Tysons Selbstabrechnung

31. Dezember 2011 15:29; Akt: 31.12.2011 15:29 Print

«Ich war ein besessener Irrer»

Der frühere Schwergewichts-Boxweltmeister Mike Tyson ist mit sich selbst genauso gnadenlos wie mit seinen früheren Gegnern. In einem Interview nimmt «Iron Mike» jedenfalls kein Blatt vor den Mund.

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1986 wird Mike Tyson im Alter von 20 Jahren jüngster Schwergewichts-Weltmeister aller Zeiten. Er besiegt in Las Vegas WBC-Champion Trevor Berbick in der zweiten Runde durch K.o. Unter der strengen Hand von Trainerlegende Cus D'Amato wurde Tyson zum besten «Peek-a-boo»-Boxer der späten 80er-Jahre. Mit dem Tod von D'Amato und dem von Promoter Don King geförderten Imagewechsel zum «bösesten Mann des Planeten» kamen aber die Probleme. Zusammen mit King erobert «Iron Mike» zwar die Boxwelt im Eilzugstempo. Neben dem Ring sorgte Tyson aber immer wieder für Aufsehen. Die Ehe mit Schauspielerin Robin Givens, die er 1988 heiratete, ging nach nur einem Jahr in die Brüche. Der Anfang vom Ende: Am 10. Februar 1990 schlug James «Buster» Douglas den für unschlagbar gehaltenen Mike Tyson k.o. Es war die erste Niederlage im 37. Profikampf des Amerikaners. Es geht weiter abwärts: Nach häuslicher Gewalt, Schlägereien, sexueller Belästigung und Körperverletzung wird Tyson 1992 wegen Vergewaltigung einer Miss-Wahl-Kandidatin verurteilt. Im Gefängnis konvertiert Tyson zum Islam und gibt sich den Namen «Abdul Aziz». Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung 1995 ist Mike Tyson ein gefragter Mann. Sogar beim Wrestling hat der Boxer grosse Auftritte. Im Ring läufts gegen – zugegeben – nicht gerade die stärksten Gegner auch nicht schlecht. 1996 wird Tyson nach seinem K-o.-Sieg über Frank Bruno wieder Weltmeister. Nach der Niederlage 1996 gegen Evander Holyfield folgt im Rückkampf aber der wohl grösste Skandal der Boxgeschichte. 1997 beisst Tyson seinem Gegner in der dritten Runde ein Stück des Ohrs ab und wird disqualifziert. Tyson verliert daraufhin seine Box-Lizenz und muss drei Millionen Dollar Strafe zahlen. 1999 darf Tyson, dem ein ärztliches Gutachten Depressionen und mangelndes Selbstwertgefühl attestiert, wieder in den Ring. Gegen Francois Botha gewann Tyson zwar, zeigte aber boxerische Mängel und fiel durch einen Kopfstoss erneut negativ auf. Der Ex-Champion wird wegen Körperverletzung erneut zu einer Haftstrafe verurteilt. Im Jahr 2000 steht Tyson auf dem boxerischen Abstellgleis. 2002 darf Tyson gegen WBC/IBF-Champion Lennox Lewis endlich wieder um einen WM-Gürtel kämpfen. Die erste Schlägerei gibts bereits bei der Pressekonferenz. Im Ring ist Tyson, der angekündigt hatte, Lewis «das Herz herauszureissen und dessen Kinder zu fressen», chancenlos. Er wird in der 8. Runde ausgezählt. 2003 ist Mike Tyson bankrott. Ausserdem steht die Scheidung von seiner zweiten Frau Monica an. 2003 präsentiert «Iron Mike» sein neues Gesichts-Tattoo. Wegen Geldnot tritt Tyson immer wieder in den Ring, doch er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Seinen letzten Kampf bestreitet Tyson am 11. Juni 2005 gegen Kevin McBride. Sein Trainer wirft nach sechs Runden das Handtuch. Tyson erklärt seinen Rücktritt, weil er sich nicht mehr durch solche Auftritte lächerlich machen wolle. Die Negativ-Schlagzeilen hören auch nach dem Rücktritt nicht auf: 2007 wird Tyson wegen Drogenbesitzes wieder einmal verhaftet. Nach dem Unfalltod seiner Tochter im Mai 2009, der ihn sehr mitnimmt, ändert Tyson sein Leben radikal. Sein neues Hobby: Tauben züchten. Der Ex-Champion schafft den Turnaround: 2009 versöhnt er sich bei der öffentlich mit Evander Holyfield. 2009 erscheint ein äusserst populäres Videogame mit dem Ex-Boxer. Im Kassenhit Hangover spielt Mike Tyson sich selbst und darf mit seinen Kumpels 2010 sogar zur Golden-Globe-Verleihung. Mike Tyson 2010 mit seiner aktuellen Ehefrau Lakiha Spicer. 2011 wird Tyson in die Hall of Fame des Boxsports aufgenommen. Mit dabei ist auch «Rocky Balboa» Sylvester Stallone. Nachdem er sein ganzes Vermögen von 300 Millionen Dollar verprasst hatte, steht Tyson wieder auf finanziell gesunden Füssen. Ende Juli 2013 wird bekannt, dass Tyson auf die Bretter zurückkehrt. Allerdings nicht als aktiver Boxer, sondern als Promoter. Sein Ziel ist es, eines Tages einen amerikanischen Schwergewichts-Weltmeister herauszubringen.

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«Ich war ein Arschloch, ein Spinner, ein Verrückter, ein besessener Irrer. Im ersten Teil meines Lebens war ich dabei, mich selbst zu zerstören. Ich hätte nie gedacht, dass ich 30 werde. Ich bin froh, dass ich noch lebe», sagte «Iron Mike» in einem Gespräch mit dem Nachrichten-Magazin Spiegel. Den «exzessiven», den «wahren Mike», sagte Tyson, gebe es nicht mehr.

«Iron-Mike», bis heute jüngster Champion in der Geschichte des Schwergewichts, äusserte sich auch zu seiner Drogensucht als Profiboxer. «Es wird nie mehr einen Boxer geben, der mehr Pillen schluckt, als ich es getan habe. Ich war ein zorniger junger Mann, ein Rebell.» Boxen, sagte Tyson, der drei Jahre Gefängnis wegen Vergewaltigung absass, habe ihn «verrückt gemacht. Mein Ego hat mich verrückt gemacht. Ich war zu jung, alles ging viel zu schnell, ich hatte keine Chance, mich zu entwickeln».

Abrupter Lebenswandel

Seit dem Unfalltod seiner Tochter im Mai 2009 hat er seinen Lebenswandel komplett verändert. «Langeweile bedeutet für mich Sicherheit. Ich bin ein Extremist, kenne nur schwarz oder weiss. Ich trinke keinen Alkohol, ich rauche nicht, nehme keine Drogen. Ich ernähre mich vegan, kein Fleisch, keine Milch, keine Eier. Ich esse Rosinen, Tomatensuppe, trinke Kamillentee. Ich wiege 100 Kilo, vor zwei Jahren waren es noch 160. Ekelhaft», so Tyson.

Ein mögliches Comeback schloss Tyson, der in seiner Karriere 400 Millionen Dollar verdiente und jetzt 27 Millionen Dollar Schulden hat, kategorisch aus: «Ich bin nicht mehr in der Lage, jemanden einzuschüchtern, ich flösse niemandem mehr Angst ein mit meiner Erscheinung. Ich habe den Biss nicht mehr.»

Tyson findet Klitschkos nicht langweilig

Seine Nachfolger als Champion der Königsklasse, Witali und Wladimir Klitschko, nahm er vor der Kritik in Schutz, sie würden «langweilig» boxen. «Die Leute wollen einen Champ, der vernichtet», sagte Tyson, «aber das ist nicht objektiv. Im Boxen geht es ums Gewinnen, und was tun Witali und Wladimir? Sie gewinnen. Sie machen kaum Fehler, sie warten auf ihre Chance wie eine Kobra. Das sieht nicht spektakulär aus, ist aber erfolgreich.»

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • icky am 31.12.2011 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    er hätte der Grösste werden können

    Schade das der Junge keine Disziplin hatte. Ich glaube, er hätte der Grösste werden können. Unglaublich was der mit seinen Gegnern gemacht hat...bis er leider abstürzte.

    einklappen einklappen
  • Tscherry silvia am 31.12.2011 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Klitschkofan

    Einsicht ist immer gut auch wen das Ohr schon abgebissen ist.Tyson bleib beim singen da kannst du den Mund auch weit aufmachen.

  • Marc am 02.01.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mike Tyson

    Ich habe vor einigen Tagen einen Dok über Mike Tyson gesehen. Sehr sehenswert! Abschliessend kann man sagen, dass er den Tod seines Mentors und Trainer D'Amato nie verkraftet hat.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marc am 02.01.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mike Tyson

    Ich habe vor einigen Tagen einen Dok über Mike Tyson gesehen. Sehr sehenswert! Abschliessend kann man sagen, dass er den Tod seines Mentors und Trainer D'Amato nie verkraftet hat.

  • icky am 31.12.2011 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    er hätte der Grösste werden können

    Schade das der Junge keine Disziplin hatte. Ich glaube, er hätte der Grösste werden können. Unglaublich was der mit seinen Gegnern gemacht hat...bis er leider abstürzte.

    • Ricardo Granda am 01.01.2012 07:26 Report Diesen Beitrag melden

      Kommt Zeit, geht Tyson

      Mit Schlagkraft allein kommt mann nicht weiter, es braucht auch ein bisschen Hirn.

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  • Tscherry silvia am 31.12.2011 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Klitschkofan

    Einsicht ist immer gut auch wen das Ohr schon abgebissen ist.Tyson bleib beim singen da kannst du den Mund auch weit aufmachen.

  • sommigust am 31.12.2011 18:28 Report Diesen Beitrag melden

    Aufrichtig ist Super!

    Respekt vor soviel Einsicht! Mike Tysons Kämpfe waren immer ein "Erlebnis"! Danke!

  • darwyn am 31.12.2011 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    IronMike forever

    ich liebe mike tyson! ich hoffe es gibt bald wieder mal einen ähnlichen schwergewichtler, es war einfach herrlich seine kämpfe zu schauen! bis zum nächsten mike tyson vertröste ich mich mit badr hari (k1) - auch sehr sehenswert 8-)