Super Bowl XLV

05. Februar 2011 15:01; Akt: 05.02.2011 15:01 Print

Green Bay wie Ambri - nur erfolgreich

von Jürg Federer, USA - Der Super Bowl XLV zwischen den Pittsburgh Steelers und den Green Bay Packers ist ein Glücksfall für die NFL – wenn Pittsburgh gewinnt.

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Die Green Bay Packers fordern die Pittsburgh Steelers heraus. (Bild: Keystone)

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Die Pittsburgh Steelers werden am kommenden Sonntag bereits zum achten Mal an einem Super Bowl teilnehmen. Nur ein Mal hat das Team ein Finalspiel der amerikanischen Football-Meisterschaft verloren. Damit sind die Pittsburgh Steelers das erfolgreichste Football-Team der Super Bowl-Ära und ihr Quarterback mit Schweizer Urahnen, Ben Röthlisberger, kann am Sonntag mit einem Sieg in den dritten Rang der erfolgreichsten Quarterbacks der NFL-Geschichte vorstossen (20 Minuten Online berichtete). Die Chancen, dass Pittburgh gewinnt, stehen 12:13, so zumindest sehen das die Wettbüros in Las Vegas. Einen Umsatz von 7 Milliarden US-Dollar erwarten sie vom Spiel am kommenden Sonntag.

Neben den Siegerwetten gibt es auch weit spekulativere Wettangebote: So kann, wer will, sein Geld darauf wetten, wie lange Christina Aguilera die letzte Note der amerikanischen Nationalhymne halten wird oder wie oft während der TV-Liveübertragung der Name des ehemaligen Green Bay-Quarterbacks, Brett Favre, erwähnt wird.

Für die Wettbüros, für die lokale Wirtschaft von Arlington in Texas und für die NFL ist der Super Bowl XLV zwischen den Pittsburgh Steelers und den Green Bay Packers ein Glücksfall. Es treffen am Sonntag zwei der erfolgreichsten und traditionsreichsten Mannschaften aufeinander. Und sowohl Pittsburgh als auch Green Bay können auf eines der besten Fanlager der NFL zählen. Dabei ist gerade Green Bay ein Phänomen, das auf der nationalen Sportbühne der Schweiz gut und gerne mit dem HC Ambrì-Piotta verglichen werden kann.

Eine Warteliste von 64 Jahren

Gemäss der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2008 hat Green Bay 101 000 Einwohner, das sind weniger als am Sonntag im Dallas Cowboys Stadion von Arlington am Super Bowl XLV als Zuschauer anwesend sein werden (105 000). Städte mit 100 000 Einwohnern sind in den Grössenverhältnissen der USA ein Nest wie Ambrì-Piotta, das nur knapp 500 Einwohner zählt aber Eishockeyfans in ganz Europa begeistert.

Seit 1960 war jedes Heimspiel der Green Bay Packers ausverkauft, wie der HC Ambrì-Piotta zieht das Team Fans aus dem ganzen Land an. Das Stadion in Green Bay fasst 73 128 Fans, das sind drei Viertel der gesamten Stadtbevölkerung und über 8000 Plätze mehr als das Heinz Field vom Super Bowl XLV-Gegner aus der Metropole Pittsburgh (2 354 957 Einwohner) bietet.

Die Fangemeinde der Green Bay Packers ist so gross, dass Saisonkarten nicht selten zur Geburt eines Babies verschenkt werden. Die Wartezeit von aktuell 64 Jahren berücksichtigt, kann der Empfänger noch vor seiner Pension auf einen Platz im Stadion zählen. Auf der Warteliste für Saisonkarten in Green Bay stehen mehr Namen (83 000) als im Stadion Zuschauer Platz finden. Green-Bay-Packers-Saisonkarten werden oft in Testamenten festgehalten und per persönlichem Vermächtnis weitergegeben. Das Clubreglement erlaubt den Übertrag einer Saisonkarte per Testament ausdrücklich.

Ausnahmeerscheinung: Stadt als Besitzer

Im Milliardenbusiness NFL ist Green Bay eine einzigartige Erscheinung. Die Packers sind die einzige Mannschaft in den vier grossen, amerikanischen Sportligen (NFL, MLB, NBA, NHL), die keinen Milliardär oder keinen Konzern als Besitzer haben. Die Stadt Green Bay besitzt das heimische Football-Team und damit verstossen die Packers eigentlich gegen das NFL-Reglement, doch der einzigartige Markt von Green Bay ist von dieser Besitzerklausel ausgeschlossen.

Nach den wirtschaftlichen Gesichtspunkten eines Teambesitzers hätten die Packers die Stadt wohl längst verlassen. Green Bay ist mit Abstand der kleinste NFL-Markt, die Stadt lebt von der Fleischindustrie, auf amerikanisch «meatpacking» genannt. Daher stammt auch der Name der Packers. Das Durchschnittseinkommen der Einwohner von Green Bay liegt deutlich unter dem amerikanischen Durchschnitt, 10 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

Bratwürste, die brutzeln, wie die Montanara klingt

Das grosse Vermarktungsgeschäft im Verlauf des Sommers stellt sich für die NFL deshalb vor allem dann ein, wenn Green Bay am Sonntag gut spielt aber die Pittsburgh Steelers gewinnen. Im Gegensatz zum HC Ambrì-Piotta, dessen grösste Erfolge der NLA-Klassenerhalt seit über 25 Jahren und der Gewinn des IIHF Super Cup 1999 sind, kann sich die Stadt Green Bay stolz «Titletown» – also Titelstadt – nennen.

Elf Mal konnten die Packers vor der Super Bowl-Ära die Meisterschaft gewinnen und drei Mal den Super Bowl in die Kleinstadt in Wisconsin holen. Gelingt am Sonntag im Super Bowl XLV der vierte Erfolg, dann werden in der klirrenden Kälte von Green Bay wieder Bratwürste gebrutzelt, unzählige Bierdosen geschäumt und bis weit in die Nacht hinein Footballs über die Parkplätze der Kleinstadt geworfen. Diese einzigartigen Football-Feiern in einem kleinen, amerikanischen Nest, sind durchaus mit den warmen Klängen der Montanara zu vergleichen, die die Fans des HC Ambrì-Piotta in der kalten Valascia anstimmen, wenn ihre Mannschaft aus dem 500 Seelendorf gewinnt.