Walujew gegen Holyfield

16. Dezember 2008 08:58; Akt: 16.12.2008 09:58 Print

Gegensätze prügeln sich

von Patrick Toggweiler - Der eine tänzelt, der andere schnaubt. Der eine stiert ins Leere, der andere gibt freundlich Auskunft und lächelt dabei so milde, wie das seine Erscheinung zulässt. Evander Holyfield und Nikolaj Walujew könnten unterschiedlicher nicht sein.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Medienboxtraining im Swissôtel in Oerlikon: Es gehört halt dazu, kommuniziert Holyfields Körpersprache, als er den Konferenzsaal mit aufgebautem Boxring betritt. Sein Blick wirkt leer, alles Routine für den 46-Jährigen.


Es sich und der Welt nochmals beweisen

Im Boxring dann ein einstündiges Showtraining. Zu Beginn ein Aufwärmen das an ein Altersturnen erinnert: Mit den Hüften kreisen, sanftes Stretching. Es fällt kein Wort bis der Meister nach Musik verlangt. Durch die Boxen quält sich kitschiger Soul - «Sexy Lady…». die Jungs von Betreuerstab schauen Holyfield beim Training zu. «Keine Frauen vor dem Kampf», sagt Tim Hallmark, Holyfields persönlicher Vorturner,«alles Arbeit und Geschäft, kein Spass».

Trainer Tommy Brooks gibt ein Zeichen: Springseilen. Holyfield federt leicht auf und ab. Erste Schweissperlen auf der Stirn des Herausforderers, dem niemand so richtig den Sieg zutraut. Vielleicht ein Achtungserfolg – mehr nicht. Die Wettquoten stehen bei 5:1. Routiniert hüpft Holyfield weiter. «Time», ruft sein Neffe. Holyfield entspannt sich, geht wie ein Raubtier durch den Ring. Von den vielen Journalisten scheint er keine Notiz zu nehmen.

«Time» heisst es wieder. Mit stierem Blick hüpft Holyfield erneut auf und ab. Ein Optimist erkennt darin Konzentration. Ein Pessimist Hoffnungslosigkeit. Beim Schattenboxen tänzelt Holyfield wie ein junges Reh und zeigt ein erstes Mal so etwas wie Frische. Danach hämmert er noch ein paar Kombinationen in die Tatzen von Tommy Brooks, seinem Trainer, der etwas in Richtung Alexander Simin lamentiert – Simin ist Walujews Trainer und der nimmt schon einmal einen Augenschein vom Gegner seines Schützlings.

Bei den Interviews bleibt Holyfield höflich, aber banal. Der Mann ist nicht zum Reden nach Zürich gekommen. Wenn Holyfield vielleicht für den Boxring nicht zu alt ist, dann aber fürs Vorgeplänkel mit dem Medien. Trotzdem hält er eine ganze Stunde aus. Das war wohl auch der Sinn der Sache. Zeigen, dass man noch fit ist. Ganz anders Walujew. Der Russe hat nichts zu beweisen. Wohl das erste Mal in seiner Karriere erhält der russische Riese weniger Medienaufmerksamkeit als sein Gegner: «Hurra!», lacht er in die Kamera. «Das ist wunderbar. So bleibt mehr Zeit um zu Trainieren und zu Relaxen.»

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen

(Video: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online)


Die Ruhe vor dem Sturm

Im Gegensatz zu Holyfield bemüht sich Walujew nicht, sein ganzes Repertoire zu zeigen. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, anständige Boxschuhe zu schnüren. In riesigen Joggingschuhen macht er ein paar unkonventionelle Dehnübungen, danach Schattenboxen. Wenn Walujew durch den Ring walzt, hat das nichts Tänzerisches. Aber schnell ist er trotzdem. Daran hat er mit Trainer Simin intensiv gearbeitet. Und wenn sich der Russe in die Schläge stemmt, zittert der Boden.

Bei den Interviews lässt sich Walujew die Fragen übersetzen. Die Antworten folgen auf Deutsch. Immer wieder lächelt er, einmal gar laut heraus. Die finstere Miene scheint er nur zu tragen, wenn er kurz vergisst, dass er als Boxer nicht lächeln darf. «Ich bin ein Familienmann», meint der Riese. Es scheint, als würde er gleich die gesamte Journalistenschar zu einem gemütlichen Nachtessen in seiner Datscha einladen wollen. Nur auf die Frage nach seiner Taktik reagiert er gereizt: «Kein Kommentar», auch beim zweiten und dritten Nachfragen.

Der eine unterkühlt, professionell und gewillt, der Welt zu beweisen, dass man auch mit 46 Jahren noch Weltmeister werden kann, der andere freundlich und bisweilen sogar fröhlich ohne dabei den Fokus zu verlieren. Evander Holyfield und Nikolaj Walujew sind so gegensätzlich wie Dick und Doof – ohne dass ein Dicker oder Doofer auszumachen wäre. Im Gegenteil. Eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Sportlern gibt es dann trotzdem: Die Bescheidenheit. Man respektiert den Gegner, das wird immer wieder betont – aber man habe das Rüstzeug den anderen zu schlagen. Und: Es wird ein grosser Kampf werden am Samstag in Zürich. Die lauten Zeiten im Boxsport sind definitiv vorbei.