Turn-Star

16. Juni 2015 09:20; Akt: 16.06.2015 13:20 Print

Der Trainer trieb Ariella Kaeslin in die Depression

Die ehemalige Weltklasseturnerin Ariella Kaeslin gibt in ihrer neu erschienenen Biografie erschütternde Einblicke in ihr Leben.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sie war die Schweizer Vorzeigeturnerin und darüber hinaus eine der populärsten Sportlerinnen des Landes, mehrfach geehrt, zahlreich bewundert. Sie war Olympia-Fünfte am Sprung, Europameisterin, WM-Zweite. Sie lächelte von Zeitungsfronten, im Fernsehen, in Magazinen, war das Turnschätzchen der Nation und schien ihren Status zu geniessen. Schien, weil hinter der Fassade eben alles anders aussah, wie eine nun erschienene Biografie mit dem Titel «Leiden im Licht» aufzeigt – ein erschütterndes Buch über eine junge Frau, die nahe am Abgrund stand.

Die beiden NZZ-Journalisten Christof Gertsch und Benjamin Steffen zeichnen das Bild eines Mädchens, das mit vier Jahren mit dem Turnen beginnt. Das zu einem grossen Talent heranwächst und später unter dem Drill von Nationaltrainer Eric Demay leidet. Der Franzose nennt die Mädchen «fette Kuh», demütigt sie, offeriert Schokolade und bestraft sie, wenn sie zugreifen, bricht sie mental. Im Buch heisst es: «Was ich gerne habe und gerne mache, wer ich überhaupt bin – das fand ich erst viel später heraus. Denn ich hatte gelernt, diese Fragen zu unterdrücken.»

Leiden mit Hannawald und Enke

Kaeslin hat Angst vor dem Training in Magglingen, ist froh, wenn der Abend anbricht, der schönste Moment des Tages: «Wenn er einem nichts mehr anhaben konnte. Er. Der Tag. Und er. Der Trainer.» Mutter Heidi will sie zum Aufhören bewegen, Ariella jedoch will weitermachen. Irgendwann widersetzt sie sich ihrem Peiniger, probt mit ihren Kolleginnen den Aufstand, der schliesslich zur Absetzung des Trainers führt. Die Probleme enden nicht.

Kaeslin liest über Sven Hannawald, den einst magersüchtigen und depressiven Über-Skispringer, beschäftigt sich mit Robert Enke, dem depressiven Fussballgoalie, der sich im November 2009 das Leben nahm, weil er keinen Ausweg mehr sah. Sie identifiziert sich mit beiden, erkennt sich in ihnen, weil auch sie von Weinkrämpfen heimgesucht wird, sich leer fühlt, ausgebrannt, unglücklich, kraftlos. Und findet schliesslich im Internet heraus, dass sie an Erschöpfungsdepressionen, einem Burnout leidet, was keiner der Spezialisten erkannt hat.

Nahe an der Katastrophe

Auf einer Asienreise 2011 kommt es beinahe zur Katastrophe. Kaeslin will nach ihrem überraschenden Rücktritt im Juli auf andere Gedanken kommen, den Sport hinter sich lassen. Stattdessen werden es die schlimmsten Tage ihres Lebens: «Wenn ich einen Knopf hätte drücken können und nachher tot gewesen wäre, hätte ich den Knopf gedrückt.» Aus Tokio fleht sie ihre Mutter an, sie möge sie doch holen kommen.

Kaeslin steht am Abgrund, fällt aber nicht. Sie findet einen Ausweg aus der Dunkelheit – und schliesslich zu sich selber.

(kai)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ana Belle am 16.06.2015 09:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ariella Danke

    Spitzensport ist keine Schöne Welt. Kindheit und Jugend Ade für 3 - 4 Jahre Ruhm. Danke Ariella für die Offenheit. Den einen oder anderen wird ihre Geschichte sicher so sehr beeindrucken, das er/sie einen anderen Weg wählt.

    einklappen einklappen
  • Höisu am 16.06.2015 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Ist leider so

    Wie vielen Menschen geht es ähnlich, egal ob Spitzensportler oder Durchschnittstyp. Druck, Leistung, man muss funktionieren. Was einen glücklich machen würde, interessiert keinen. Und Hilfe gibt es auch nicht. Manchmal würde man am liebsten auf den Knopf drücken. Zum Glück gehts immer wieder weiter. Gut hat Ariella darüber geschrieben. Gibt ev. dem einen oder anderen Mut weiter zu machen.

    einklappen einklappen
  • Gerda am 16.06.2015 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Auch eine normale "Arbeiterin"

    wie ich bekommt einen Chef vor die Nase gestellt. Mich mochte er als einzige nicht, lange habe ich nicht herausgefunden warum. Später erfuhr ich, dass er eine Liaison mit meiner Arbeitskollegin hatte. Sie wollte einfach befördert werden und erzählte Lügen über mich. Die Liaison war dann zu Ende, sie ging. Es hat mich aber 2 Jahrzehnte meines Lebens gekostet. War schon 45+ und eine neue Stelle fand ich trotz Intensiver Suche nie. Schlimm ist, diese Chefs schreiben jedes Jahr "Beurteilungen", die war immer gut, aber ich erhielt nie eine Chance. Jetzt hat eine junge von aussen den Job. Ich Depressionen, fühle mit! Dass man den Franzosen so lange gewähren lies..hat dies niemand gesehen, der Psycho!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ich Raum am 16.06.2015 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Grenzen setzen, Grenzen respektieren und

    rechtzeitig Hilfe holen, beziehungsweise, die Bedingungen anpassen betrifft jeden von uns. Gefühle, Resilienz und Leistungsvermögen sind persönliche, interne Erfahrungen, die weder die Eltern noch Aussenstehende zu bewerten haben. Wir müssen lernen, unsere Empfindungen klar mitzuteilen und aufhören, es Jemandem recht machen zu wollen. Wenn sich jemand überfordert fühlt, gibt es viele Möglichkeiten einen Menschen aus dieser Situation hinaus zu führen. Abwertende Bemerkungen und von sich auf Andere schliessen gehören definitiv nicht dazu. (Gilt auch für Familie, Partner und Eltern)

  • Florentina am 16.06.2015 20:01 Report Diesen Beitrag melden

    Arme Ariella

    Hinter jedem Karriere Kind stehen auch Eltern. Haben sie vom Druck der auf ihrer Tochter lastete denn gar nichts mitbekommen? Ein Trainer kann ausgewechselt werden, wenn der Leidensdruck so enorm ist. Ich hätte das nicht zugelassen und auch gespürt, wenn mein Kind unter dem Trainig leidet. Das geschieht nicht von heute auf morgen...

  • Kämpfer Statt Opfer am 16.06.2015 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krise als Chance

    Warum immer sogleich von Depression sprechen? Bei einer Depression fühlt die Person nichts mehr, dh auch keine Trauer. Es sind wohl eher Krisen, welche Mensch immer wieder aufrütteln. Weshalb aufrütteln? Weil jede Krise die Chance auf eine Veränderung/Entwicklung ist und somit etwas positives, was uns wachsen lässt. Gute Dinge im Leben sind nicht zwingend die einfachen!!! Aber man sollte sich nicht in die Opferrolle begeben, sondern zum Kämpfer werden. Das ist ein viel positiveres Gefühl.

    • Ariella Hat Als Spitzensportlerin Stärke am 16.06.2015 19:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Sie Muss Sich Nun Einfach Selber Neu Entdecken

      Ich wünsche Ariella, dass sie Selbstverantwortung zeigt und ihr Leben selber in die Hand nimmt. Wenn es in diesem Moment das Richtige war, sich so oder so zu entscheiden, dann gibt es keinen Grund später zu bereuen, denn ES WAR DAS RICHTIGE...

    einklappen einklappen
  • Verstehen, Um Zu Verarbeiten am 16.06.2015 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tunskinder und Seinskinder

    Leistungssportler sind sogenannte "Tunskinder", sie haben das Gefühl, nur anerkannt zu werden, wenn sie leisten. Die "Seinskinder" hingegen fühlen sich so wie sie sind geliebt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Dafür weisen diese nur sehr wenig Leistungsmotivation auf. Da kann sich jeder selber reflektieren und herausfinden, was er wohl eher ist oder zu was er erzogen wurde. Vielleicht ist verstehen ein erster Schritt zur konstruktiven Verarbeitung!

    • Sportler am 16.06.2015 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Anderes Motiv

      Ich denke nicht, dass es in erster Linie um Anerkennung geht, es ist der innere Drang gewinnen zu müssen. Ob es jemand mitkriegt ist nicht vordergründig.

    • Von Einem Tunskind am 16.06.2015 19:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Für Ein Tunskind

      Ich wünsche Ariella die Kraft, sich zu reflektieren, zu verarbeiten, zu akzeptieren... Und als noch stärkere Persönlichkeit daraus zu erwachsen!

    • Snake Dundee$ am 17.06.2015 07:58 Report Diesen Beitrag melden

      Rechtschreibung

      Ich würde meinen Ariella ist ein ,,Turnskind"! Ahahhaahhha

    einklappen einklappen
  • Thomi Burri am 16.06.2015 19:11 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstbewusstein

    Ich kann es nicht verstehen oder nachvollziehen. Natürlich erlebt jeder in seinem Leben irgeneinmal Druck und je höher die Anforderungen, umso höher der Druck. Trotzdem gehört es auch zum Leben, dass man selbstsicher genug ist, um 'Nein' sagen zu können und rechtzeitig auf die Bremse zu treten. Man hat einen Trainer oder Mentor, ist und bleibt aber nach wie vor sein eigener Herr und Meister. In einem Punkt hat sie aber recht...wer dem Druck nicht gewachsen ist, sollte hinschmeissenufgeben und aufgeben. Oder sich selber bewusst werden und auch einmal klar NEIN sagen.