Super Bowl XLV

02. Februar 2011 11:03; Akt: 02.02.2011 16:40 Print

360 Millionen Büchsen Bier für ein Spiel

von Jürg Federer, USA - Tickets für 645 000 US-Dollar, Parkplätze für 500 Dollar und eine vier Meter dicke Guacamole-Schicht: Die Zahlen rund um den Super Bowl sind gigantisch.

storybild

Der Super Bowl sprengt alle Grenzen. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die USA sind das einzige Land der Welt, in dem Football nicht Fussball bedeutet. Aber der Soccer, also der englische Fussball, ist in Amerika so unbedeutend, dass es dem Zusatz «American» im Ursprungsland des Footballs nicht bedarf. Am kommenden Sonntag findet das Finalspiel der amerikanischen Football Meisterschaft statt, der Super Bowl XLV zwischen den Pittsburgh Steelers und den Greenbay Packers.

«Was für mich Football bedeutet?», stellt Marcy eine Gegenfrage. «Football bedeutet für mich die Frage, was wir essen werden, wie viel Bier ich einkaufen soll und wann mein Mann wieder bei Sinnen sein wird.» Sie lacht. Marcy ist, wie die meisten Einwohner New Yorks, irgendwann zugezogen, sie hat ihre Kultur hinter sich gelassen und lebt den amerikanischen Traum. Drei Jobs muss sie bestreiten, um im teuren Immobilienmarkt von Long Island zu überleben, wann sie den letzten Freitag hatte, weiss sie nicht. «Wahrscheinlich war es der letzte Super Bowl Sonntag im Jahr 2010», mutmasst sie gegenüber 20 Minuten Online. Aber Marcy kennt ihren nächsten arbeitsfreien Tag genau: Den Sonntag, 6. Februar 2011, wenn Super Bowl XLV stattfinden wird, ist in Amerika ein in etwa so inoffizieller Feiertag wie der 4. Juli ein nationaler Feiertag ist.

1 Milliarde Hühnerflügel, 120 Millionen Liter Bier

Marcy ist kein Football-Fan. Die Meisterschaft interessiert sie nicht. Den Super Bowl schaut sie trotzdem und sie gehört damit zu 40 Prozent aller Zuschauer, die am nächsten Sonntag den Super Bowl XLV sehen werden. Der Super Bowl ist in den USA nicht primär ein Sportanlass, sondern er ist ein sozialer Event wie Thanksgiving oder das Weihnachtsfest. Man trifft sich mit Familie und Freunden und schaut das grosse Spiel. Nur 5 Prozent aller Super-Bowl-Zuschauer schauen den Event alleine. 25 Prozent der Super-Bowl-Zuschauer sind Frauen wie Marcy. «Jemand muss ja für das Essen zuständig sein», lacht sie. Marcy wird Spare Ribs für ihre Familie und die Bewohner ihres Häuserblocks grillieren. Den Schneemassen in ihrem Vorgarten trotzt sie.

10 Millionen Arbeitsstunden wenden die Amerikaner zur Zubereitung ihres Essens zum Super Bowl auf. Gleich viele wie nötig waren, um den Film Avatar zu drehen. 3600 Tonnen Popcorn werden alleine am nächsten Sonntag verzehrt, 12 700 Tonnen Kartoffelchips werden in 24 300 Tonnen Avocadodip gedünkt und gegessen. Würde man den Avocadodip auf dem Rasen des Dallas Cowboy Stadion, dem Austragungsort des Super Bowl XLV, gleichmässig ausbreiten, die Masse wäre fast vier Meter hoch. Es bedarf des Agrarraum von 220 000 Football-Feldern, um dem Bedarf an Mais, Kartoffeln und Avocados am Super-Bowl-Sonntag zu begegnen. Hinzu kommt der Konsum von einer Milliarde Hühnerflügeln und 120 Millionen Liter Bier.

Tickets für 645 000 US-Dollar

Marcys Mann Bill soll den Bierkonsum Amerikas vom kommenden Sonntag kräftig unterstützen. «Wahrscheinlich geht er dann am Montag nicht zur Arbeit», schmunzelt sie. Bill gehört damit zu sieben Millionen Amerikanern, die sich nach dem Super Bowl krank schreiben lassen. Und Marcy wird für ihn in der Apotheke Medikamente gegen seinen Kater kaufen. Die Verkäufe für entsprechende Medizin steigen in den USA am Tag nach dem Super Bowl um 20 Prozent an. Bill hat bereits zu Jahresbeginn ein neues TV-Gerät gekauft, damit alle Besucher der Super-Bowl-Party von Marcy und Bill uneingeschränkte Sicht auf den Sportanlass haben werden. Die Händler mit Heimelektronik rechnen mit drei Millionen Kunden wie Bill.

Der Strombedarf, um alleine die TV-Geräte, die während dem Super Bowl eingeschaltet sind, zu betreiben, ist um zehn Prozent höher als die Jahresproduktion an Solarenergie in den ganzen USA. 141 Tonnen Kohlenmonoxid werden im Umfeld des Super Bowl ausgestossen, es bräuchte 1000 der gewichtigen Abwehrspieler einer Footballmannschaft, um der Luftverschmutzung des Super Bowl die Waage zu halten. Die 150 000 Kilowattstunden Elektrizität, die am nächsten Sonntag im Stadion der Dallas Cowboys verbraucht werden, werden aufgrund der Mithilfe eines Sponsors alle neutralisiert. Im Vergleich zur Energie, die die TV-Geräte am kommenden Sonntag aus dem Stromnetz ziehen, ist der Bedarf an Elektrizität im Stadion aber verschwindend klein. Es werden von gegen 150 Millionen Super-Bowl-Zuschauern, zwei Drittel davon Amerikaner, auch nur gut 100 000 im Stadion anwesend sein. Ihre Tickets kosten auf dem freien Markt zwischen 600 und 645 000 US-Dollar, viele Besucher bezahlen alleine für ihren Parkplatz 500 US-Dollar.

3 Millionen US-Dollar für 30 Werbesekunden

Dem Austragungsort Arlington bringen die 150 000 Besucher, von denen – um einen neuen Zuschauerrekord zu realisieren – über 104 000 ins Stadion gelassen werden sollen, Umsätze in der Höhe von 400 Millionen US-Dollar für Essen, Übernachtungen, Chauffeure, Privat- und Charterflugzeuge sowie Unterhaltungen. Ein Pappenstiel im Vergleich zu den 5,6 Milliarden US-Dollar, die Amerikaner im Zusammenhang mit dem Super Bowl XLV vom nächsten Sonntag ausgeben werden. Denn für 99,9 Prozent aller Amerikaner wie Marcy und Bill ist der Super Bowl XLV genau das gleiche wie für die Europäer, Asiaten, Afrikaner, Australier und Südamerikaner, die das Spektakel zu allen Tages- und Nachtzeiten in über 230 Ländern und in gegen 40 Sprachen auf der Mattscheibe sehen werden: Ein Fernseh-Event des grössten Einzelsportanlasses der Welt.

3 Millionen US-Dollar Kosten für ein Werbefenster von 30 Sekunden am TV untermauern diese Tatsache. Hinzu kommen die Produktionskosten für die Werbespots, die einzig für den Super Bowl XLV produziert werden. Wirtschaftskrise hin oder her. Gegen 50 Minuten an Werbeplätzen während dem Spiel sind bereits verkauft. Ausverkauft ist der TV-Event in einem flexiblen Markt wie den USA nie.

Der Pokal ist bezahlbar

TV-Rechtehalter Fox Sports beginnt fünfeinhalb Stunden, bevor Popstar Christina Aguilera den Event mit der amerikanischen Nationalhymne eröffnen wird, mit der TV-Übertragung. Die Halbzeit-Show, die sich traditionell mit den grössten Rock- und Popkonzerten der Welt messen kann, bestreitet die amerikanische Hip-Hop-Gruppe «Black Eyed Peas» und am Ende des Events wird die Vince-Lombardi-Trophy an den Sieger des Super Bowls vergeben.

Damit schliesst sich dann auch der erste Freitag von Marcy und Bill, den sie sich seit über einem Jahr gönnen werden. Wer gewinnt, interessiert Marcy nicht. Ihr geht es um die gelungene Party, der Sport ist Nebensache. Etwa 3000 US-Dollar werden sie und ihr Mann für ihre Party zum Super Bowl XLV aufwenden. «Das ist ungefähr gleich viel wie eine Monatsrate unserer Hypothek auf Long Island», ergänzt sie in Selbstverständlichkeit. Mit dem Hypozins von Marcy und Bill könnte ein Viertel der Trophäe, um den sich am nächsten Sonntag alles drehen wird, bezahlt werden. Tiffany, die Produktionsfirma der Vince-Lombardy-Trophy, verrechnet der Footballiga NFL 12 500 US-Dollar für den Pokal. Im Vergleich mit dem wirtschaftlichen Wert, den Super Bowl XLV für seine Sieger und Verlierer hat, ist das ein lächerlicher Betrag.

Zahlenangaben: Fox Sports, Reuters, Just Energy, NFL.