Mujinga Kambundji im Porträt

03. Oktober 2019 18:28; Akt: 03.10.2019 18:28 Print

Das «Bärner Meitschi» sprintet an die Weltspitze

von Marco Oppliger - Mujinga Kambundji ist die schnellste Frau der Schweiz – und seit Mittwoch WM-Medaillengewinnerin. Doch wer ist sie eigentlich?

Sie strahlt über beide Ohren: Mujinga Kambundji bekommt ihre Bronzemedaille über 200 Meter umgehängt. (Video: SRF)
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Es sind Augenblicke für die Ewigkeit. Vor allem aber Augenblicke, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Als Mujinga Kambundji am Mittwochabend kurz nach 21.30 Uhr in Doha über die Ziellinie sprintet, zögert sie ein paar Sekunden. Reicht es? Sie blickt kurz auf die Anzeigetafel – und tatsächlich: Es reicht!

In 22,51 Sekunden wird sie im WM-Final über 200 Meter Dritte. Das «Bärner Meitschi» aus Köniz also hat es geschafft, befindet sich mitten in der Weltspitze. Im Sprint – der mit Abstand populärsten Disziplin der Leichtathletik.

«Ich habe so gehofft, einen Finalplatz zu schaffen. Aber eine Medaille, damit hatte ich nie gerechnet», sagt sie später. Denn ein paar Tage zuvor schien es noch, als ob für Kambundji ein weiterer Grossanlass mit einer Enttäuschung enden würde. Am Sonntag hatte sie den WM-Final über 100 Meter auf denkbar knappe Art und Weise verpasst: um winzige fünf Tausendstelsekunden. Vielleicht aber offenbart dieser Tiefschlag, verbunden mit der Reaktion, wie diese Ausnahmeathletin funktioniert.

Turbulente Monate

Kambundji ist die zweitälteste von vier Töchtern der Bernerin Ruth und des Kongolesen Safuka Kambundji. Die Familie ist sportbegeistert, auch Kaluanda, Muswama und Ditaji Kambundji betrieben oder betreiben Leichtathletik. Letztere gilt im Mehrkampf als eines der grössten Talente des Landes. Und die Familienbande ist eng: Vater, Mutter, Götti und Tante von Kambundji fieberten am Mittwochabend auf der Tribüne mit. Sie selbst wohnt noch immer im selben Ort, in dem sie aufgewachsen ist.


Emotionen pur: Der Schweizer Sprintstar im Interview nach dem WM-Final. (Video: SRF)

Und apropos Talent: Jenes von Mujinga fällt früh auf. Sie ist erst die schnellste Könizerin, dann die schnellste Bernerin. Und ihr Jugendtrainer Jacques Cordey führt sie schliesslich an die nationale Spitze. Im Juni 2014 wird sie über 100 m in 11,33 Sekunden zur schnellsten Schweizerin. Den Rekord entreisst sie Mireille Donders, ebenfalls einer von Corday trainierten Bernerin.

Zwei Monate später findet im Letzigrund die Europameisterschaft statt. Kambundji wird über 100 m Vierte, über die halbe Bahnrunde Fünfte. Und dann lässt sie zum Abschluss mit der Staffel den Stab fallen. Es ist ein Dämpfer für sie, doch übel nimmt ihr das niemand. Vielmehr sichert sie sich mit ihrer herzlichen Entschuldigung die Herzen des Publikums, seither ist Kambundji DAS Aushängeschild der Schweizer Leichtathletik.

In Mannheim gefordert und gefördert

Weil sie spürt, dass sie einen Schritt weitermachen muss, um Fortschritte zu erzielen, wechselt sie schliesslich nach Mannheim, wo sie unter Valerij Bauer, einem Deutsch-Kirgisen mit einer starken Trainingsgruppe, gefordert und gefördert wird.

Sie verbessert ihre Zeiten sukzessive, wird an der EM 2016 Dritte über 100 m. Doch irgendwann kommt sie an den Punkt, an dem sie einfach nicht mehr weiterkommt. Also zieht Kambundji im Herbst 2017 den Schlussstrich. Von nun an will sie mitreden, ihre Erfahrungen einbringen lassen. Sie will weg von der Formel: Trainer befiehlt, Athletin führt aus.

Doch der Anfang ist steinig, das Intermezzo mit dem Niederländer Henk Kraijenhof endet nach nur zwei Monaten, weil sich die beiden uneinig sind. Sie versucht ihr Glück dann in der hochkarätig besetzten Gruppe von Rana Reider, dem damaligen Sprinttrainer der Niederländerinnen.

Auf eigene Faust arbeiten

Doch weil Kambundji mittlerweile eine grosse Konkurrentin des niederländischen Aushängeschilds Dafne Schippers ist, darf sie nicht in deren Heimat trainieren. So muss sie vorwiegend auf eigene Faust arbeiten. Wobei ihr in Bern nach wie vor Cordey und Adrian Rothenbühler helfend zur Seite stehen, wenn es sein muss.


Munjinga Kambundjia sensationelles Bronzerennen. (Video: SRF)

Es sind die turbulentesten Monate im Sportlerleben Kambundjis. Weil sie nach dem abrupten Ende der Zusammenarbeit mit Kraijenhof vor vielen Fragezeichen steht – und an der Hallen-WM 2018 über 60 m trotzdem Dritte wird.

Als die Zweifel kamen

Lange galt: An einem Grossanlass kann die Könizerin ihr Bestes abrufen. So war das 2014, als ihr Stern in Zürich aufging, so war das zwei Jahre später in Amsterdam an der EM und dazwischen an der WM in Peking. Doch dieses Bild erhält Kratzer, spätestens im letzten Sommer in Berlin. Mit dem Ziel, eine Medaille zu gewinnen reiste sie an die EM, und kehrt als dreifache Vierte ohne Edelmetall zurück. Selbiges passiert ihr im Winter an der Hallen-EM, und als dann auch der Start in diese Saison für ihre Verhältnisse sehr schwach ausfällt, beginnt sie zu zweifeln.

Mittlerweile arbeitet sie in London mit dem Schotten Steve Fudge zusammen, hat ihre Basis aber weiterhin in Bern. Eigentlich passt für sie so alles, weil sie mitreden, ihre Erfahrungen einbringen kann. Doch erst als sie Anfang August in Bern in 11,15 Sekunden über 100 m allmählich ihr Rendement erreicht und wenig später an der Schweizer Meisterschaft in Basel Landesrekord über 200 m läuft (22,26 Sekunden), hat sie die Gewissheit: Die WM kann kommen.


Staffel-Kollegin Salomé Kora freut sich riesig über die Leistung ihrer Freundin. (Video: SRF)

Und doch gibt es danach wieder aufs Dach, als sie den 100-m-Final um nur fünf Tausendstel-Sekunden verpasst.

Andere würden an solchen Situation zerbrechen. Kambundji nicht. Die Frohnatur schafft es meisterhaft, sich nach einem Negativerlebnis aufzurichten. Weil sie ein intaktes Umfeld hat, das ihr immer zur Seite steht. Und weil sie zwar durchaus zweifeln kann, es ihr aber trotzdem gelingt, den nächsten Schritt zu machen. Es ist neben den schnellen Muskelfasern ihre wohl wichtigste Eigenschaft.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • G. Nagi am 03.10.2019 18:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mega

    Sie ist sympathisch, wirkt echt und ehrlich. Ich mochte sie immer gerne, auch wenns mal nicht so lief. Den Erfolg gönne ich ihr sehr! Auch ihre Familie macht einen guten Eindruck, es passt alles sehr gut.

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  • Jakob Braidt am 03.10.2019 18:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Das war so ein tolles Rennen. Dachte jetzt wird sie noch überholt. Aber nein. Durchgezogen. Das war der Hammer. Unglaublich.

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  • Reto Burri am 03.10.2019 18:41 Report Diesen Beitrag melden

    Grandios

    Top Leistung, Gratulation and die Dame!

Die neusten Leser-Kommentare

  • CH am 05.10.2019 15:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sportkompetenz

    Wieder einmal ein Beweis mehr, BE ist und bleibt u.a das Sportzentrum der Schweiz.

  • Daniel am 04.10.2019 20:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sie hat für sich selbst gewonnen

    Kein Schweizer Geschlecht Kambundji. Super das sie Dritte geworden ist. Aber wir sind nicht in Amerika. Man ist nicht automatisch Schweizerin nur weil man hier geboren wurde. Hoffentlich gewinnt sie noch öfter.

    • Adi am 04.10.2019 20:27 Report Diesen Beitrag melden

      Hm

      Richtig. Wenn die eingewanderten ihren Kindern hiesige Vornamen geben würden könnte man ihre Eltern als angekommen bezeichnen. Die Mutter Ruth hätte sicher nichts dagegen gehabt. Mal schauen wie sie selber ihre Kinder nennt. Wenn die auch afrikanisch klingen hat sie mit der Schweiz nicht viel zu tun.

    • Marssohn am 04.10.2019 20:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Adi

      Richtig! Jetzt müsste aber man nur noch klären, was hiesige Namen sind.

    • bruno am 04.10.2019 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Adi

      Unglaublich diese Kommentare, Schweizer die ihre Kinder Cheyenne taufen,gibt noch andere beispiele

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  • Dismas am 04.10.2019 17:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation!

    Sehr schön, der Erfolg ist ihr absolut zu gönnen, tolle Leistung von ihr. Auch eine Entschädigung für den mit viel Pech verpassten Finaleinzug über 100 Meter. Sie wirkt in den Interviews auch sehr sympathisch. Sie ist auch eine echte Schweizerin und Bernerin, schliesslich spricht sie auch Schweizerdeutsch wie jeder andere Schweizer auch. Ich wünsche ihr viel Erfolg in der Staffel, für eine Medaille dürfte es sehr schwierig werden, da die Konkurrenz sehr stark ist.

    • Peter am 05.10.2019 13:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dismas

      Das tu ich auch. Bin trotzdem ein halber Berner.

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  • Hungi am 04.10.2019 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    Super Lauf-Girl

    Der Finallauf von dem Berner Girl war super. Das extreme Gerede in den Sportsendungen im SRF ist aber nervig.

    • Sportfan am 04.10.2019 18:15 Report Diesen Beitrag melden

      @ Hungi

      Einer zusammen mit Salzgeber ist ein extremer Redner: Jann Billeter

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  • FöhnWind am 04.10.2019 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bärner Meitschi?

    Bärner Meitschi? Hier hat doch eine andere Nationalität geholfen und dürfte auch gelobt werden