Ben Roethlisberger

04. Februar 2011 14:30; Akt: 04.02.2011 15:21 Print

Football, Reue und eine Sauftour in Texas

von Jürg Federer, Arlington - Erst gesperrt, dann als Captain abgewählt: Pittsburgh-Quarterback Roethlisberger spricht mit 20 Minuten Online über den harten Weg zum Super Bowl.

storybild

Der «Schweizer» Ben Roethlisberger steht am Sonntag im Super Bowl. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Football-Saison 2010/11 begann für Ben Roethlisberger im Exil. Nach zweifachen Anschuldigungen der sexuellen Belästigung in nur einem Jahr hat ihn die Football-Liga NFL wegen Verstössen gegen die Verhaltensgrundsätze der Liga für vier Spiele gesperrt. Dies obwohl es in keinem der beiden Fälle zur Anklage kam. Während vier Wochen durfte Roethlisberger an keinen Teamaktivitäten teilnehmen, sogar der Kontakt zu seinen Teamkollegen war ihm untersagt. In seinem Privathaus in Hampton Township, Pennsylvania, hat er am TV erfahren, dass ihn seine Mannschaft nicht mehr zum Captain gewählt hat. Die zwei Saisons zuvor gehörte Roethlisberger immer zum Captainteam der Pittsburgh Steelers. «Diese Situation habe ich mir selbst eingebrockt», reflektiert ein geläuterter Ben Roethlisberger beim Interview während der Super-Bowl-Woche in Arlington gegenüber 20 Minuten Online. Er habe aus der Vergangenheit gelernt und heute sei ihm bewusst, dass er vom Glück verwöhnt sei, bereits zum dritten Mal einen Super Bowl bestreiten zu dürfen. «Der Super Bowl ist alles, was man sich als Junge erträumt. Jedes Mal, wenn ich daran teilnehmen darf, geht ein Traum in Erfüllung. Ich bin wirklich dankbar, bei einer so erfolgreichen Organisation wie den Pittsburgh Steelers zu spielen.»

Mehr Fragen zu seiner jüngsten Vergangenheit lässt der gebürtige Amerikaner aus Findlay, Ohio nicht zu. «Nicht nur ich, sondern unser gesamtes Team hat diese Saison einen weiten Weg zurückgelegt. Wir haben Verletzungen und Sperren überstanden aber jetzt, wo wir im Super Bowl stehen, lassen wir das alles zurück und am Sonntag werden wir Football spielen, als wäre es unser letztes Spiel.» Roethlisbergers Antwort hat hypothetischen Charakter. Die NFL und die Spielergewerkschaft der Liga versuchen seit Monaten erfolglos, ihren auslaufenden Vertrag zu erneuern. Es geht um zusätzliche Spieltage, Gewinnbeteiligungen und die Verbindlichkeit von Spielerverträgen. Die Millionäre der NFL streiten sich mit den Milliardären, die die Teams besitzen, um viel Geld. Es droht ein NFL-Lockout, der Verlust einer ganzen Saison. «Ich verstehe, dass die Gewerkschaftsgespräche ein Thema für die Medien und die Öffentlichkeit sind, aber für uns geht es zurzeit nur um den Super Bowl», so der Pittsburgh-Quarterback.

Gute Erinnerungen an die Schweiz

Roethlisberger hat bereits zwei Super-Bowl-Trophäen gewonnen. Nach seinem ersten Sieg, im Jahr 2006, reiste er an den Ursprung seiner Familie, in die Gemeinde Lauperswil im Emmental. 1873 wanderte sein Ur-Ur-Grossvater von da nach Amerika aus. «Für mich war es sehr spannend, in die Schweiz zu reisen. Bis kurz vor meiner Reise wusste ich gar nicht, dass ich Schweizer Wurzeln habe», sagt der Amerikaner mit dem Ur-Schweizer Namen. «Während meinem Aufenthalt in der Schweiz wurde mir die Kultur des Landes näher gebracht, die Schweiz ist mir bis heute in sehr guter Erinnerung geblieben. Die Landschaften sehen aus wie aus einem Märchen. Ich würde sehr gerne wieder einmal in die Schweiz reisen.»

Ein Kommunikator und Lebemann

Gewinnt Ben Roethlisberger am Sonntag auch seinen dritten Super Bowl, rückt der Amerikaner mit Emmentaler Wurzeln an die dritte Stelle der erfolgreichsten Football-Quarterbacks der NFL-Geschichte. «Das würde mir nach einem schwierigen Saisonstart viel bedeuten. Aber an den dritten Erfolg mag ich im Moment noch gar nicht denken, wir sind noch eine Partie von diesem Sieg entfernt», sagt er. Aus der Erfahrung seiner zwei ersten erfolgreichen Super-Bowl-Teilnahmen wisse er, dass man leicht vom ganzen Rummel überwältigt werden könne, der um den Event gemacht wird. «Eigentlich ist der Super Bowl vom Sonntag ja ein Spiel wie jedes andere, es fühlt sich wegen der Beachtung, die der Event geniesst, einfach anders an als ein normales Spiel», so Roethlisberger, fügt aber an: «Wir versuchen, in Texas möglichst viel Spass zu haben.» Das meint der erfahrende Quarterback wortwörtlich so. Er hat sich seit seinen vier Spielsperren zum Saisonbeginn mit seiner Reputation befasst und sich einem ausgedehnten Kommunikationstraining unterworfen. Roethlisberger lässt keine Möglichkeit aus, seiner Dankbarkeit für sein Leben Ausdruck zu verleihen und den in Amerika sehr plakativ ausgelebten Glauben an Gott zu propagieren.

Ein Lebemann ist der Footballer aber in seiner wahren Natur geblieben. Am Mittwochabend wurde Roethlisberger bei einer ausgedehnten Zechtour durch die Bars von Texas gefilmt. Dass dies der amerikanischen Boulevardpresse nicht verborgen bleiben würde, wusste der Pittsburgh-Spieler mit Sicherheit. Sein dritter Super-Bowl-Triumph und der dritte Rang in der ewigen Bestenliste aller Quarterbacks ist für ihn zwar nur noch eine Partie entfernt. Für den Weg zur persönlichen Rehabilitierung und zur Imagekorrektur wird er sich im konservativen Amerika aber mehr Zeit nehmen müssen. «Ein Teamcaptain definiert sich nicht nur über seine Leistungen auf dem Feld», sagte Pittsburghs Wide Receiver Hines Ward nach Roethlisbergers Abwahl als Teamcaptain gegenüber der Agentur Associated Press. «Captains definieren sich auch über ihre Aktionen neben dem Football-Platz.»