Party in Oslos Wäldern

01. März 2011 10:38; Akt: 01.03.2011 11:32 Print

Feiern mit kälteresistenten Waldbewohnern

Die Norweger zelebrieren die Nordische Ski-WM wie niemand sonst. Die Wälder um den Osloer Holmenkollen werden trotz Minustemperaturen zur Festhütte.

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Im grossen Zeltdorf in den Wäldern entlang der Strecke, wo die hartgesottenen Fans übernachten, gibt es einen Exoten. Er heisst Ivan und kommt aus Sofia. Ivan reist von Bulgarien aus per Autostopp durch Europa. Vom Nordkap her ist er am Nabel der nordischen Skiwelt gelandet. «Alles purer Zufall, aber einen besseren Zufall könnte ich mir nicht vorstellen», sagt Ivan. Es ist bald Mitternacht und Ivan sitzt mit seinen neuen Freunden am Lagerfeuer und philosophiert.

Er ist umgeben von lauter Skandinaviern - ganz vielen Norwegern und einigen Schweden, die sich glänzend verstehen, wenn nicht gerade ein Rennen läuft. Auch einige Schulfreunde von Marcus Hellner campen hier. Den Temperaturschock haben sie verdaut. Zu Hause in Gällivare, im schwedischen Teil Lapplands, war es vor drei Wochen noch minus 45 Grad kalt. Jetzt geniessen die WM-Touristen die norwegische «Wärme». Minus fünf zeigt das Thermometer in dem Moment an.

Sittenwächter des Langlaufsports

Mit ihrem ehemaligen Klassenkameraden Hellner sind die Jungs aus dem ganz hohen Norden übrigens trotz des WM-Titels im Sprint nicht so recht zufrieden. «Sprint - das hat doch mit Langlauf nichts zu tun», sagt einer. Die Skepsis gegenüber den neuen Rennformaten hat auch die junge Generation nicht abgestreift. Wenn es um Langlauf geht, sehen sich viele Skandinavier als Sittenwächter und Bewahrer des Traditionellen. Sie lieben die Rennen mit Einzelstart, wenn im 30-Sekunden-Takt einer oder eine vorbeihuscht. Nur noch zwei der zwölf WM-Entscheidungen fallen so.

Rund 200 grosse Zelte stehen in den offiziellen Camping-Zonen am Holmenkollen. Noch herrscht die Ruhe vor dem grossen Sturm, haben die Dauergäste das Terrain für sich. Spätestens am Wochenende, mit dem «Fünfziger» am Sonntag als krönendem Abschluss, werden Tausende die Wälder ausserhalb des Stadions bevölkern und in eine Festhütte verwandeln.

Im Vollsuff vergast

Eine Gruppe gesitteter Norweger mittleren Alters stimmt sich schon einmal ein. Die wackeren Männer und Frauen haben einen grossen Container mit Vorräten an fester und flüssiger Nahrung neben ihre Zelte gestellt. Am Samstag offerieren sie der Festgemeinde ein Buffet mit norwegischen Spezialitäten, eine Kapelle spielt dann auch. In redimensionierter Form pflegt die Gruppe den Brauch auch an nordischen Ski-Weltmeisterschaften im Rest der Welt.

Die Müllabfuhr erfolgt regelmässig - und auf Schneetöffs. Es braucht aber auch Patrouillen, die schauen, dass nicht zu viel Unfug getrieben wird. Obwohl Feuerholz bereitgestellt wird, haben Campierer auch schon zur Kettensäge gegriffen und kurzerhand einen Baum gefällt. Die Verantwortlichen fürchten sich vor Unfällen, gerade weil im Durchschnitt weit über den Durst getrunken wird. 1997 an der WM in Trondheim hatte sich einer im Vollsuff in seinem Zelt vergast.

Wenn der Prinz die Königin küsst

In Oslo gibt es neben den Waldbewohnern auch ein richtig urbanes WM-Volk. Die Leute pilgern zu Zehntausenden von der Stadt an den Holmenkollen. Der Andrang übertrifft alle Erwartungen, verstopft die S-Bahn-Linie - und hat schon dem einen oder anderen das WM-Fest verdorben. Seit einer Krisensitzung am Samstag werden nun auch Busse eingesetzt. Am Abend kommt die Masse auf dem Platz vor der Universität zusammen. Die Siegerehrungen sind ein grosses Happening. Die Sportler hatten gewünscht, sich für einige Momente wie Popstars fühlen zu können. Das war dem OK Befehl.

Die Bühne ist riesig, die Medaillengewinner werden in einem Rahmen präsentiert, der die Zeremonien an den Olympischen Spielen in Vancouver an Pomp übertrifft. Prinz Haakon gibt sich volksnah, schreitet in der gleichen Jacke zur Tat wie die rund 2000 freiwilligen Helfer - und küsst die Athletinnen auf dem Podest sogar ab. Auch Haakon weiss, wer in diesen Tagen die wahren Royals sind: König Petter und Königin Marit. Die Langlauf-Superstars Northug und Björgen holen ihre Goldmedaillen passend in goldenen Mänteln ab. Die Leute sind glücklich, die Welt ist schön.

(sda)