Credit Suisse Sports Awards 2008

06. Dezember 2008 20:26; Akt: 06.12.2008 22:53 Print

Fabian Cancellara ist Sportler des Jahres

Zeitfahr-Olympiasieger Fabian Cancellara ist an den Credit Suisse Sports Awards zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt worden. Er setzte sich vor dem US-Open- Sieger Roger Federer, dem Gewinner der vergangenen beiden Jahre, und Skirennfahrer Didier Cuche durch.

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Der Olympiasieg im Zeitfahren war für Fabian Cancellara der Höhepunkt einer Saison, die dem 27-jährigen Berner neben viel Lob und Anerkennung auch eine fragwürdige Konfrontation mit der Schattenseite eines Radsportler-Daseins bescherte.
Dass Cancellara, 2006 und 2007 jeweils Dritter, in Basel erstmals zum Sportler des Jahres gekürt wurde, ist ein deutliches Zeichen: Der Dopinggestank des Radsport-Milieus vermag der Popularität des Schweizer Aushängeschilds kaum etwas anzuhaben.

Leistungsausweis und Persönlichkeit machen Cancellara zu einem würdigen Nachfolger von Roger Federer. Gold im Zeitfahren und Bronze im Strassenrennen an den Olympischen Spielen in Peking, Sieg in der «Classicissima» Mailand - San Remo, zwei Etappenerfolge in der Tour de Suisse, herausragende Helferdienste in der Tour de France - noch nie war «Spartacus» so stark wie im Jahr 2008.

Dass sich die Berufskollegen auf der Suche nach einem Rufnamen für Cancellara bei den Gladiatoren im Römischen Reich bedient haben, passt zum Stil des Ausnahmekönners. Kraft und Mut sind aber nicht die einzigen Zutaten im Erfolgsrezept. Gerade mit dem Olympiasieg lieferte Cancellara ein Meisterstück in perfekter Vorbereitung und mentaler Stärke ab. «Alles andere als Gold wäre eine Enttäuschung», hatte Cancellara im Vorfeld immer wieder betont. Mit seiner unschweizerischen Art, Ziele offensiv zu formulieren und das Herz auf der Zunge zu tragen, setzt sich Cancellara unter einen Druck, den er in positive Energie umzuwandeln versteht.

Dass Cancellara in den Wochen nach dem grossen Triumph in eine emotionale Leere fiel, macht ihn menschlich und zeigt, wie verwundbar eben auch ein Gladiator ist. Als vereinzelte Schweizer Medien eine gerüchteweise Verdächtigung einer belgischen Zeitung zum Anlass nahmen, Cancellara auf unfaire Art an den Dopingpranger zu stellen, wurde für den Berner der Rückhalt seiner Familie mit Frau Stefanie und Tochter Giuliana noch wichtiger. Für sie ist «Fäbu» keine heldenhafte Figur, die hochgejubelt und wieder fallengelassen werden kann, sondern vor allem ein einfühlsamer Mann und Vater.

Bestes Team des Jahres

Roger Federer und Stanislas Wawrinka wurden als bestes Team des Jahres gewählt. Die Bilder aus Peking sind unvergesslich: Wie sich Roger Federer nach Halbfinal und Final auf Stanislas Wawrinka legte, um seinem «heissen» Copain Energie abzuzapfen, wie sich der Mann, der im Sport (praktisch) alles gewonnen hat, über die Goldmedaille freute wie ein kleiner Junge und wie aus dem Romand mehr wurde als nur die klare Nummer 2.

Tatsächlich lässt sich die Goldmedaille an der Steigerung Wawrinkas festmachen. Während Federer in allen Partien zeigte, dass er wohl auch die Nummer 1 im Doppel wäre, wenn er dieser Disziplin Priorität einräumen würde, war Peking für Wawrinka ein einziger Steigerungslauf.

In den ersten beiden Runden überzeugte er vorab in den Startsätzen nicht und es stellte sich die Frage, ob Federer nicht besser Yves Allegro mitgenommen hätte. Ab dem Viertelfinal übertraf der 23-jährige Lausanner die Erwartungen aber sogar.

Vor allem im heikelsten Spiel des Turniers. Jener Viertelfinal gegen Mahesh Bhupathi/Leander Paes begann nach Mitternacht und nur Stunden, nachdem Federer gegen James Blake ausgeschieden war. Wawrinka war aber vom ersten Moment an präsent und hatte grossen Anteil an der 4:1-Führung, ehe die Partie vertagt wurde.

In der Fortsetzung, und auch im Halbfinal gegen das weltbeste Doppel (Bryan-Zwillinge) und dem Final gegen Simon Aspelin/Thomas Johansson (Sd) war ein kongeniales Team am Werk, bei dem man die Harmonie in und zwischen den Punkten stets spüren konnte. Spätestens beim Erklingen der Nationalhymne war klar: Mit «Fedrinka» wird auch der Davis Cup ein Thema.

Behindertensportler des Jahres

Der Behindertensportler des Jahres heisst Heinz Frei. Der Solothurner Rollstuhlsportler gewann an den Paralympics in Peking im Alter von 50 Jahren seine Goldmedaillen Nummern 13 und 14.

Zwischen 1987 und 1999 wurde Heinz Frei acht Mal zum Schweizer Behindertensportler des Jahres gekürt. Für seine nunmehr neunte Wahl, die er sich mit den Topleistungen redlich verdient hat, musste er sich neun Jahre gedulden.

Der erste Goldstreich in Peking glückte Heinz Frei am 12. September. Dabei schrieb der gelernte Vermessungszeichner Geschichte, denn als erster Athlet siegte er in drei verschiedenen Sportarten: In Seoul (1988), Barcelona (1992), Atlanta (1996) und Sydney (2000) waren es leichtathletische Disziplinen; 1988 in Innsbruck gewann er das 5-Kilometer-Rennen im Langlaufschlitten, und nun krönte er die Karriere mit seinem ersten Triumph im Handbike. Im Zeitfahren, das teilweise auf dem Olympia-Triathlon- Kurs ausgetragen wurde, belegte der Marathon-Weltrekordhalter Frei bei der Zwischenzeit den 2. Platz, zum Ziel hin konnte er allerdings gehörig zusetzen.

Nur zwei Tage später doppelte Frei im Handbike-Strassenrennen nach. «Ich schwebe auf Wolke 7», sagte er nach seinem neuerlichen Triumph. «Physisch müsste der Körper am Ende sein. Doch die Adrenalinschübe treiben mich derzeit immer weiter. Ein so intensives Gefühl habe ich in den vergangenen 28 Sportjahren noch nicht erlebt.»

Trainer des Jahres

Der langjährige Judo-Nationaltrainer Leo Held hat an den Sports Awards in Basel die Auszeichnung zum Trainer des Jahres erhalten.

Leo Held (45) und dessen Ausnahmekönner Sergei Aschwanden verbrachten zwölf Jahre in einem extrem engen und leistungsorientierten Trainer-Athlet- Verhältnis.
Mit Aschwandens Gewinn der Olympia-Bronzemedaille im Limit bis 90 kg bestiegen die beiden nach den vorangegangenen Olympia- Enttäuschungen in Sydney und Athen auch noch den lang ersehnten Gipfel. «Wir haben alles miteinander getan, nur nicht miteinander geschlafen», bilanzierte Aschwanden unter anderem auch die Ende 1996 begonnene Zusammenarbeit mit Held.

Abnützungserscheinungen blieben aus, da es Held verstand, immer neue Reize zu setzen und Lockerheit einzubringen. «Nach dem Lachen kehrten wir aber immer wieder zur Konzentration zurück.» Im Laufe der Zeit verstand sich Held nicht mehr einfach als Nationaltrainer und Coach von Sergei Aschwanden, sondern als Partner. «So wurde beiden Seiten Verantwortung übertragen.»

Der wie Aschwanden nach Peking zurückgetretene Held ist nun in der Aus- und Weiterbildung von Spitzensport-Trainern am Bundesamt für Sport (BASPO) tätig. Die TV-Aufzeichnung des «Hoffnungsrunden- Finals» in Peking gegen den Brasilianer Eduardo Santos wird Held für seine Tätigkeit in der Ausbildung von Spitzensport-Trainern gebrauchen können. Es veranschaulicht Athleten und Trainern eindrucksvoll, was unbeugsamer Siegwille beinhaltet (Aschwanden gewann den auf Biegen und Brechen geführten Kampf nach Verlängerung durch Kampfrichter-Entscheid).

Held verspürte nach dem Bronze-Gewinn von Sergei Aschwanden eine «tiefe Dankbarkeit». Helds Partnerin Isabelle Schmutz, die unter dem deutschen Trainer im Jahre 2001 EM-Silber im Limit bis 52 kg gewann und nun als Psychologin und Psychotherapeutin arbeitet, überwand vor gut zwei Jahren eine Krebserkrankung. Vor einem Jahr erblickte zudem die gemeinsame Tochter Amélie das Licht der Welt. Held bezeichnet sich als gläubiger Mensch und empfand auf Grund all dieser positiv verlaufenen Ereignisse der letzten Zeit grosse Demut.

Sportlerin des Jahres

Die Kunstturnerin Ariella Kaeslin hat vor der Eiskunstläuferin Sarah Meier und der Radfahrerin Karin Thürig die Wahl zur Sportlerin des Jahres gewonnen.

Als Turnerin kommt man nur unter zwei Bedingungen prominent in die Medien: Entweder man deckt einen Skandal auf oder ist aussergewöhnlich gut. Ariella Kaeslin erfüllt(e) beide Voraussetzungen.

Die Emanzipation von ihrem Chefcoach Eric Demay, dessen Trainingsmethoden nicht über alle Zweifel erhaben waren, schlugen über Wochen mediale Wellen. Als Konsequenz schloss der Verband die Rebellin von den Europameisterschaften 2007 aus.

Ariella Kaeslin zahlte das «verlorene Jahr» mit Zins und Zinseszins zurück - auf sportlicher Ebene: Finalteilnahme im Mehrkampf an der WM 2007 in Stuttgart, 4. Platz an der EM 2008 in Clermond-Ferrand (wie schon bei der WM 2005) und dann das Highlight in Peking: Finalistin im Mehrkampf und sensationeller 5. Platz im Sprung.

Die Luzernerin reihte eine historische Bestmarke an die andere. Ausser Romi Kessler in den Achtzigerjahren turnte keine Schweizerin annähernd so gut. Bemerkenswert war vor allem, wie Kaeslin mit dem Leistungsdruck umging. Je wichtiger der Wettkampf, umso mehr wuchs das Energiebündel über sich hinaus.

Ihr erster Eintrag in die Rekordlisten stammt indessen aus einer Chronik im ... Wasserski. 1998 wurde sie, drei Monate vor ihrem 12. Geburtstag, im Figurenfahren jüngste Schweizer Meisterin aller Zeiten - in der Elite-Kategorie. Inzwischen ist sie 15-fache Meisterin im Kunstturnen.

Mit ihren 21 Jahren nennt sich Ariella Kaeslin bereits Turn-Oma, obwohl ihre härteste Rivalin, Oksana Tschussowitina, der sie den extrem schwierigen Sprung (Salto gestreckt mit 1 1/2-Drehung) abgeguckt hat, noch zwölf Jahre älter ist. Im zuweilen despektierlich «Puppen-Theater» genannten Turnsport hebt sich die elegante und selbstbewusste Athletin wohltuend von den Konkurrentinnen ab, von denen ihr viele kaum bis zur Schulter reichen.

Aus der eigenwilligen Rebellin ist die charmanteste und erfolgreichste Botschafterin des Turnsports geworden, die Nummer 5 der Welt, die Nummer 2 (hinter der gebürtigen Usbekin Tschussowitina) in Europa und die Nummer 1 der Schweiz, mit Nachhaltigkeit.

Newcomerin des Jahres

In der Internet-Wahl zum Newcomer des Jahres im Schweizer Sport hat sich Skirennfahrerin Lara Gut durchgesetzt.

Lara Gut hat die Skiwelt und die Herzen der Schweizer Sportfans im Sturm erobert. Die zur «Newcomerin des Jahres» gewählte Teenagerin kann die prägende Schweizer Sportlerin des nächsten Jahrzehnts werden.

Wer wie Lara Gut am 2. Februar 2008 in St. Moritz gleich in seiner ersten Weltcup-Abfahrt aufs Podest fährt, dazu keine 17 Jahre alt ist und mit seinem Lachen alle ansteckt, steigt von einem Tag auf den anderen aus der Anonymität zu den Lieblingen der Sportnation auf. Dass der blonde Wirbelwind aus dem Tessin vor dem Ziel gestürzt und auf dem Rücken über die Linie gerutscht war, machte die Sensationsgeschichte noch spezieller.

Mit Zufall hatte der Exploit nichts zu tun. Lara Gut ist ein Jahrzehnt-Talent, das Potenzial scheint fast grenzenlos. Ihr Weg an die Spitze verläuft abseits der üblichen Pfade. Vater Pauli Gut gibt ihn vor. Er ist seit dem Frühling der Kopf eines privaten Betreuerteams mit eigenem Trainer, eigener Physiotherapeutin und eigenem Servicemann. Solche Alleingänge ausserhalb der Verbandsstrukturen kannte man im Schweizer Skisport bisher praktisch nur aus dem Ausland.

Lara Gut wird von ihrer Crew behutsam aufgebaut, im Zentrum soll auch auf Stufe Weltcup die unbändige Freude am Skifahren stehen. Kombiniert mit dem Talent und dem nicht minder grossen Ehrgeiz strebt sie die ganz grossen Erfolge an. Gut ist den Guts nicht gut genug - Lara will die Beste werden. Ob ihr das gelingt und sie vom Sternchen zum Star wird, hängt nicht nur von der jungen Athletin und ihrem Umfeld ab. Gerade im Skisport wurde schon manche Karriere von Verletzungen schwer beeinträchtigt.

Wenn alles gut geht, dürfte Lara Gut in den nächsten Jahren aber entscheidend dazu beitragen, dass der Skisport in der Schweiz seinen hohen Stellenwert halten kann. Auf Figuren wie sie, Daniel Albrecht oder Marc Berthod fahren auch die Kids ab. Lassen sie sich von den grossen Vorbildern nicht nur vor den Fernseher, sondern auch auf die Pisten locken, ist die Basis für die Förderung einer weiteren Generation gelegt.

(sda)