«Londoner Letzigrund»

30. März 2011 17:56; Akt: 31.03.2011 07:59 Print

Hier will West Ham Fussball spielen

Das Olympiastadion von London ist bereit. Nach den Spielen von 2012 wird West Ham United in die Arena einziehen. Keine guten Aussichten für die Fans der «Hammers».

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Weniger als ein Jahr vor der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 in London ist das Olympiastadion fertiggestellt worden. Nach drei Jahren Bauzeit verlegte der frühere namibische Sprintstar Frankie Fredericks am 29. März das letzte Rasenstück. Derzeit fehlt dem Stadion im Olympia-Park in Londons Osten allerdings noch die Leichtathletik-Bahn. 715 Millionen Franken hat der Bau gekostet, 80 000 Zuschauer werden bei der Eröffnungsfeier Platz finden. Fussballspiele werden während Olympia hier aber nicht ausgetragen.

Und was passiert mit dem riesiegen Kübel nach den Olympischen Spielen? Ursprünglich war geplant, die Arena in ein reines Leichtathletik-Stadion mit 25 000 Sitzplätzen und ein sportmedizinisches Zentrum umzuwandeln. Im Herbst des letzten Jahres bewarben sich mit West Ham United und Tottenham Hotspur aber auch zwei Premier-League-Vereine um die Nachnutzung des Stadions.

Leichtathletik-Bahn bleibt

In den Plänen der «Spurs» sollte das komplette Olympiastadion abgebrochen und an gleicher Stelle ein reines Fussballstadion errichtet werden. Das war der für das «Erbe» der Spiele zuständigen Olympic Park Legacy Company (OPLC) aber ein Dorn im Auge und so erhielten Anfang März die «Hammers» den Zuschlag, ihre Spiele künftig im Olympiastadion auszutragen. Dafür wird die Arena nach Olympia von 80 000 auf 60 000 Sitzplätze zurückgebaut, die Leichtathletik-Bahn bleibt drin. 2014 will West Ham in die neue Heimat umziehen, Tottenham will den Fall aber vor Gericht ziehen.

Ein Fussball-Stadion mit einer Leichtahtletik-Bahn? Der Schweizer Fussball-Fan denkt dabei unweigerlich an die Querelen um den neuen Letzigrund. Das Zürcher Stadion war eigentlich für die Austragung des Meetings «Weltklasse Zürich» sowie für Konzerte vorgesehen. Da aber das reine Fussballstadion auf dem ehemaligen Areal des Hardturms wegen zahlreicher Einsprachen nicht gebaut werden konnte, wurde es auch zur neuen Heimat des FC Zürich sowie des Grasshopper Clubs. Die Fans bemängelten schnell die fehlende Atmosphäre. Das Stadion sei als Fussballarena schlicht und einfach ungeeignet.

Fans brauchen ein Fernglas

Das gleiche Schicksal droht nun den West-Ham-Fans. Diesen fällt der Umzug zwar schwer, so richtig trauert dem Boleyn Ground trotz 100-jähriger Stadion-Tradition überraschenderweise niemand nach. Seit 1904 spielt der Verein aus Londons Betonwüste «East End» im Upton Park, wie wie der Volksmund die Spielstätte nennt. Ein Hexenkessel war er nie. Stimmung und Tradition haben drei Modernisierungsmassnahmen seit 1993 nicht unversehrt überstanden. Die zwei riesigen Ritterburg-Türme am Haupteingang erinnern eher an einen Vergnügungspark als an ein Fussballstadion. Ausserdem sassen die Fans auf der Haupttribüne des Boleyn Ground für englische Verhältnisse schon relativ weit vom Spielfeld weg.

In Zukunft wird es aber deutlich schlimmer. Wer sich die Bilder des fertiggestellten Olympiastadions ansieht, kann sich kaum vorstellen, dass dort eine Hexenkessel-Atmosphäre entstehen kann. Wer hinter der Grundlinie sitzt, braucht fast ein Fernglas, um das gegenüberliegende Tor erkennen zu können. Und auch auf der Haupttribüne sitzen die Zuschauer sehr weit vom Geschehen entfernt. West Ham kämpft ausserdem gegen den Abstieg in die Zweitklassigkeit. Mit 32 Punkten liegen die «Hammers» acht Runden vor Schluss punktgleich mit Wolverhampton nur knapp über dem Strich. In der zweiten Liga wären die Aussichten in einem halbleeren Olympiastadion mit Leichtathletik-Bahn noch trostloser.

(pre)