John McEnroe

22. Februar 2011 07:27; Akt: 22.02.2011 07:27 Print

«Es wäre verrückt, Federer abzuschreiben»

von Sandro Compagno - Nach drei Wochen Pause startet Roger Federer bei seinem «Heimturnier» in Dubai. Tennis-Legende John McEnroe glaubt, dass der Basler «noch einige» Majors gewinnen kann.

storybild

Auch mit 52 noch gut im Schuss: John McEnroe wird im März am BNP Paribas Zurich Open spielen. (Foto: Keystone)

Fehler gesehen?

John McEnroe, nach dem Sieg von Novak Djokovic am Australian Open wird wieder einmal von einer Wachtablösung und dem Ende der Dominanz von Roger Federer und Rafael Nadal geschrieben und gesprochen. Was halten Sie davon?
John McEnroe:
Das ist reine Spekulation. Keiner weiss, was noch kommen wird. Aber so läuft das heutzutage: Man stellt jemanden aufs Podest, nur um ihn von dort herunterzustossen. Und jeder will dabei der erste sein, um später behaupten zu können, er habe es kommen sehen. Das ist wie in der Lotterie: Wenn du immer auf die gleichen Zahlen setzt, gewinnst du irgendwann. Roger und Rafa jetzt abzuschreiben, wäre verrückt. Sicher wird Roger Federer nicht jünger und sicher zahlt Rafael Nadal für seinen physischen Stil einen Preis. Aber sie sind immer noch die beiden besten Spieler der Welt.

Und Djokovic?
Es ist gut für das Tennis, wenn ein neuer Name die Spitze aufmischt. Ich hoffe, da kommen noch mehr. Ich bin sicher, da kommen noch mehr – die Frage ist nur wann. Aber Roger wird noch einige Majors gewinnen... und Rafa auch.

Roger Federer hat im Herbst 2010 seine Taktik etwas verändert, was sich zunächst auch auszahlte. Aber im Halbfinal von Melbourne gegen Djokovic fand er kein Rezept.
Offen gestanden, kann ich keine grossen Veränderungen an Rogers Spiel erkennen. Natürlich verlässt er die Grundlinie etwas öfter und geht häufiger ans Netz. Aber das heisst für mich nicht, dass er seine Taktik grundlegend verändert hat. Und was Melbourne betrifft: Djokovic hat dort einfach sehr gut gespielt, hat sich exzellent bewegt.

Erstmals seit 2003 stand Federer an vier Grand-Slam-Turnieren in Folge nicht im Final. Was trauen Sie ihm noch zu?
Wie gesagt, er wird noch einige Majors gewinnen. Aber es wird schwierig. Er hat so viel gewonnen, dass es nicht einfach sein wird, die Motivation aufrechtzuerhalten. Auch muss er gesund bleiben. Aber ich bin immer wieder überrascht zu sehen, wie sehr Roger dieser Spiel noch liebt. Und schauen wir uns doch die letzten fünf Grand-Slam-Turniere an: Er gewann 2010 in Australien und erreichte danach zweimal die Viertelfinals und zweimal die Halbfinals. Die meisten Spieler wären glücklich über eine solche Bilanz – obgleich sie natürlich nicht den Standards eines Roger Federer entspricht.

Sie haben Roger Federers Alter angesprochen. Gab es in Ihrer Karriere einen Punkt oder ein Spiel, wo Sie das Alter erstmals spürten?
Ich erinnere mich an eine Exhibition 1986 oder 1987 gegen Boris Becker. Ich habe nie jemanden härter schlagen und besser servieren sehen als Becker – und er war damals erst 18. Er ist für mich der beste Aufschläger in der Tennisgeschichte. Ein paar Jahre später spielte ich gegen einen ziemlich unbekannten Jungen namens Pete Sampras. Ich dachte, mit dem komme ich aufgrund meiner Erfahrung schon zurecht, doch er bombte mich vom Platz! Die Kids damals wuchsen mit einer Power auf, die ich nicht kannte. Da wurde mir klar, dass es für mich schwierig würde. Meine Physis liess nach, ich bewegte mich nicht mehr so gut. Ich probierte danach noch ein paar Dinge aus, aber es hat nichts genützt.

Wir sprechen hier in einer Runde mit Schweizer Journalisten. Das heisst, dass Sie fast nur Fragen über Roger Federer beantworten müssen. Nervt Sie das als ehemalige Nummer 1 oder ist das okay?

Das ist kein Problem. Für mich ist Roger Federer der vielleicht beste Tennisspieler der Welt. Ich liebe es, ihm beim Spielen zuzuschauen. Roger ist ein wunderbarer Tennisspieler und ein toller Mensch. Er liebt dieses Spiel, er liebt es, draussen auf dem Platz zu stehen. Ich wünsche mir, ich hätte es ebenso geliebt. Roger verdient diesen Respekt. Und ich hoffe, er bleibt uns noch ein paar Jahre erhalten.

Ihre Zeit war geprägt von Ihrem Zweikampf mit Björn Borg. Erkennen Sie sich und den Schweden wieder, wenn Sie heute Federer und Nadal sehen?
Die Zeiten und das Tennis haben sich verändert seither. Ein wichtiger Teil der Rivalität zwischen Björn und mir lag auch in unseren Persönlichkeiten. Wir waren total verschiedene Typen auf und neben dem Platz, hatten ganz unterschiedliche Stile. Tennis hat viel mit Persönlichkeit zu tun. Wenn ich zurückblicke, denke ich, damals hatten wir mehr Typen in unserem Sport als heute. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass damals weniger Geld zu verdienen war. Heute sind die Spieler anders, sie schlagen die Bälle härter und besser, aber etwas fehlt. Nicht bei diesen beiden natürlich! Aber ich wünsche mir, dass man mehr tut, um der heutigen Generation die Geschichte dieses Sports zu vermitteln. Ich habe mir am Wochenende das Allstar-Game der NBA angeschaut. Da traten all diese alten, längst zurückgetretenen Spieler wieder auf. Ich wünsche mir manchmal auch etwas mehr Geschichtsbewusstsein im Tennis.

Schwingt da etwas Verbitterung mit?
Nein, keine Verbitterung. Aber dieser Sport hat eine Vergangenheit, der man etwas mehr Respekt zollen soll.