Simone Biles

14. Oktober 2019 14:08; Akt: 14.10.2019 14:08 Print

Hinter den Erfolgen liegt ein brutaler Weg

von Marcel Rohner, David Wiederkehr - Die Mutter drogenabhängig, der Bruder unter Mordverdacht und der Trainer ein Sexualstraftäter: Simone Biles hatte bei ihrem Aufstieg viele Hindernisse zu überwinden.

Unwiderstehlich: Simone Biles holt Gold mit ihrer Bodenübung. (Video: SRF)
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Wenn sie turnt, dann setzt sie ein Statement. Ein Statement, das nichts mehr aussagt, als: «Seht her, ich bins, die Beste der Welt, die GOAT, die Grösste aller Zeiten.» Jede Übung wird zur Machtdemonstration, vor allem am Boden, wenn sie auf der ersten Diagonale gleich zu Beginn ihren eigenen Sprung zeigt, einen gehockten Doppelsalto mit dreifacher Schraube, einen Sprung, den nur sie beherrscht: Simone Biles.

Auch bei der WM in Stuttgart zeigte die US-Amerikanerin den Sprung. Sie holte Gold, natürlich mit einem Punkt Vorsprung auf den Rest der Konkurrenz. Die Medaille ist historisch, es ist die 25., die Biles an einer WM gewinnt, die fünfte goldene in Stuttgart. Niemand hat eine grössere Sammlung. Zur Erinnerung: Biles ist 22. Der Titel «die Grösste aller Zeiten» beinhaltet zwar auch die Zukunft, aber ob die Turnwelt je wieder eine solche Ausnahmeathletin zu Gesicht bekommen wird? Schwer vorstellbar.

Der steinige Weg der Simone Biles

Elegant und doch voller Power, stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Kunststücke, die Biles auf die Matten und in die Lüfte zaubert, lässt sie einfach aussehen. Sie, die für jede ihrer Konkurrentinnen eine Umarmung übrighat, sie, die von der Schweizerin Giulia Steingruber als «bodenständig und immer aufgestellt» beschrieben wird. Das mag heute so sein. Doch Biles’ Biographie ist nicht nur von Glücksmomenten geprägt.

Im März 1997 kam Biles in Columbus zur Welt. Als Tochter einer drogen- und alkoholabhängigen Mutter. Simone und ihre drei Geschwister Adria, Ashley und Tevin wurden bei einer Pflegefamilie untergebracht, danach zogen sie zum Grossvater nach Texas. Bald wurden die Geschwister getrennt, Ashley und Tevin gingen zurück nach Ohio. Tevin sitzt heute wegen Mordverdachts im Gefängnis.

Im Garten des Grossvaters begann das, was Biles am Sonntag zementierte. «The Road to GOAT», der Weg zur Grössten aller Zeiten. Sie habe nie stillsitzen können, erzählte Biles einmal, mit 14 war klar, dass sie die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Als sie sechs Jahre alt war, wurden Trainer erstmals auf sie aufmerksam, und doch verpasste sie mit 14 die Aufnahme in das Kader der Juniorinnen. Am Barren war sie zu wenig gut und zu klein war sie auch.

«Eine der Überlebenden»

Biles aber schaffte den Sprung, sie trainierte bald auf der berüchtigten Karolyi-Ranch, bekannt für ihren Drill und harten Umgang mit jungen Sportlerinnen. Geführt wurde das Trainingszentrum vom Ehepaar Bela und Marta Karolyi, das teils brutale Trainingsmethoden aus Rumänien in die USA mitbrachte. Viele Athletinnen hungerten, hatten jahrelang Essstörungen, Eltern waren nicht gestattet. Auf der Ranch hatte auch Larry Nassar sein Unwesen getrieben, der Trainer missbrauchte hunderte Turnerinnen sexuell. Biles twitterte vor dem Verfahren gegen ihn: «Auch ich bin eine der vielen Überlebenden.» Über 150 Betroffene sagten gegen Nassar aus, er wurde zu 175 Jahren Haft verurteilt. Die Karolyi-Ranch ist mittlerweile geschlossen.

Biles sagte nach dem Prozess, sie erinnere sich jeden Tag daran, was sie durchgemacht habe. Sie kritisierte den US-Turnverband heftig, weil dieser sie und ihre Kolleginnen nicht beschützt hatte. Trotz allem biss sich Biles durch, sie holte 2013 zum ersten Mal eine WM-Medaille, es war sogleich die erste goldene. Da war sie 16. Nun sind in sechs Jahren 24 weitere Auszeichnungen dazugekommen. Und Simone Biles wird nicht zu stoppen sein. Noch nicht. Oder in den Worten von Fabian Hambüchen, einst selbst Olympiasieger am Reck: «Sie müsste sich ja gar nicht mehr steigern – und tut es trotzdem.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefi am 14.10.2019 15:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kindheit

    Solche Menschen (Kinder) lernen von klein auf zu überleben, überleben statt zu leben. Sie entwickeln Stärken die normal erziehende Kinder nicht haben.

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  • Stefania am 14.10.2019 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Der WAHNSINN

    Wie schafft es ein Mensch sich so zu Bewegen? Hut ab Liebes, weiter so!

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  • Dario Mohenjo am 14.10.2019 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz viele Kudos

    Respekt an die junge Frau. Gratuliere ihr zum Erfolg und dass sie ihren Weg, trotz aller Widerstände, gegangen ist. Dazu braucht es grosses Mass an Disziplin und Durchhaltewillen. Ich hoffe, sie kann die Dämonen der Vergangenheit hinter sich lassen und in eine glücklichere Zukunft gehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike Smith am 15.10.2019 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Mut und Stärke

    Hut ab von dieser Leistung - eine starke Frau die hoffentlich nie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird

  • Tesla Toaster am 14.10.2019 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    So einfach ist das

    Zitat «Sie müsste sich ja gar nicht mehr steigern und tut es trotzdem.» Wer aufhört besser zu werden, hört auf gut zu sein.

  • Leo67 am 14.10.2019 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Gute fürs Leben

    Ich mag ihr alles gönnen, sie ist kaum je wieder zu topen eine turnerin von einem anderen stern.... und trotzdem, muss man auch daran denken was sie durchmachen musste....... ob so junge menschen nicht ihre kindheit verloren haben? diese extreme zum extremen lassen kein kind sein zu...... es ist zu hoffen, ihr zu wünschen, dass sie und andere junge sportler/innen in ihrem jungen sportlerdasein es auch beim älter werden verkraften was sie eigentlich nie ausleben konnten....kind sein.

  • Luigi Taverna am 14.10.2019 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ritalin

    Sie hat eine Spezialbewilligung zur Einnahme von Ritalin. Ich würde es fair finden, wenn die Liste der Spezialbewilligungen für Sportler offen gelegt würden. Dann kann man die Leistung besser vergleichen.

  • Werni am 14.10.2019 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unnötig

    Solche Kinder werden von ihren Eltern ab dem 4. Lebensjahr unter Druck gesetzt, um jeden Preis. Mit 25 ist es dann vorbei und sie haben gar keinen vernünftigen Beruf erlernt.

    • Peter V. am 15.10.2019 06:15 Report Diesen Beitrag melden

      @Werni

      Was ist an Kunstturnen unvernünftig? Ich denke, Simon Biles mag wohl trotz ihrem jungen Alter besser beurteilen, welchen Weg ihr Freude bereitet. Und: diese Frau bereitet auf der ganzen Welt vielen anderen Menschen mit ihren Kunststücken, viel Freude! Was ist daran falsch?

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