20 Minuten Online am «Strongrun»

01. April 2009 16:13; Akt: 20.05.2009 21:07 Print

Beinahe erfroren, verhungert und abgesoffen

von Patrick Toggweiler, Weeze - Zwei Runden Laufstrecke. Je neun Kilometer. Gespickt mit unzähligen halsbrecherischen Hindernissen. Das ist der Fisherman's StrongmanRun – oder Europas längste Kampfbahn für leidenshungrige Masochisten. 20 Minuten Online nahm teil - und litt.

Fisherman`s Strongman 2009 - die erste Runde. (Video 20 Minuten Online)
Fehler gesehen?

Einen Fuss vor den anderen. Immer dieselbe Bewegung. So regelmässig, wie es die nervige Unterlage zulässt. Sand, Matsch, schmieriger Lehmboden. Ein Königreich für einen Kiesweg. Aber der Kunde ist beim Fisherman's StrongmanRun nicht König. Er ist Prügelknabe. Statt einer festen Unterlage folgt ein schmutziger, eiskalter Tümpel. «Canale Grande» nennen sie das härteste Hindernis der «Kampfbahn» dieses Extremlaufes in Weeze, Deutschland. Nur ganz wenige schwammen tatsächlich. Der grosse Rest watete hüfttief und mit einer Mischung aus Bewunderung und Irritation am Rand der vier Grad kalten Kloake. Später das Gerücht, an diesem Hindernis hätte jemand wiederbelebt werden müssen. So ging es zu, am Fisherman's Friend StrongmanRun 2009. Aber alles der Reihe nach.

Eigenverantwortung schützt vor Übermut nicht

Es gibt Einladungen, die nimmt man dankend an. Andere aus Höflichkeit. 20 Minuten Online nahm die Einladung des Sponsors zum Fisherman's StrongmanRun in Weeze aufgrund einer fatalen Mischung aus Unwissenheit und übermütiger Abenteuerlust an – und meldete gleich mal den konditionell schwächsten Sportredaktor an: «Lass uns da mitmachen, hoho.» Das Lachen verging dann während dem Rennen. Stirnerunzeln hätte eigentlich die zu unterzeichnende Erklärung machen müssen, der Veranstalter könne für etwaige Schäden jeglicher Art nicht haftbar gemacht werden.

Kilometer 1-2: Im Wartesaal des Zahnarztes

Beim Startschuss Nieselregen. Vorne sprinten die Austrainierten, hinten folgt gemächlich die Masse. Wer nicht schnell in einen hohen Gang schaltet, kann gleich den Motor abschalten. Eine schmale Schleuse in einem Zaun und der kleine Trampelpfad durch den Wald sorgen für Kriechtempo. Stau. Der erste Kilometer beansprucht 20 Minuten. Letzte fröhliche Minuten vor den Stunden voller Qual – wie im Wartesaal beim Zahnarzt.

Kilometer 2-5: Das Rennen beginnt

Nicht wie beim Dentisten die schöne Gehilfin, sondern ein Buckliger bittet beim Strongrun zum Tanz. Der Bucklige ist das erste Hindernis: ein mit Gras überwachsener Hangar. Haushoch. Steil. Dort geht es hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Extrem steil. Der Bucklige hat einen Bruder - und noch einen und noch einen. Und einer ist hässlicher als der andere. «Danger Zone» nennen sich die vier Brüder. Früher wurden hier Nuklearwaffen gelagert.

Die Waden brennen ein erstes Mal. Das Rennen ist eröffnet – aber nicht so richtig, denn trotz diversen matschigen Stellen bleiben die Schuhe trocken. Weitere Hangare werden bestiegen. Über Heuballen und Kletternetze. Jedes der Hindernisse ist ein bisschen zu gross, ein bisschen zu fies, die Sprünge zu hoch. Mutproben im Minutentakt. Oder bis zum bitteren Aus. Ständiger Begleiter der Teilnehmer wird das Geheul der pausenlos im Einsatz stehenden Ambulanzwagen. Sie liefern den Soundtrack zum harten Streifen. Nur ja nicht Hauptakteur werden. Helikopter am Himmel.

Kilometer 6-9: Das Rennen beginnt erneut

Wer sich bisher vor zu viel Kontakt mit lästigem Wasser drücken konnte, wird spätestens beim «Matsch Pitt» einen Schuh voll herausgezogen haben. Knietief wird gewatet. Auf Wasser folgt Matsch und Sand und wieder Wasser. Teeren und Federn wäre nicht effektiver gewesen. Das eine klebt, das andere macht die Schuhe schwer. Zwischendurch mal wieder ein Gekrabbel. Eine erste Überrundung droht. Aber man hat andere Probleme, wenn man vor lauter Kälte die Unterschenkel und Füsse nicht mehr spürt. Trägt man überhaupt noch beide Schuhe, oder ist einer irgendwo im Schlamm stecken geblieben?

Kilomter 9-10: Den Kelly nicht überrunden lassen

Die erste Runde ist geschafft. Zur Belohnung gibst einen Schluck Wasser und einen Orangenschnitz. 45 wären besser gewesen. Zwei Stunden für 9 Kilometer. Auf dem Laufband ging das locker in der halben Zeit. Aber auf dem Laufband muss man auch nicht anstehen wie am Skilift an einem schönen Wochenende. Im Rücken kläfft der Moderator über Speaker, die erste Frau laufe gleich ins Ziel – selbstverständlich absolvierte die Dame bereits zwei Runden – wie auch Joey Kelly. Ein erstes Erfolgserlebnis. Den ehrgeizigen Iren so ein bisschen in die Schranken gewiesen. Dafür darf er jetzt duschen gehen. Nicht so der Reporter.

Kilometer 10-13: Blackout

Nur vage Erinnerungen an drei schreckliche Kilometer – aber immerhin die Erkenntnis, dass, wenn oben kein Futter reinkommt, unten die Beine nicht tun. Das bisschen Orange war zu schwach. Der eine Schluck Wasser auch. Im Delirium geht es über die Buckligen, die jetzt plötzlich zu acht sind – oder zu zehnt. Oder? Oder? Vor lauter Hirntod wird nicht bemerkt, dass bereits einige Hindernisse aus dem Parcours genommen wurden. Zwischenfälle und Staus sind der Grund. Man hört sagen, einer lag mit einem Beinbruch auf dem einen Hangar. Brüche gabs auch schon im letzten Jahr. So ist das halt. Trotz Heuballen ist der «Strongman» kein Ponyhof.

Kilomter 14-18: Triumphwank

Bei Kilometer 14 fasst Mann von Frau zwei Energydrinks. Die pfeifen rein. Und wie! Bei Kilometer 14,5 wird klar: 20 Minuten Online wird einen Finisher stellen – es sei denn, eine Verletzung macht einen Strich durch die Rechnung. Die Energie ist wieder da. Gewankt aber nicht gefallen – das Rennen macht jetzt so richtig Spass. Genussvoll wird durch Wasserlöcher gejoggt. Die Kälte tötet sämtliche Schmerzen. Kleinere Krampferscheinungen signalisieren die Grenzen des Belastbaren, doch die Beine haben längst Kontrolle über ihr Schicksal eingenommen: Manchmal gehen sie, manchmal rennen sie. Die Schaltwege zum Hirn sind unterbrochen. Während es unten strampelt, denkt es oben an Hähnchen. Kohldampf wie Bud Spencer. Manchmal unterbrechen kurze Laufduelle mit speckigen Teenagern den Gedankenfluss. Die sehen eher wie King of Playstation als wie King of Kampfbahn aus, dürfen aber nicht unterschätzt werden. Unscheinbare Mauerblümchen überholen frech. Im Gegenzug kann es sein, dass eine fettfreie Fahnenstange mit Triathlon-Shirt entkräftet zurückfällt. Es ist eine verrückte Welt, die des Fisherman's StrongmanRun. Aber eine herrliche.

Finish

Nach drei Stunden vierzig Minuten gibt es die Finishermedaille. Und das so oft zitierte Gefühl danach. Alle Sorgen verschwinden mit einem Schlag. Glückliche Leere macht sich breit. Eine Leere, die so glücklich macht, dass Tränenwasser in die Augen schiesst. Etwas später kommt der Stolz. Aber auch Wehmut. Wehmut, nicht mehr durch den Dreck gezogen werden zu können. Nicht mehr brusttief ins überkalte Wasser eintauchen zu können. Nicht mehr die Sau rauslassen zu können. Dinge zu tun, die nur in Wettkämpfen toleriert werden, ausserhalb eines Wettbewerbs aber gerne mit dem Vogel quittiert werden. Dabei machen genau solche Dinge Spass. Die unvernünftigen, schwachsinnigen. Die riskanten. Und die Verletzungen? Selbstverständlich keine schöne Sache, aber selten hat die Floskel «no risk, no fun» derart zugetroffen. Jeder setzt sich seine eigenen Limiten. Mit dem «risk», aber auch mit dem «fun».

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas Humbek am 31.03.2009 01:34 Report Diesen Beitrag melden

    Schwimmen und durchkommen

    Bin nur beim ersten mal geschwommen und denke das geht in Ordnung. War für viele untrainierte Tailnehmer bestimmt auch recht gefährlich. Hätte mich der Kelly nicht vorm letzten Hinderniss überholt, weil ich mich angestellt habe wäre soweit alles OK. Die 31 Sek kriegst du 2010 zurück

  • Alex am 30.03.2009 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Finish

    Na dann mal ein herzlicher Glückwunsch zum Finish und danke für den tollen Bericht. Denke das Erlebnis wird unvergesslich bleiben.

  • Torsten am 30.03.2009 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    Super Bericht!

    Danke für das tolle Video und den Erlebnisbericht. Super schaffst Du es meine Empfindungen in Worte zu kleiden! Bis nächstes Jahr auf dem Spielplatz von Weeze ...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Christian am 01.04.2009 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Schwimmen

    Ziehe den Hut vor den Schwimmern, ihr seit wirklich strong! Da jedoch 95% der Teilnehmer die Variante gewählt haben, befürchte ich das, wenn schwimmen Pflicht wird, sich höchstens 1000 Leute für 2010 anmelden! Und das wird weder im Sinne des Veranstalters, noch des Sponsors sein! Denke FF kann es si

  • Thomas Humbek am 31.03.2009 01:34 Report Diesen Beitrag melden

    Schwimmen und durchkommen

    Bin nur beim ersten mal geschwommen und denke das geht in Ordnung. War für viele untrainierte Tailnehmer bestimmt auch recht gefährlich. Hätte mich der Kelly nicht vorm letzten Hinderniss überholt, weil ich mich angestellt habe wäre soweit alles OK. Die 31 Sek kriegst du 2010 zurück

  • schwimmender Strongman am 30.03.2009 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Hinderniss verweigert!

    Pah, das Wasserhinderniss verweigert und wie die meisten am Ufer entlang gelaufen. Sorry, aber so darf man sich nicht Strongman nennen. Entweder man überwindet alle Hindernisse oder meldet sich erst gar nicht an. Alle Uferläufer sollten ein "failed" bekommen, sonst hat alles keinen Reiz mehr.

  • Stephan am 30.03.2009 21:28 Report Diesen Beitrag melden

    Schwimm und hör auf zu jammern

    alle die nicht geschwommen sind, haben den Run nicht beendet!!

  • Torsten am 30.03.2009 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    Super Bericht!

    Danke für das tolle Video und den Erlebnisbericht. Super schaffst Du es meine Empfindungen in Worte zu kleiden! Bis nächstes Jahr auf dem Spielplatz von Weeze ...