keppler, dann Hans Grugger und jetzt Mario Scheiber (siehe Info-Box rechts unten). Während Keppler und Scheiber verhältnismässig glimpflich davonkamen, liegt der Österreicher Grugger seit seinem Trainingsunfall am 20. Januar in Kitzbühel im künstlichen Koma. Die Sicherheitsdiskussion ist damit einmal mehr neu entfacht. Immer schneller, immer steiler, immer schwieriger - wird mit dem Leben der Skirennfahrer gespielt? Ex-Ski-Ass Hermann Maier glaubt nicht, dass die Pisten heute zu hart und zu eisig sind. «Zwischen 1998 und 2000 sind wir teilweise auf blankem Eis gefahren», sagt er im Interview mit «oe24.at». «Gefährlich sind die wechselnden Bedingungen. Man muss sich das wie beim Autofahren vorstellen: Da hab ich mit Sommerreifen im Trockenen kein Problem, doch wenn plötzlich eine Stelle mit Schnee kommt, bin ich weg.» Deshalb sei die Abstimmung sehr wichtig. Für diesen Ausdruck sei er zu seiner Aktivzeit belächelt worden. «Jetzt hört man ihn die ganze Zeit», so der «Herminator».

Dass sich die Stürze in letzter Zeit gehäuft haben, ist für den zweifachen Olympiasieger, der 2009 zurücktrat, Zufall. «Oft kommt einiges zusammen und man kann es sich nicht unmittelbar erklären», sagt Maier. «Das war auch in der Formel 1 so, als am selben Wochenende Senna und Ratzenberger verunglückt sind.» Eine Erklärung hat der 38-Jährige dafür, warum Mario Scheiber am Donnerstag ausgerechnet auf der vermeintlich leichten Strecke von Chamonix verunglückt ist. «Es gibt keine leichten Strecken mehr, nur technisch mehr oder weniger anspruchsvolle. Die vermeintlich leichten sind oft die gefährlichen», so der Österreicher, der sich einst bei einem Sturz auf derselben Piste die Hand brach. «Weil die Läufer gezwungen sind, ans Limit und darüber hinaus zu gehen, um mitzumischen. Dort ist der Kreis der Sieganwärter nämlich noch grösser.»

«Wenn du schnell bist, hören sie nicht auf dich»

Auch wenn Maier die Schuld nicht auf die Strecken schieben will, beim Material und anderen Sicherheitsvorkehrungen sieht er Verbesserungspotenzial. Er habe bereits früher auf Sicherheitsmängel hingewiesen, so der einstige Speedspezialist. «Aber wenn du schnell bist, hören sie (die Verantwortlichen, Anm. d. Red.) nicht auf dich, weil sie glauben, du willst was Neues zu deinem Vorteil ausnützen.» Da seien beispielsweise sinnvolle Dinge wie Protektoren verboten worden. Maier: «Theorie, For­schung und Wissenschaft sind gut, aber bringen vielleicht 20 Prozent. Das A und B ist die praktische Erfahrung. Sonst weiss ja keiner, was auf einer Abfahrt wirklich passiert. Und die wenigsten wissen, wie komplex der Skirennsport ist: Fahrerisches Können, Fitness, Mut, Koordination, Material – alles muss passen.» Deshalb wäre der vierfache Gesamtweltcup-Sieger gerne bereit, bei der Weiterentwicklung der Fahrersicherheit mitzuhelfen. «Nicht über die Medien», so Maier. «Wenn, dann will ich Nägel mit Köpfen machen. Sollte jemand von Ver­bandsseite (FIS, ÖSV; Anm. d. Red.) an mich herantreten, kann man über alles reden. Ich hätte jedenfalls einiges zu sagen.»

ÖSV bittet Uni Innsbruck um Hilfe

Der Österreichische Skiverband hat unterdessen die Universität Innsbruck gebeten, umgehend verschiedene für die Verbesserung der Sicherheit im Skisport wesentliche Faktoren zu untersuchen. Dazu zählen die Geländeprofile bei Sprüngen, die Optimierung der Schutzfunktion protektiver Ausrüstung sowie Möglichkeiten zur Verringerung der Geschwindigkeit und des damit verbundenen Gefahrenpotentials. Damit reagiert der ÖSV auf die jüngste Entwicklung im Skirennsport. «Wie die Statistik zeigt, hat das Verletzungsrisiko trotz, oder vielleicht sogar wegen, verschiendener Regeländerungen in letzter Zeit nicht ab-, sondern sogar zugenommen», steht in einer Pressemitteilung des Verbands. Von dem Vorgehen erhofft man sich «fundierte Aufschlüsse, die möglichst rasch in wirksame Massnahmen umgesetzt werden können».

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dude am 28.01.2011 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Material

    Aus meiner Sicht wäre es evtl. eine Möglichkeit die Ski nicht soooo hart zu machen. Vor allem die Torsion! das ist ja Wahnsinn wie hart und agressiv die Renn-Ski's geworden sind! Ein Kantenfehler und das Kreuzband würde uns Hobby-Fahrern sofort im Stich lassen. Piste, Netze, Geschwindigkeit haben sich gut entwickelt finde ich... Bemängeln würde ich noch die teilweise schlechte Erstversorgung je nach Ort (zB: Kvitfjell)

  • alter Finne am 28.01.2011 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrer überschätzen sich

    Da gibt es wohl noch einen weiteren Grund, den keiner auszusprechen wagt: Die Fahrer überschätzen sich. Das war bei Grugger nicht der Fall, aber z.B. ganz klar bei Keppler im Kernen-S. Einer der kaum je in die Top-15 fährt, sollte vielleicht nicht versuchen, das Kernen-S auf Zug zu fahren, bloss weil es letztes Jahr Janka gelang. Das war schlicht dumm von Kepler. Russi hat übrigens während des Rennens auch sehr subtil darauf hingewiesen. Bei den Frauen ist es noch viel krasser, ausser Vonn fährt eigentlich keine in einer Art und Weise, die man als beherrscht bezeichnen könnte...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dude am 28.01.2011 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Material

    Aus meiner Sicht wäre es evtl. eine Möglichkeit die Ski nicht soooo hart zu machen. Vor allem die Torsion! das ist ja Wahnsinn wie hart und agressiv die Renn-Ski's geworden sind! Ein Kantenfehler und das Kreuzband würde uns Hobby-Fahrern sofort im Stich lassen. Piste, Netze, Geschwindigkeit haben sich gut entwickelt finde ich... Bemängeln würde ich noch die teilweise schlechte Erstversorgung je nach Ort (zB: Kvitfjell)

  • alter Finne am 28.01.2011 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrer überschätzen sich

    Da gibt es wohl noch einen weiteren Grund, den keiner auszusprechen wagt: Die Fahrer überschätzen sich. Das war bei Grugger nicht der Fall, aber z.B. ganz klar bei Keppler im Kernen-S. Einer der kaum je in die Top-15 fährt, sollte vielleicht nicht versuchen, das Kernen-S auf Zug zu fahren, bloss weil es letztes Jahr Janka gelang. Das war schlicht dumm von Kepler. Russi hat übrigens während des Rennens auch sehr subtil darauf hingewiesen. Bei den Frauen ist es noch viel krasser, ausser Vonn fährt eigentlich keine in einer Art und Weise, die man als beherrscht bezeichnen könnte...

    • Dude am 28.01.2011 16:48 Report Diesen Beitrag melden

      müssen sie ja

      Wie will man schnell sein, wenn man nicht voll von sich überzeugt ist? Schlussendlich kann auch ein Keppler nicht abschätzen ob er sich zu viel zutraut und sich überschätzt...sonst könnte er seine Renn-Ski an den Nagel hängen. Lindsey Vonn ist ein schlechtes Beispiel. Sie fährt auch schnelleres Material. Wenn bei ihr mal was passiert, dann könnte es schlimm enden - hoffe aber nicht. Es gibt eigentlich sicherere Fahrerinnen als Vonn!

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